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Interview

Juso-Vorsitzende Rosenthal - "Das ist jetzt wirklich ein Aufbruch"

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Die Juso-Bundesvorsitzende Jessica Rosenthal über die politische Aufbruchsstimmung in Berlin, ihre Kritik an der Union und zwei "Wermutstropfen" im Ampel-Koalitionsvertrag.

Archiv: Jessica Rosenthal, Bundesvorsitzende der Jusos, spricht beim digitalen Bundeskongress der Jusos zu den Delegierten.
Juso-Chefin Jessica Rosenthal.
Quelle: dpa

ZDFheute: Die Reaktionen auf den Koalitionsvertrag der "Ampel"-Parteien fallen gemischt aus. Worin sehen Sie - vor allem mit Blick auf junge Menschen - die größten Stärken des Vertrags, worin die Schwächen?

Jessica Rosenthal: Die gesamtgesellschaftlichen Reaktionen empfinde ich gar nicht als so gemischt; den polemischen Reaktionen einiger Unionspolitiker entnehme ich nur, dass diese Leute offenbar nicht mehr genau wissen, wo ihr Wertekompass ist. Wir als SPD-Jugendorganisation schauen immer sehr kritisch auf solche Vereinbarungen, aber diesen Vertrag sehen wir als eine gute Arbeitsgrundlage für die kommenden Jahre.

ZDFheute: Auf welche Inhalte beziehen Sie sich da vor allem?

Rosenthal: Richtungsweisend sind für mich das Familienverständnis, die Kindergrundsicherung, die Vorschläge für die Selbstbestimmung der Frauen, die Investitionen in Bildung, der Einstieg in die Ausbildungsgarantie sowie die überfällige Reform des BAföGs und auch, dass die Bundesrepublik endlich dazu steht, ein Einwanderungsland zu sein. Das sind Meilensteine. Da haben wir in den vergangenen Jahren an der Union gelitten, weil sie nicht bereit war zu zeigen, welche Gesellschaft wir längst sind. Das ist jetzt wirklich ein Aufbruch!

ZDFheute: Was vermissen Sie dagegen im Vertrag?

Rosenthal: Vor allem für jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wäre es wichtig gewesen, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen endlich komplett abzuschaffen. Ich habe da auch noch kein echtes Argument gehört, weshalb das nicht kommen soll. Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen, da arbeiten wir weiter dran. Ein weiterer Wermutstropfen ist, dass noch nicht wirklich geklärt ist, wie wir in Europa eine humane Flüchtlingspolitik machen wollen. In der Summe aber ist der Koalitionsvertrag ein guter Start, bei dem es auf die Umsetzung kommt.

ZDFheute: "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer hat die Pläne zum Klimaschutz als unzureichend kritisiert. Auch für Sie ein wunder Punkt?

Rosenthal: Ich bin mega dankbar für den Einsatz der Aktivistinnen und Aktivisten, dass wir die Debatte und das Bewusstsein haben, dass wir in der Klimapolitik umsteuern müssen. Es ist wichtig, dass die Kritik da ist, dass der Ausbau der erneuerbaren Energie kraftvoll vorankommen muss. Ich sehe gleichzeitig, dass sich das Thema Klimaschutz wie ein roter Faden durch alle Bereiche der künftigen Regierungsarbeit zieht. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir etwa mithilfe der geplanten Transformationsfonds den Umbau der Wirtschaft voranbringen.

Auf einer Pressekonferenz stellen SPD, Grüne und FDP heute ihren Koalitionsvertrag vor. Nach knapp fünfwöchigen Verhandlungen kommen die Ampel-Parteien damit ihrer Ankündigung nach, noch im November einen Vertrag fixiert zu haben.

Beitragslänge:
25 min
Datum:

ZDFheute: Über Olaf Scholz haben Sie 2019 gesagt, er sei ein "Malermeister", der das "S", also das Sozialdemokratische in der SPD, zu oft übermalt habe. Wie treten Sie Scholz an diesem Wochenende in Frankfurt auf dem Bundeskongress der Jusos entgegen?

Rosenthal: Es stimmt, dass ich das gesagt habe, aber es betraf nicht Olaf Scholz als Person, es war eine Kritik an der Haltung großer Teile der Parteiführung. Wir Jusos haben da ziemlich mit der Parteiführung gerungen und haben letztlich auch die Position der Partei verändert. Dass wir zum Beispiel mehr als eine halbe Million Wählerinnen und Wähler der Linken zu uns bewegen konnten, liegt auch daran, dass wir diesen Menschen wieder ein glaubwürdiges Angebot machen konnten. Die inhaltliche Auseinandersetzung wird weitergehen, das hält uns am Leben, aber wir Jusos freuen uns, dass wir einen künftigen sozialdemokratischen Kanzler auf unserem Bundeskongress begrüßen können.

ZDFheute: Sie stellen sich jetzt zur Wiederwahl als Juso-Bundesvorsitzende, kandidieren zudem für den SPD-Parteivorstand und beginnen gerade ihre Arbeit als Bundestagsabgeordnete. Viel Verantwortung. Worauf wollen Sie sich künftig vor allem fokussieren?

Rosenthal: Es gibt unglaublich viele Menschen, die neben einer Vollzeitstelle und Familie ehrenamtlich engagiert sind. Das ist die eigentliche Leistung. Auch ich hatte vor meiner Wahl in den Bundestag neben dem Juso-Bundesvorsitz eine 50-Prozent-Stelle als Lehrerin. Meine jetzige Situation als Bundestagsabgeordnete ist ein echtes Privileg, dem ich voll gerecht werden möchte. Für die Jusos will ich weiter eine laute Stimme sein, in der Fraktion und im Parteivorstand, dem ich auch jetzt schon angehöre. Das wird herausfordernd, aber zusammen mit dem Bundesvorstand und dem ganzen Verband mehr als machbar. Ich freue mich darauf.

Das Interview führte Marcel Burkhardt

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