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Warum Irans Wirtschaft vor dem Kollaps steht

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US-Sanktionen - Warum Irans Wirtschaft vor dem Kollaps steht

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Der Iran ächzt unter strengen Sanktionen der USA. Orientexperte Daniel Gerlach erklärt, wie schlecht es der Wirtschaft geht - und warum das Vorbild der Iraner nicht China ist.

Alltag in Teheran
Alltag in Teheran: "Der ökonomische Kollaps hat ja in Teilen längst stattgefunden", sagt Orientalist Daniel Gerlach.
Quelle: AP

makro: Die USA haben drakonische Sanktionen gegen Iran verhängt. Nun haben Europäer zwar einen Mechanismus eingerichtet, um Unternehmen trotzdem Geschäfte zu ermöglichen, aber niemand nutzt ihn. Warum?

Daniel Gerlach: Instex - der Mechanismus, den Sie ansprechen - ist eine Art Tauschhandelsgesellschaft. Er soll europäischen Unternehmen die Möglichkeit geben, mit Iran Geschäfte zu machen, ohne dass die USA das durch ihren Einfluss auf das Bankenwesen vereiteln.

Aber es ist eben vor allem ein politisches Instrument, mit dem einige europäische Staaten zeigen wollten: Seht mal her, wir tun etwas, um unseren Teil des sogenannten Nukleardeals zu erfüllen und Iran zu einem gewissen wirtschaftlichen Aufschwung zu verhelfen.

Die Unternehmen sagen sich wohl: Entweder wir haben sowieso kein Geschäft in den USA, fürchten uns also nicht, dann können wir auch ohne Instex Business mit Iran machen. Oder aber wir fürchten, ins Visier der Amerikaner zu geraten. Dann lassen wir beides sein, denn das Risiko ist im Zweifelsfall zu hoch!

Standbild: Kulturzeit-Gespräch mit Daniel Gerlach
Daniel Gerlach ist Chefredakteur des Nahost-Magazins "Zenith" sowie Mitgründer und Direktor des Think-Tanks Candid Foundation in Berlin.

makro: Grundlegende Entwicklungen gehen sanktionsbedingt schon seit Jahren an der iranischen Wirtschaft vorbei. Es fehlt an Technologie, Know-how, Ersatzteilen. Wie soll Wirtschaft da funktionieren, man denke nur an moderne Produktionsverfahren oder Digitalisierung?

Gerlach: Die iranische Wirtschaft steht vor enormen Problemen, weil sie sich zum Teil durch eigenes Verschulden sehr von Importen, andererseits vom Öl-Export abhängig gemacht hat.

Das ganze Interview sehen Sie heute abend in 3sat.

Zwar hatte Iran mal einen recht lebendigen Privatsektor. Aber die Geburtsjahre der Islamischen Republik in den 1980ern waren vom Krieg mit dem Irak geprägt. Da wurde Kriegsbewirtschaftung betrieben, planwirtschaftlich gedacht und gearbeitet, was zum Teil bis heute geschieht.

Ich finde es umso erstaunlicher, dass es in Irans Großstädten trotzdem eine aktive Startup-Szene gibt: Junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die kaum oder gar keinen Zugang zu internationalem Kapital haben, entwickeln Apps, elektronische Zahlungsverfahren, Technologien und so weiter.

Sie können heute in Teherans Innenstadt an jeder Kioskkasse und jeder Dönerbude mit iranischer Scheckkarte bezahlen und sogar kleine Summe Bargeld abheben.

makro: Der ökonomische Kollaps wurde oft prophezeit, eingetreten ist er nie. Wie nah sind wir ihm diesmal?

Gerlach: Der ökonomische Kollaps hat ja in Teilen längst stattgefunden. Wenn die Währung in den Keller rauscht, Menschen wütend auf die Straße gehen, weil die Preise für Grundnahrungsmittel sich über Nacht verdoppeln. Die Prognosen zu fast allen Indikatoren zeigen ja nach unten.

Der ökonomische Kollaps hat ja in Teilen längst stattgefunden.

In einer solchen Lage ist es für Iran extrem wichtig, freundschaftliche, ihren Interessen entsprechende Beziehungen zu Nachbarstaaten zu führen, in die man exportieren kann, über die man an Devisen gelangt und auch informelle Geschäfte abwickeln kann. Ein solches Land ist zum Beispiel der Irak.

makro: Einer der wichtigsten Handelspartner und Kapitalgeber Irans ist China. Entsteht hier eine politische bzw. finanzielle Abhängigkeit, wie wir sie in einigen afrikanischen oder zentralasiatischen Ländern beobachten?

Daniel Gerlach: Die Chinesen betrachten Iran als wichtiges Glied ihrer neuen "Seidenstraße". Ich denke, das chinesische Engagement könnte der iranischen Führung etwas mehr Selbstsicherheit in Verhandlungen mit Europa und den USA verleihen. Investitionen werden grundsätzlich nicht als schlecht angesehen, nur weil sie aus China kommen.

Wenn die Europäer aber verhindern wollen, dass Iran und das westliche Asien zum chinesischen Hinterhof werden, müssen sie wohl ihre eigene "Seidenstraße" entwerfen.

Iraner schauen nach meinem Eindruck aber nicht nach China als Vorbild, sondern eher nach Südkorea. Sie sagen: Da könnten wir wirtschaftlich stehen, wenn man uns unser Potenzial entfalten ließe. Ein vielleicht politisch etwas korruptes, aber doch demokratisches und erfolgreiches Land!

Wenn die Europäer aber verhindern wollen, dass Iran und das westliche Asien zum chinesischen Hinterhof werden, müssen sie wohl ihre eigene "Seidenstraße" entwerfen und deutlich machen: Dieser Teil der Welt ist uns nicht egal, sondern wirtschaftlich, politisch und vor allem kulturell von Bedeutung.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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