Sie sind hier:
Interview

Konflikt im Jemen - Diplomatie kann "fast nichts mehr ausrichten"

Datum:

Der Jemen-Konflikt erreicht neue Dimensionen: Die humanitäre Lage ist desolat. Präsident Biden möchte auf diplomatischem Weg helfen. Fraglich ist, ob der Ansatz rechtzeitig kommt.

US-Präsident Joe Biden möchte den Konflikt im Jemen diplomatisch lösen. Die Vereinten Nationen initiierten eine Geberkonferenz, um Milliarden zur Linderung der weltweit schwersten humanitären Krise zu sammeln. Für die Jemen-Expertin Mareike Transfeld sind das nur Pflaster, die die eigentlichen Probleme des Landes kaschieren, aber nicht lösen.

ZDFheute: US-Präsident Biden möchte zurück zur Diplomatie. Was heißt das?

Mareike Transfeld: Die Ankündigung, dass die Diplomatie nicht nur für den Jemen, sondern für die ganze Region zurückkehrt, ist ein starkes Signal. Biden sagte aber auch, dass die offensiven Operationen der Saudis gegen die Huthi-Rebellen nicht mehr unterstützt werden.

Was das genau heißt, ist jedoch unklar. Es gibt Gründe für die Angriffe der Saudis. Hinzu kommt, dass viele Jemeniten sie als ihre einzige Verteidigung gegen die Huthis sehen.

ZDFheute: Die Huthis haben als Reaktion auf Bidens Worte ihre Offensive auf Marib vorangetrieben.

Transfeld: Durch den US-Politikwechsel sehen sie sich gestärkt. In Marib ist die letzte Hochburg der international anerkannten Regierung.

Würde sie in deren Hände fallen, bestünde die Gefahr, dass die international anerkannte Regierung so sehr geschwächt wird, dass sie diesen Konflikt verliert und nicht mehr existiert. Der Jemen würde in die Hände einer Gruppe fallen, die von Freiheiten und Demokratie überhaupt nichts hält, Frauenrechte beschneidet und auch kein Interesse an Menschenrechten hat. Das ist weder im Interesse der internationalen Gemeinschaft noch im Interesse vieler Jemeniten.

Im Jemen herrscht nach wie vor ein blutiger Bürgerkrieg. Jungs und Mädchen werden mitten am Tag erschossen. Ruweida hat überlebt – dank ihres tapferen Bruders.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDFheute: Inwiefern?

Transfeld: Der Konflikt gilt als Stellvertreter-Konflikt, und man sieht aktuell nur die Interessen von Saudi-Arabien und dem Iran. Zuvor hatte man alles durch die Al-Kaida-Brille gesehen. Die Innenpolitik des Jemen wird dabei immer vernachlässigt.

ZDFheute: Was wäre der bessere Ansatz?

Transfeld: Es fällt mir schwer, einen neuen Ansatz aufzuzeigen.

Der Konflikt ist so fortgeschritten, dass man über den diplomatischen Weg fast nichts mehr ausrichten kann.

Die internationale Gemeinschaft möchte weder militärisch noch strategisch besser vorgehen. Vor zwei, drei Jahren hätte man definitiv auf diplomatischem Weg sehr viel mehr erreichen können.

ZDFheute: Und heute?

Transfeld: Was die humanitäre Krise angeht: War es zu Beginn so, dass die Lebensmittel nicht ins Land kamen, ist es jetzt so, dass sie da sind, aber die Menschen sie sich nicht kaufen können. Es ist hauptsächlich eine Wirtschaftskrise. Ein nachhaltiger Ansatz wäre besser als ein humanitärer.

ZDFheute: Arbeitsplätze schaffen, statt Essen verteilen?

Transfeld: Ja. Das Essenverteilen schafft eine Abhängigkeit von den UN-Organisationen und daran kann niemand Interesse haben. Würde die UN hingegen darauf hinarbeiten, bestimmte Wirtschaftssektoren wiederaufzubauen, könnten sich die Menschen langfristig wieder Lebensmittel leisten.

Gleichzeitig wären die jungen Leute auch nicht mehr gezwungen, für die bewaffneten Gruppen zu kämpfen, um ein Einkommen zu generieren. Das ist eine treibende Kraft hinter dem Konflikt. Es dreht sich leider nur ums Humanitäre und es wird nie die innenpolitische Lage gesehen.

Eigentlich müsste es andersherum sein, denn die Politik kann die humanitäre Krise lösen. Die humanitäre Hilfe ist nur ein Pflaster für das Symptom, ändert aber nichts am eigentlichen Problem.

Trotz des eindringlichen Appells der UN kommt bei einer Geberkonferenz für den bitterarmen Jemen nur ein Teil der benötigten Hilfen zusammen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Das Einstellen der humanitären Hilfe ist aber keine Lösung.

Transfeld: Natürlich müssen die Menschen weiterhin mit Geldern unterstützt werden. Gleichzeitig muss man auch an den anderen Feldern helfen, sonst wird das eine endlose Geschichte.

Es werden immer wieder Pflaster hier und da aufgeklebt, aber der Konflikt nicht befriedet.

Genau wie man den Konflikt nicht nur als Stellvertreter-Krieg sehen darf, reicht es nicht mehr aus, ihn nur lokal zu betrachten. Man muss die ganzen Ebenen mitdenken, da diese sich so gegenseitig beeinflussen, dass das eine ohne das andere nicht lösbar ist. Wenn das nicht mit bedacht wird, führt kein Ansatz, keine Hilfe, zu nachhaltigem Frieden.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.