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Warum die Hufeisentheorie nicht zeitgemäß ist

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Linke und Rechte - Warum die Hufeisentheorie nicht zeitgemäß ist

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Nach den Wahlen in Thüringen war sie wieder da, die berühmte Extremismustheorie. Warum die Theorie nicht zeitgemäß ist - und niemals war.

Hufeisen, aufgenommen am 23.01.2020 in Niedersachsen
Hufeisen
Quelle: imago images / Martin Wagner

Seit dem politischen Beben in Thüringen geistert sie (mal wieder) durch die Medien, trendet bei Suchmaschinen und in Sozialen Netzwerken: Die Hufeisentheorie. Dabei handelt es sich um ein Schema, anhand dessen Parteien auf der politischen Skala von links- bis rechtsextrem eingeordnet werden können - in der kreativen Form eines Hufeisens. Die folgende Grafik veranschaulicht diese Idee.

Grafik: Hufeisentheorie
Die Hufeisentheorie stellt Links- und Rechtsextremismus einander gegenüber.
Quelle: ZDF

Nach den Wahlen in Thüringen hat "Bild"-Journalist Julian Röpcke die Parteien anhand dieses Schemas eingeordnet - und die Linke diametral der AfD gegenüber gestellt. Sein Twitterpost löste eine rege Diskussion im Netz aus. Unter Politologen ist die simple Gleichsetzung von links und rechts im politischen System umstritten. Als "eine der denkfaulsten Konstruktionen der Politikwissenschaft", bezeichnet es die Extremismusforscherin Natascha Strobl auf Twitter. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung kritisiert die Theorie. Warum wird sie trotzdem häufig herangezogen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Ist die Hufeisentheorie noch zeitgemäß?

"Das Hufeisenmodell war nie zeitgemäß", sagt Politologe Robert Feustel. Schon immer habe es die politischen Lager "fahrlässig vereinfacht" und eine gefährliche Gleichsetzung zwischen links und rechts provoziert, so der Wissenschaftler. "Heute ist sie allerdings noch absurder als früher", so Feustel. Während linker Stalinismus kaum noch vorhanden sei, nehme der aggressive Faschismus auf der rechten Seite immer weiter zu und sei "unüberhörbar".

Links, Mitte, Rechts: Funktioniert diese Einteilung heutzutage noch?

"Eigentlich nicht, vor allem, was die Mitte angeht. Gerade die extreme Rechte tut beständig so, als sei sie die bürgerliche Mitte", so Feustel. Mit anderen Worten: Zwar bedienen sich die Parteien dieser alten politischen Ordnungen noch - obwohl es diese Mitte so gar nicht gibt. Sie sei "eher eine Täuschung als ein relevanter politischer Ort".

Die Ereignisse in Thüringen hätten gezeigt, wie durchlässig die Grenze zwischen bürgerlichen Parteien und extremer Rechter sei - jedenfalls mancherorts. "Ich habe den Eindruck, dass wir gegenwärtig auf ein ähnliches Modell hinauslaufen wie in den USA: Zwei Lager, die Progressiven und die Reaktionären", erklärt Feustel.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Links- und Rechtsextremen?

"Höchstens vielleicht, was die Kritik am Kapitalismus angeht", sagt Feustel. Aber das sei völlig irrelevant. "Die Unterschiede sind viel bedeutsamer als die Gemeinsamkeiten", betont der Politologe. Er bezeichnet die AfD als politischen Arm der Rechten. "Alle zusammen bedienen den deutschen Opfermythos, fantasieren von einer Verschwörung gegen das Volk und wollen eine Zuspitzung der Verhältnisse bis zum Umsturz", so Feustel.

Die Unterschiede sind viel bedeutsamer als die Gemeinsamkeiten.
Robert Feustel, Politikwissenschaftler

Die Linke habe nichts Vergleichbares anzubieten, auch nicht jene, die als extrem betitelt werde. "Sie will den Kapitalismus überwinden, weiß aber nicht wie. Und sie wendet sich gegen jede Form der Ausgrenzung", erklärt der Wissenschaftler. "Während die einen also Menschen fortschaffen und streben lassen wollen, treten die anderen gerade dagegen an."

Inwiefern unterscheiden sich Links- und Rechtsextremismus in puncto Gewalt?

"Gewalt ist grundsätzlich keine Lösung", so Feustel. Ein Unterschied sei dennoch
relevant: "Während Rechtsradikale Menschen attackieren und mitunter
töten, haben Linksradikale eher Dinge im Visier. Sie brennen Mülltonen
an und zerschlagen Fensterscheiben." Er wolle nichts verharmlosen oder gar legitimieren - nur auf einen durchaus wichtigen Unterschied hinweisen.

Und wie sieht es mit dem Antisemitismusvorwurf im politischen Extremismus aus?

Die radikale Linke sei kompliziert und ständig im Widerstreit begriffen, erklärt der Experte. Es gebe durchaus antisemitische Gruppierungen - "genauso wie die
Linkspartei nicht alle dieser Leute los wird". Für die Rechte, und damit auch für die AfD, sei Antisemitismus dagegen prägend. "Die Extremismusdoktrin hilft allerdings nicht. Aus der Sozialforschung ist lange bekannt, dass antisemitische Haltungen und Vorurteile im sogenannten bürgerlichen Lager weit verbreitet sind, sie gehören fast zum guten Ton", so Feustel weiter. Gerade die Antisemitismusforschung zeige, dass das Gerede von bösen Extremen und der guten Mitte die eigentliche Problemlage verdecke.

Wer sich als Mitte ausgibt oder für mittig hält, ist noch lange nicht über jeden Zweifel erhaben.
Politologe Robert Feustel

Was bedeutet die Extremismustheorie mit Blick auf Thüringen?

Wer solche Vergleiche mithilfe einer so falschen und eingeübten Extremismusrhetorik anstellt, macht sich schuldig.
Robert Feustel, Politikwissenschaftler

Thüringen zeigt, dass die Debatte um Extremismus vor allem eins ist: Propaganda - so Feustel. "Ramelow und seine Linkspartei vertreten eine Art Sozialdemokratie alter Schule. Höcke dagegen ist ein faschistischer Agitator, dessen Jugendorganisation sich nicht zufällig mitunter Höckejugend nennt", erklärt der Forscher. Er kritisiert die Verwendung des Hufeisenschemas: "Wer solche Vergleiche mithilfe einer so falschen und eingeübten Extremismusrhetorik anstellt, macht sich schuldig."

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