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Jahrestag des Genozids im Irak - Wie Deutschland den Jesiden helfen könnte

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Am Jahrestag des Genozids an den irakischen Jesiden kritisieren Vertreter, der Wiederaufbau dauere zu lang. Deutschland solle mit einer Schutzzone die sichere Rückkehr garantieren.

Archiv, Irak, Sharya: Eine jesidische Familie packt die Sachen für einen Umzug nach Sinjar.
Eine geflohene jesidische Familie in Sharya, Irak, packt die Sachen für ihre Rückkehr nach Sinjar. (Archivbild)
Quelle: Reuters

Am 3. August 2014, vor genau sechs Jahren, überfielen Kämpfer der radikalen IS-Miliz die Region Sindschar im Norden des Irak. Dort liegt die Heimat der Jesiden, einer ethnischen und religiösen Minderheit, die kaum mehr als 800.000 Menschen weltweit umfasst. Tausende Jesiden werden ermordet, Häuser zerstört, Frauen und Kinder versklavt. Von den 500.000 Jesiden im Irak werden rund 75 Prozent zu Flüchtlingen.

Dieser Genozid darf nicht einfach vergessen werden.
Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU)

Die Berichte über die Massaker gaben damals mit den Ausschlag, dass Deutschland Ende August 2014 Waffen und Ausbilder in den Nordirak schickte, um die Anti-IS-Kräfte zu stärken. Auch jesidische Kämpfer wurden von der Bundeswehr ausgebildet.

Wiederaufbau kommt nur langsam voran

Doch heute kommt der Wiederaufbau von Sindschar nur langsam voran. "Auch sechs Jahre nach dem Genozid können die meisten Jesiden noch immer nicht zurückkehren und leben weiter in Lagern", berichtet Ibrahim Kus, stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft Ezidischer Akademiker, einer Organisation von Jesiden in Deutschland.

Kus kritisiert, dass es keinen Masterplan der Regierung für den Wiederaufbau gebe. "Alles muss von den Jesiden selbst oder von Hilfsorganisationen durchgeführt werden." Der rechtliche Status von Sindschar ist zwischen dem autonomen, kurdisch geprägten Nordirak und der Zentralregierung in Bagdad umstritten. Das macht alles komplizierter.

Juristische Aufarbeitung wichtig

Auch die deutsch-jesidische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal kritisiert, dass die Jesiden von allen Seiten nur als Spielball gesehen würden.

Der Wiederaufbau der Infrastruktur findet zwar statt, auf den Wiederaufbau der Menschen kommt es jetzt an.
Düzen Tekkal, Journalistin und Aktivistin

"Etwa 150 Familien sind bislang zurückgekehrt nach Sindschar", sagt Tekkal, die mit ihrer Organisation Hawar vor Ort Hilfe anbietet. "Keine Familie kehrt heil zurück, in jeder gab es Opfer." Die juristische Aufarbeitung sei darum jetzt entscheidend, nur sie könne Wunden schließen, so Tekkal. "Seit Jahren sammeln Menschen vor Ort nun bereits Beweismaterial." In Frankfurt etwa läuft so seit April 2020 ein Prozess gegen einen mutmaßlichen IS-Mörder.

Täter und Opfer lebten Seite an Seite

Das ist besonders sensibel, weil viele der Täter und Unterstützer des Genozids aus der direkten Nachbarschaft der Opfer kamen: sunnitisch-arabische Stämme beteiligten sich an der Versklavung der Jesiden, plünderten, bereicherten sich am Land und Besitz ihrer Nachbarn.

Viele von ihnen leben heute noch in der Region, wurden nie belangt für ihre Verbrechen. Kus beschreibt ein "Vakuum der Angst" das jede Aussöhnung verhindere.

"Ideologisch ist der IS noch nicht besiegt worden. Die Jesiden befinden sich noch immer mitten in diesem Trauma, dieser ständigen Angst, nachts wieder überfallen zu werden. Und die Täter fürchten sich vor möglicher Rache der Jesiden." Diese Gewaltspirale müsse irgendwie durchbrochen werden, so Kus.

Deutschland gut als Vermittler geeignet

Da rund 200.000 Jesiden in Deutschland Zuflucht gefunden hätten, könne Deutschland diese Mittlerfunktion am besten einnehmen, argumentiert Kus. "Für Wahrheitskommissionen wie in Südafrika braucht es neutrale Beobachter."

Zahlreiche jesidische Organisationen fordern darum die Einrichtung einer international überwachten Schutzzone um die Stadt Sindschar nahe Mossul. "Die Bundeswehr muss vor Ort bleiben als Mediator zwischen den verschiedenen Interessensgruppen", betont auch Tekkal.

Politische Unterstützung nur "Lippenbekenntnis"?

"Am Ende des Tages müssen die Jesiden auf eigenen Beinen stehen, das schaffen sie aber nur mit internationaler Hilfe", sagt Tekkal. Wenn man die Jesiden in Europa nicht wolle, müssten im Irak aktiv Fluchtursachen bekämpft werden.

Ohne Schutzzone ist kein Überleben möglich.
Düzen Tekkal, Journalistin und Aktivistin

Große Hoffnung, dass sich die Bundesregierung zu so einem Engagement entschließt, hat Kus nicht. Die Aufmerksamkeit sei meist auf den heutigen Gedenktag begrenzt. "Darüber hinaus sind die Jesiden nirgendwo auf der Welt mehr ein Thema. Manchmal hat man das Gefühl, dass das nur Lippenbekenntnisse auf politischer Ebene sind."

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