heute-Nachrichten
Sie sind hier:

Zum Jahrestag der Befreiung - Die Unbegreiflichkeit von Auschwitz

Datum:

Die Suche nach Erklärungen für das Menschheitsverbrechen, für das Auschwitz zum Sinnbild wurde, dauert an. Ein Kommentar von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte.

Die Todesfabrik Auschwitz sollte ihre "Effizienz" 1944 noch steigern. Täglich starben Tausende Juden. Was die Opfer erlebten und die Täter antrieb, zeigen erschütternde Zeugnisse.

Beitragslänge:
88 min
Datum:

Etwa 1.700 Tage dauerte der mörderische Betrieb von Auschwitz. Laut Schätzungen starben im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mehr als 1,1 Millionen Menschen. In manchen Monaten erreichte das fabrikmäßige Töten mit mehr als 7.000 Ermordeten pro Tag seine extremste Dimension. Die Opfer waren ab 1942 vor allem Juden. Der Kommandant selbst (Rudolf Höß) sprach von der "größten Menschen-Vernichtungsanlage aller Zeiten". Auf den Luftaufnahmen der Alliierten ist neben dem Stammlager Auschwitz die eigentliche Vernichtungsanlage Birkenau zu sehen, vordergründig ein riesiges, strikt geometrisch angeordnetes Barackenlager, das durch ein Bahngleis mit der Außenwelt verbunden ist. Nur aufsteigender Rauch deutet auf manchen der Aufklärungsfotos auf die eigentliche Bestimmung hin.

Auschwitz als Sinnbild des Holocaust

Von Deutschland gingen während des Zweiten Weltkriegs Tag für Tag Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus. Der vom Nazi-Regime entfesselte Krieg zielte nicht nur auf Raub und Eroberung ab, sondern auch auf die Vernichtung anderer Völker. Millionenfache Morde wurden an Bürgern Polens und der Sowjetunion verübt, an Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, Hunderttausende Sinti und Roma starben in den NS-Lagern. Und doch wurde die planmäßige Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden, wurde der Holocaust zum Synonym für das Unbegreifliche, was Menschen anderen Menschen zufügen können - Auschwitz geriet dafür zum Sinnbild.

Auschwitz, Mai 1944: Eine Frau geht mit drei Kindern einen Weg entlang
Auschwitz, Mai 1944
Quelle: Yad Vashem

Kaum ein Ort des Verbrechens in der Geschichte der Menschheit lässt so viele Fragen offen. Die Suche nach Erklärungen, die begreiflich machen, was in jenen Jahren in der Todesfabrik geschah, und warum, wird weitergehen.

Industrielle Vernichtungsmaschinerie

Völkermorde zählen zu den dunkelsten Kapiteln des 20. Jahrhunderts. Auch im Gulag Stalins, im kommunistischen Kambodscha oder Maos China kam es zu millionenfachem Sterben. Und doch hebt der Holocaust sich davon ab. Die kategorische Vernichtung einer Gruppe von Menschen, nicht um irgendeiner politischen oder materiellen Macht willen, sondern in Folge eines radikalen Rassenwahns, der Leben in "wert" und "unwert" teilt, ist ohne Beispiel. Vor allem aber überschritt die fabrikmäßige, geradezu industrielle Dimension der Tat jede Grenze des bislang Vorstellbaren. Hinzu kam die bürokratische Systematik und Planung, die aufwändige, nahezu reibungslose Logistik, die mechanisierte Durchführung des Verbrechens. Alles war einem Planziel untergeordnet, der so genannten "Endlösung": Die Auslöschung von mehr als elf Millionen Menschenleben.

Jüdische Männer, Frauen und Kinder im "Wäldchen" nahe der Gaskammern in Auschwitz
Im "Wäldchen" in der Nähe der Gaskammern
Quelle: Yad Vashem

Artur Koestler, ein ungarisch-britischer Schriftsteller jüdischer Herkunft, schrieb Anfang der 1950er Jahre, dass die volle Wahrheit wohl immer noch "zu furchtbar" sei, "als dass man ihr offen ins Antlitz blicken könnte", sie werde deshalb womöglich nie wirklich in das Bewusstsein der Nation eindringen - gemeint waren die Deutschen. "Davon haben wir nichts gewusst", lautete deren Standardantwort auf die Frage nach dem Holocaust nach Kriegsende.

Mag sein, dass die meisten genügend wussten, um zu wissen, dass sie nicht mehr wissen wollten. Doch gab es in der Bevölkerung - laut Studien - durchaus weit verbreitete Kenntnisse über die Deportationen nach Osten, über Verbrechen hinter der Front, auch Massenmorde. Zudem hatten sich Hunderttausende Helfershelfer ganz in den Dienst des Regimes gestellt. Der NS-Staat fand Stützen in allen Schichten der Bevölkerung, bei vielen kleinen "Hitlers", denen es nicht schwer fiel, Menschen zu denunzieren, zu verfolgen, die Vernichtung ihrer Existenz in Kauf zu nehmen oder gar zu betreiben, denn sie teilten und verfochten das nationalsozialistische Welt- und Menschenbild.

Mühsame Aufarbeitung

Die Nürnberger Prozesse führten erstmals das ganze Ausmaß der von Deutschen verübten Verbrechen vor Augen. Doch viele taten die dort gefällten Urteile als Willkür sogenannter "Siegerjustiz" ab. Dass es dann in den 60er Jahren in der Bundesrepublik überhaupt zu den Auschwitz-Prozessen kam, war dem unermüdlichen Drängen weniger mutiger Juristen zu verdanken, die sich - Anfeindungen ihrer Kollegen zum Trotz - am Ende doch mit ihrer Forderung durchsetzen konnten, allen voran Fritz Bauer.

Vor 75 Jahren befreiten sowjetische Soldaten Auschwitz. Zum Jahrestag wurde der Opfer gedacht.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Zweimal bahnte sich die Vergangenheit ganz unerwartet ihren Weg in das öffentliche Bewusstsein. Das Tagebuch der Anne Frank weckte Mitte der 50er Jahre spürbar Betroffenheit und Interesse. Doch erst als im Jahr 1979 der mehrteilige amerikanische Fernsehfilm "Holocaust" in der Bundesrepublik gesendet wurde, änderte sich die kollektive Wahrnehmung maßgeblich. Auch das Thema Auschwitz fand künftig mehr Beachtung und rückte mehr und mehr ins Zentrum der Erinnerung.

Phalanx der Leugner

Doch in dem Maße, wie dies geschah, formierte sich auch die Phalanx der Leugner, die von einer "Auschwitz-Lüge" sprachen. Der dunkle Schatten der Vergangenheit sollte aus der Sicht der Alt- und Neonazis nicht dauerhaft den Blick auf die deutsche Geschichte trüben. Holocaust-Verneiner erhoben Zweifel an den Todeszahlen, erklärten den angeblichen Massenmord für technisch gar nicht durchführbar, die Gaskammern für reine Erfindung. Einen Plan oder Befehl für einen Genozid an den Juden habe es ebenfalls nicht gegeben.

Doch ist all das längst widerlegt. Kaum ein Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte ist so gut erforscht und dokumentiert wie die Zeit von 1933 bis 1945. Und doch lassen sich immer mehr Menschen durch rechtsextreme Parolen, die heute mehr denn je im Internet kursieren, verunsichern oder blenden.

Niemand kann der Generation derer, die nach dem Krieg geboren wurden, irgendeine Schuld zuweisen, für Verbrechen, die vor über 75 Jahren stattfanden. Und doch gibt es eine Schuldigkeit gegenüber den Opfern und der Geschichte, daran zu erinnern, was damals geschah und was in die Abgründe geführt hat.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.