Schülerinnen im Iran: "Weg mit der Diktatur!"

    Proteste gegen Regime:Schülerinnen im Iran: "Weg mit der Diktatur!"

    Luc Walpot
    von Luc Walpot
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    Nach dem Tod der jungen Mahsa Amini brechen die Proteste im Iran nicht ab. Auch Schülerinnen wollen das Regime loswerden und fordern: "Weg mit der Diktatur!"

    Das Video ist verwackelt, die iranischen Schülerinnen - 14- und 15-Jährige - nur von hinten zu sehen. Aber ihre Wut und Entschlossenheit spricht für sich: Auf dem Pausenhof machen sie Front gegen den Schulleiter, ein Vertreter des verhassten Regimes.
    Sie bedrängen ihn physisch, beschimpfen ihn. "Hau ab! Du bist eine Schande für dieses Land!", rufen sie. Wasserflaschen fliegen, die Mädchen rücken immer näher an den überforderten Beamten heran, bis er sich schließlich zum Ausgangstor rettet. Im wahrsten Sinne vom Hof gejagt.

    "Baraye" wurde zur Hymne des Protests

    Eines der in vieler Hinsicht bemerkenswerten Zeugnisse des Widerstands in diesen Tagen im Iran. In einer anderen Schule stehen fünf Mädchen mit dem Rücken zu Kamera vor der Tafel. Mit voller Haarpracht und ohne Kopftuch intonieren sie "Baraye" (deutsch: "Für"), den Song, der zur Hymne der Proteste wurde.
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    Darin singt Scherwin Hadschipur: "Für meine Schwester, deine Schwester, unsere Schwestern" oder "Dafür, ein normales Leben führen zu können, auf der Straße tanzen zu dürfen" und weiter: "Für all die vielen Student*innen in Haft", "Für Frauen, Leben, Freiheit!".

    Widerstand wird vielfältiger

    Die Wut einer neuen Generation bricht sich Bahn. Die Hoffnung der Machthaber, das Ganze mit roher Gewalt rasch im Keim zu ersticken, haben sich nicht erfüllt. Stattdessen wird der Widerstand vielfältiger, an vielen Orten, in vielen Formen. Und meist ganz vorne mit dabei Schülerinnen, junge Frauen, Studentinnen.
    Es gehört sehr viel Mut dazu, den schwerbewaffneten Schlägertrupps der islamischen Republik offen entgegenzutreten. Sie tun es trotzdem. Viele aus schierer Erschöpfung und Verzweiflung. Weil sie keine Zukunft mehr sehen in dieser Republik. Weil es seit Jahren nur in eine Richtung geht: zurück. Die brutalen Übergriffe der sogenannten Sittenpolizei waren nur die Spitze des Eisbergs.
    Die jungen Iraner*innen wollen nicht das Schicksal ihrer Eltern teilen. Sie wollen ihre Zukunft in die Hand nehmen, für ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit kämpfen. Die älteren Generationen hatten sich vier Jahrzehnte zähneknirschend mit dem Unterdrückungsapparat der Mullahs und ihrer militärischen Schergen abgefunden und sich an nie eingelöste Reformversprechen geklammert. Immerhin konnte die Mittelschicht einen gewissen Wohlstand aufbauen, ins Ausland reisen, die Bildung wurde verbessert.
    Aber das ist spätestens seit der Wahl des ultrakonservativen Hardliners Ebrahim Raisi zum Präsidenten vorbei. Die Wirtschaft liegt am Boden, 50 Prozent Inflation, die Hälfte der Bürger lebt an oder unterhalb der Armutsgrenze. Für junge Menschen gibt es kein Ventil, kein Entrinnen, keine Hoffnung. Die Aussicht auf gutbezahlte Jobs nahe null. Für Reisen um die Welt fehlt das Geld - oder der Pass.
    Die sozialen Medien, auch vor den Protesten schon stark eingeschränkt. Musik, Tanzen, Spaß haben: Fehlanzeige. Politische Opposition: unmöglich. Und für die Frauen kommen noch der Unterdrückungskatalog der Scharia hinzu. In totalitärer Weise maßt sich der Staat an, Frauen in allen Lebensbereichen einzuschränken.

    Junge Iranerinnen sagen Mullahs den Kampf an

    Einen Reisepass können Iranerinnen nur mit Zustimmung des Vaters, Bruders, Ehemanns beantragen. Das Gleiche, wenn sie einen Job antreten wollen. Bei Erbschaften erbt die Schwester nur halb so viel wie ihr Bruder. Und bei Scheidungen werden die Kinder vom Richter in der Regel dem Vater, nicht der Mutter zugesprochen. Frauen sind in Iran Bürger zweiter Klasse. Bestenfalls.
    Das alles wollen Millionen junge Iranerinnen nicht mehr hinnehmen. Und sie wollen sich auch nicht länger hinhalten lassen. "Weg mit der Diktatur", so ihre Forderung. Deutlicher, radikaler kann man den Mullahs, die ihr korruptes Treiben hinter der Fassade des Korans verstecken, nicht den Kampf ansagen. Eine Antwort, außer brutaler Polizeigewalt, haben die Machthaber darauf noch nicht gefunden.
    Protestierende im Iran verlangten "keine kleinen Reformen mehr, (…) die wollen das Regime loswerden", so ZDF-Korrespondent Luc Walpot. Die Protestwellen lösten mehr Druck aus als je zuvor.04.10.2022 | 3:45 min

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