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"Viel Empathie für die kindlichen Opfer"

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Holocaust-Erinnerung an Schulen - "Viel Empathie für die kindlichen Opfer"

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Mit Schmetterlings-Installationen erinnern Schüler an jüdische Kinder, die im Holocaust ermordet wurden. Ein Stück Erinnerungskultur, das immer mehr Schulen als wichtig ansehen.

Michael-von-Jung-Schule, Kirchberg an der Iller
"Butterfly"-Wand an der Michael-von-Jung-Schule in Kirchberg an der Iller
Quelle: Michael-von-Jung-Schule, Kirchberg an der Iller

Steven Schindler reist ins Land seiner Ahnen, sitzt im Zug von Berlin nach Cottbus und findet sich plötzlich mit einer Gruppe Neonazis in einem Wagen wieder. Glatzköpfe in Bomberjacken und Springerstiefeln, die auf andere Reisende durch ihr martialisches Auftreten und Benehmen bedrohlich wirken. Der US-Amerikaner ist unmittelbar konfrontiert mit den geistigen Nachfahren jener, die einst ein verbrecherisches System errichteten, das sechs Millionen Juden ermordete - darunter Schindlers Großmutter Rachela, Großvater Benjamin und Tante Cäcilie.  

Steven Schindler ist das vor einem Jahr widerfahren, auf dem Weg in jene Stadt, in der sein Vater Max und sein Onkel Alfred aufwuchsen - die einzigen engen Familienmitglieder, die im Zweiten Weltkrieg nicht in einem Konzentrationslager umkamen. "Sie können sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe als Sohn eines Holocaust-Überlebenden, in diesem Zug, mit diesen Leuten", sagt der 60-Jährige.

Ein Weg, die Herzen der Kinder zu erreichen

Er ist noch immer erschüttert, vor allem aber, weil er beobachtet, "dass in Deutschland wie auch in den USA die Zahl jener Menschen wächst, die vergessen zu haben scheinen, dass wir besser zusammenstehen, als uns zu verachten." Schindler weiß, dass aggressive Holocaust-Leugner über seine Botschaft lachen. Aber er hat einen Weg gefunden, Kinder, deren Eltern und Lehrer zu erreichen.

Der Mann aus San Diego vertritt das 2006 in den USA gestartete "Butterfly Project", das inzwischen auch in Deutschland immer mehr Teilnehmer gewinnt. Insgesamt sollen 1,5 Millionen Keramik-Schmetterlinge von Kindern und Erwachsenen bemalt werden - einer für jedes Kinderleben, das vom Hitler-Regime ausgelöscht wurde. Eng verbunden damit ist auch ein pädagogisches Programm, bei dem die Kinder altersgerecht an die Geschichte des Holocaust herangeführt werden sollen.

Friedrichsgymnasium, Kassel
Das "Butterfly"-Projekt am Friedrichsgymnasium Kassel
Quelle: Friedrichsgymnasium, Kassel

Schindler vertritt das "Butterfly-Project" auch im Auftrag seiner 90-jährigen Mutter Rose, einer Auschwitz-Überlebenden. "Sie musste ihrem sterbenden Vater in Auschwitz versprechen, den Menschen zu berichten, was ihnen angetan worden ist, dass sich so etwas nie mehr wiederholt", sagt Schindler. Nachdem Grundschüler vor einem Jahr die deutschlandweit erste Schmetterlings-Installation in Cottbus entwarfen, haben zahlreiche Schulen ähnliche Projekte mit ihren Schülern angestoßen.

Den Opfern Namen und Identität geben

Jedes Kind, das am "Butterfly"-Projekt teilnimmt, bekommt biographische Daten zu einem jüdischen Kind, das in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt hat. Es sind Informationen wie diese über das Mädchen Evelyne Alexander, geboren am 3. Mai 1936 in Berlin: "Wohl im Zuge der 'Fabrik-Aktion' wurde die Familie Ende Februar 1943 festgenommen und deportiert. Dieser letzten großen Terror-Maßnahme fielen rund 7.000 noch in Berlin verbliebene jüdische Einwohner zum Opfer."

"Butterfly"-Projekt: Lehrer sprechen über ihre Erfahrungen

Ein Ziel des "Butterfly"-Projekts ist es, die Opfer aus einer anonymen Masse herauszulösen, ihnen Namen und Identität zu geben. Dass das gelingt, berichtet unter anderem die Lehrerin Antje Skerra-Funke aus Kassel: "Unsere Schülerinnen und Schüler haben sich auf gewisse Weise mit 'ihrem' Kind identifiziert." Berührungsängste mit dem Thema habe es bei den Schülern nicht gegeben. "Die Kinder haben im Laufe des Projekts sogar eher ein tieferes Verständnis für den Holocaust und eine Empathie für die kindlichen Opfer aufgebaut", sagt Skerra-Funke.

Neue Organisation "Empathie in Aktion"

"Das ist die Brücke von der Vergangenheit ins Hier und Jetzt und weiter in die Zukunft": So beschreibt es Nicole Nocon, die Koordinatorin des Projekts in Deutschland. "In den Kindern ist viel Empathie vorhanden. Wir wollen mithelfen, dass sie sich das erhalten und später zu mitfühlenden Erwachsenen werden, denen Unrecht nicht gleichgültig ist." Steven Schindler ergänzt: "Ich hoffe, dass sie mit Empathie Hass und Gewalt entgegentreten werden", sagt er.

Um sie dabei zu unterstützen, haben Schindler und Nocon eine neue Organisation gegründet, die "generation e – Empathie in Aktion". Sie hat das Ziel, junge Menschen in Deutschland, den USA und weiteren Ländern miteinander zu vernetzen, um sich gemeinsam "für ein friedliches Miteinander der Nationen, Rassen und Religionen einzusetzen".

"Zeichen setzen für Mitmenschlichkeit"

Steven Schindler reist in diesen Tagen wieder nach Cottbus. Am Freitag wird dort am Evangelischen Gymnasium eine weitere Schmetterlings-Installation eingeweiht. Schindler freut sich auf die Begegnung mit den Schülern. Er sagt: "Ich hoffe, dass die Mädchen und Jungen für sich mitnehmen, wie wichtig es ist, für sich und andere aufzustehen und Zeichen zu setzen für Mitmenschlichkeit."

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