IAEA-Bericht zu Saporischschja: Experte erklärt die Aspekte

    Reaktor-Experte erklärt :Was im IAEA-Bericht wichtig ist

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    Mit großer Spannung wurde der Abschlussbericht der IAEA zur Lage des Atomkraftwerks Saporischschja erwartet. Reaktor-Experte Sebastian Stransky erklärt die einzelnen Forderungen.

    Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) fordert nach ihren ersten Untersuchungen im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja dringende Maßnahmen zur Verhinderung eines Atomunfalls. "Die IAEA ist weiterhin schwer besorgt über die Lage", schrieb IAEA-Chef Rafael Grossi am Dienstag in seinem Untersuchungsbericht. Die Situation sei "unhaltbar".
    Der Reaktor-Experte Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit über die vier Hauptforderungen der IAEA:

    Forderung 1: Eine nukleare Sicherheitszone

    Die Einzigen, die eine solche nukleare Sicherheitszone herstellen könnten, seien die russische Armeeführung oder die Politik in Moskau, da das Kraftwerk durch russische Truppen besetzt sei.

    In dem Augenblick, in dem die russischen Truppen abziehen, gäbe es auch keinen Grund, dieses Kraftwerksgelände in irgendwelche Kampfhandlungen miteinzubeziehen.

    Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit

    Man könnte sich darauf verständigen, um das Kraftwerk herum eine Zone zu schaffen, in der nicht gekämpft werde, so Stransky. Aufgrund der geografischen Lage - nordwestlich und nördlich ist ukrainisch kontrolliertes Territorium, östlich und südlich russisches - könne man "relativ einfach eine Ringzone von zehn bis zwanzig Kilometern im Durchmesser" schaffen.



    Forderung 2: Russische Panzer aus Turbinenhallen abziehen

    Es sei nicht sicher, so der Experte, welches Equipment, ob Waffen, Munition, Fahrzeuge oder Anderes, in den Turbinenhallen lägen. "Die Ukrainer haben das gemeldet", so Stransky. "Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen."

    Aber fest steht: Eine Turbinenhalle ist so ziemlich der letzte Ort, wo man militärisches Equipment unterstellen sollte.

    Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit

    "Das gehört da so schnell wie möglich weggebracht", sagt Stransky.
    Das habe auch zur Folge gehabt, dass die ukrainische Aufsichtsbehörde zwei Blöcken des Kraftwerks die Genehmigung zum Leistungsbetrieb entzogen habe.

    Forderung 3: Verbesserung der Arbeitsbedingungen für ukrainische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

    "Wie es ihnen geht, wissen wir natürlich nicht, weil wir keinen direkten Kontakt zu ihnen haben", kritisiert Stransky. Aber nach fünf Monaten Arbeit unter russischer Besatzung könne man sich vorstellen, "dass das psychischen Druck erzeugt und den Stresspegel erhöht."

    Eines der Grundprinzipien der kerntechnischen Sicherheit ist die stressfreie Betätigung der Kraftwerksmitarbeiter, das Arbeiten entsprechend den Betriebsvorschriften ohne einen äußeren Druck und das haben wir hier natürlich nicht.

    Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit

    "Und vor dem Hintergrund würde ich gerne für die Mitarbeiter mal eine Lanze brechen", lobt Stransky. "Aus meiner Sicht leisten sie Großartiges."
    Soweit man wisse, arbeiteten die sechs Blöcke, ob sie jetzt abgeschaltet seien oder im Betrieb, im Normalbetrieb. "Das klingt paradox, aber die Anlagen befinden sich nach der Klassifizierung der Betriebszustände von Reaktoren im Normalbetrieb." Das sei durchaus dem engagierten Einsatz und der Umsicht der Mitarbeiter zu verdanken.

    Forderung 4: Sicherstellung der Stromversorgung

    "Es ist so, dass, wenn sie ein Kernkraftwerk betreiben, der Reaktor oder der Inhalt des Reaktors auch nach dem Abschalten, das heißt, nachdem die Stromproduktion unterbrochen wurde, gekühlt werden muss", erklärt der Reaktor-Experte.
    Das hänge mit den radioaktiven Zerfallsprozessen zusammen, und dafür brauche man Strom.

    Ein Beispiel: die drei Anlagen, die zurzeit in Deutschland noch betrieben werden. Wenn der Reaktor abgeschaltet ist, würde der Strom über das Landesnetz bereitgestellt werden.

    Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit

    Dazu habe das Kraftwerk mehrere Verbindungsleitungen zum Landesnetz und auch mehrere Reserve-Stromleitungen, sodass sichergestellt werde, das immer Strom bereitsteht, um den Reaktor nachzukühlen. "Das haben wir im Normalfall hier in der Ukraine auch", so Stransky. "Es gibt vier große Hauptstromleitungen."
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    Normalerweise ist es so, "dass mindestens eine dieser Leitung immer zur Verfügung stehen muss, wenn alle sechs Reaktoren abgeschaltet sind, um den Standort versorgen zu können."

    Der Vorteil an diesem Standort ist, dass Sie sechs Reaktoren haben. Das heißt, wenn ein Reaktor im Betrieb ist, so wie wir es jetzt haben, dann kann der Standort sich alleine versorgen.

    Sebastian Stransky, Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit

    "Diese Situation haben wir jetzt", sagt Stransky. "Also es ist sicherlich ein Zustand, den wir in der Geschichte des Kraftwerkes bis dato so nicht hatten, dass fünf Reaktoren gleichzeitig abgeschaltet waren. Aber die fünf Reaktoren, die abgeschaltet sind, befinden sich im Nachkühlbetrieb. "
    Das heißt: "Zurzeit braucht man am Standort keinen Strom von außen."
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    Quelle: ZDF
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