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"Ernährung ist wichtiger als Entertainment"

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Konventioneller Tiermäster - "Ernährung ist wichtiger als Entertainment"

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Tiermast ist eines der strittigsten Themen der Landwirtschaft. Ein Bauer erklärt, wie konventionelle Schweinezucht funktioniert, was er daran verdient und was sich ändern muss.

Archiv:  Moderner Maststall, aufgenommen am 07.03.2019.
Moderner Maststall: Glücklich ist anders
Quelle: imago

heute.de: Nächste Woche hat ein bekannter Lebensmitteldiscounter Schweinenackenkoteletts für 5,33 Euro pro Kilo im Angebot. Was halten Sie von so einem Preis?

Moritz Maack: Das ist mehr oder weniger ein Ramschpreis. Aktuell haben wir ja einen sehr hohen Schweinepreis. Wir bekommen jetzt pro Kilogramm Schlachtgewicht etwa 2 Euro netto. Diese 5,33 Euro wären knapp 5 Euro netto. Dabei ist noch zu beachten, dass sich unser Preis von 2 Euro auf das Schlachtgewicht bezieht. Da ist alles mit drin: Füße, Kopf, Schwarte.

Das Kotelett ist ja nun wirklich ein wertvolles Teilstück. Insofern kann ich mir gar nicht vorstellen, dass der Einzelhandel an den 5,33 Euro überhaupt noch verdient. Da wird das Fleisch einfach so rausgehauen - für nichts und wieder nichts. Und deswegen gibt es auch keine Wertschätzung dafür.

heute.de: Wenn Sie in der letzten Lieferung 2 Euro pro Kilo schlachtfertiges Fleisch bekommen haben – was haben Sie denn ungefähr an Kosten, um ein Kilo Schweinefleisch schlachtfertig zu machen?

Maack: Das unterliegt großen Schwankungen. In diesem Fall sind die Schweine im Dezember 2019 geschlachtet worden – bei sehr hohem Schweinepreis.

So setzten sich die Zuchtkosten (brutto) zusammen:

heute.de: Und wie viel Kilo wiegt ein Schwein ungefähr, wenn es schlachtfertig ist?

Maack: Das sind etwa 98 bis 99 Kilo Schlachtgewicht gewesen. Der Erlös lag also bei circa 197 Euro (netto). Das war aber in einer absoluten Hochpreis-Phase. Letztes Jahr war das ganz anders:

So setzten sich die Zuchtkosten (brutto) vor einem Jahr zusammen:

Maack: Brutto haben wir für die Schweine damals 144 Euro bekommen. Das heißt, wir haben damals mit 2 Euro Verlust verkauft.

heute.de: Ich würde gerne nochmal zu den Schweinekoteletts vom Discounter zurück. Wie viel Kilo Schweinekotelett bekommt man denn durchschnittlich pro Tier?

Maack: Also, wir haben jetzt eine Zuchtlinie, die nicht viele Koteletts bringt. Das wären bei unseren Schweinen pro 100 Kilo Schlachtgewicht etwa 7,5 Kilo Lachs - daraus werden die Koteletts geschnitten.

heute.de: Wie leben denn die Schweine in Ihrem Betrieb?

Maack: Wir haben hier 1.000 Mastplätze in konventioneller Haltung. Die Schweine leben in einem Stall auf Spalten (auf einem betonierten Boden, mit Schlitzen, durch die Kot und Urin ablaufen können, Anm. d. Red.). Wir sind zwei Mal am Tag im Stall für Fütterung und Tierkontrolle. Wir haben hier relativ kleine Gruppen, das heißt 6 bis 12 Tiere pro Gatter. Gefüttert wird über Automaten. Die Schweine haben dort fast rund um die Uhr Zugang zum Futter.

Wir lassen die Futterautomaten einmal am Tag leerlaufen, damit alles sauber wird. Normalerweise passiert das nachts zwischen 4 und 7 Uhr, um zu vermeiden, dass die Schweine richtig hungrig werden. Im Grunde können Sie sich ansonsten rund um die Uhr dort bedienen. Das ist wichtig, damit auch die schwachen Tiere Zugang zum Futter haben.

heute.de: Die Schweine stehen also ihr ganzes Leben im Stall und kommen nicht raus auf eine Weide?

Maack: Ja. Das wäre mit den Preisen, die wir erzielen müssen, auch nicht möglich. Freilandhaltung im konventionellen Bereich, zum Beispiel für 5,33 Euro pro Kilo Koteletts, das würde nicht gehen.

heute.de: Wenn Sie Ihre Tiere einordnen müssten - würden Sie sagen, Ihre Schweine gehören zur Unter-, Mittel- oder Oberschicht?

Maack: Also eine Oberschicht würde auf Stroh laufen. Das ist einfach der Instinkt der Tiere. Freilandhaltung würde ich auch zur Oberschicht zählen. Die Tiere bei uns - im konventionellen Stall - würde ich zur Mittelschicht zählen. Da kann ich aber nur persönlich für mich sprechen: Wir kümmern uns sehr intensiv um die Tiere und versuchen, alles so zu optimieren, dass es ihnen gut geht. Aber man braucht sich auch nichts vorzumachen: Die Tiere sind schlicht und ergreifend glücklicher, wenn sie auf Stroh laufen oder sich mal im Matsch wälzen können.

Ein Schwein auf der Weide, aufgenommen am 16.12.2019
Es gehört zur Natur von Schweinen, sich im Matsch zu suhlen, erklärt Tiermäster Maack.
Quelle: imago

heute.de: Was müsste denn passieren, dass es den Tieren besser geht, auch bei Ihnen?

Grundsätzlich müsste durch den Konsumenten am Ende ein höherer Preis gezahlt werden.
Moritz Maack, Schweinemäster

Maack: Grundsätzlich müsste durch den Konsumenten am Ende ein höherer Preis gezahlt werden. Ich habe das Gefühl, dass ein Großteil der Deutschen auch dazu bereit ist. Das sieht man ja auch an den Wahlergebnissen. Immer mehr Menschen wählen die Grünen, die ja für mehr Tierwohl stehen.

Trotzdem wird der landwirtschaftliche Markt immer mehr geöffnet, für Importe aus Südamerika, Nordamerika und so weiter. Heute haben wir die Wahl zwischen totalem Billigfleisch, Premiumprodukt, Bio- und Freilandhaltung. Wenn man den Verbraucher tatsächlich dazu bringen möchte, auch das Premiumfleisch zu bezahlen, dann darf es in meinen Augen zumindest nicht mehr die Wahlmöglichkeit für das totale Billigfleisch geben.

Ich denke, dass der deutsche Markt geschützt werden muss, gegenüber den Niedrigstandard-Ländern.
Moritz Maack, Schweinemäster

heute.de: Es bräuchte also ein klares Eingreifen der Agrar- bzw. der Wirtschaftspolitik, um die deutschen Bauern zu unterstützen bzw. gegen die Billigware aus anderen Ländern abzuschirmen?

Maack: Genau. Und der zweite Punkt ist meiner Meinung nach wichtiger als der erste. Ich denke nicht, dass wir irgendwelche Subventionen brauchen. Ich denke, dass der deutsche Markt geschützt werden muss, gegenüber den Niedrigstandard-Ländern.

heute.de: Können Sie sich vorstellen, dass wir irgendwann komplett auf Fleisch verzichten oder auf gezüchtetes Fleisch aus dem Labor umstellen?

In meinen Augen ist die Ernährung wichtiger als das Entertainment.
Moritz Maack, Schweinemäster

Maack: Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Die Ernährung ist ein Grundbedürfnis der Menschen. In meinen Augen ist der Rest unseres Konsumverhaltens problematischer: dauernd neue Autos, überall Plastik und so weiter. Ich glaube, wir sollten da erstmal den Konsum zurückschrauben, bevor wir ganz auf Fleisch verzichten. In meinen Augen ist die Ernährung wichtiger als das Entertainment.

Das Interview führte Tai Becker.

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