ZDFheute

Fallpauschale in der Kritik

Sie sind hier:

Kinder- und Jugendmedizin - Fallpauschale in der Kritik

Datum:

Die Länder sind uneins über die Finanzierung von Kinderkliniken. Einen Antrag über die Abschaffung von Fallpauschalen hat der Bundesrat nun erst mal in die Ausschüsse überwiesen.

Ein leere Krankenbett steht in einem Behandlungszimmer in einem Klinikum, naufgenommen am  26.03.2020
Die Kinder- und Jugendstationen in kleineren Städten sind oftmals nicht kostendeckend zu betreiben. Archiv.
Quelle: dpa

Sie sollte die wachsenden Kosten im Gesundheitssystem eindämmen: Die sogenannte Fallpauschale. Im Jahr 2004 ist sie als leistungsgerechtes Finanzierungssystem in der stationären Patientenversorgung an den Start gegangen.

Doch Mediziner in Kinderkliniken warnen: Mit diesem Fallpauschalen-System können kleine und wenig spezialisierte Kinderkliniken nicht überleben. Immer mehr müssten schließen, wie zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern.

Problem für kleine Kliniken

Heiko Fliß ist Chefarzt an der Kinderklinik Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. Seine Abteilung hat 22 Betten. Mit sechs Ärzten und 19 Pflegern und Schwestern kümmert er sich um durchschnittlich 1.700 Fälle im Jahr.

Er betont, dass die Fallpauschale auf seiner Station nicht jedes kranke Kind und dessen medizinische Versorgung ausreichend abbilden könne. Wenn man einem dreijährigen Kind Blut abnehme, müsse mindestens noch ein Pfleger dabei sein, um das meist verängstigte Kind zu beruhigen.

Der Umgang mit Kleinkindern ist wesentlich intensiver und zeitaufwendiger - das kann oft doppelt so lang dauern als bei einem erwachsenen Patienten.
Heiko Fliß, Chefarzt an der Kinderklinik Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern

Hinzu kämen intensive Gespräche mit besorgten Eltern, die umfassend durch einen Arzt informiert werden wollen. "Das alles wird mit den Fallpauschalen oft nicht hinreichend abgebildet", so Fliß weiter.

Der Bundesrechnungshof in Bonn

Ein Zehntel in Insolvenzgefahr -
Krankenhäuser: Rechnungshof schlägt Alarm
 

Ein Zehntel der Krankenhäuser vor der Insolvenz? In einem unveröffentlichten Bericht schlägt der Bundesrechnungshof Alarm. Und kritisiert Spahns jüngstes Krankenhaus-Gesetz.

von Florian Neuhann

Für Kinder nur rund 30 Euro mehr

Fakt ist: Die Fallpauschalen werden seit ihrer Einführung immer weiter ausdifferenziert. Und schwere Fälle oder andere Besonderheiten, wie ein niedriges Alter des Patienten, werden oft durchaus extra berechnet.

Doch laut stets aktualisiertem DRG-Katalog wird manche Behandlung eines Kindes im Vergleich zu einem Erwachsenen beispielsweise mit nur rund 30 Euro mehr vergütet. 

Bereit für den Notfall - das kostet

Ebenso wenig ist im Fallpauschalen-System berücksichtigt, dass Chefarzt Fliß stets Betten, Medizin und Personal für den Notfall vorhalten müsse. Es werde nur nach Leistung bezahlt und leere Betten brächten kein Geld.

Doch im Notfall oder auch einfach nur im Herbst und Winter können sich die 22 Stationsbetten in der Güstrower Kinderheilkunde schlagartig mit ernsthaft erkrankten Kindern füllen.

Kinderheilkunde als Zuschussgeschäft

Kinder- und Jugendstationen in kleineren Städten sind meist nicht kostendeckend zu betreiben. Während manch eine Kinderstation in Mecklenburg-Vorpommern bereits schließen musste, versuchen andere Klinikbetreiber ihre Kinderabteilungen zu erhalten.

Sie finanzieren sie mit Geldern aus ertragreicheren Abteilungen, wie etwa der Gefäßchirurgie oder Orthopädie.

Nachrichten | heute - in Europa -
Frankreichs überlastete Krankenhäuser
 

Die zweite Welle ist auch in Frankreich angekommen. Das Gesundheitssystem kommt jetzt erneut an seine Grenzen.

Videolänge:
2 min

Behandlung von Kindern anders finanzieren?

Kleine Kinderabteilungen in der Fläche sind für Notfälle unentbehrlich, sagt Uwe Borchmann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern.

"Doch da sie selten gewinnbringende schwere Fälle behandeln, können sie nicht genug erwirtschaften, um eine zeitweise Minderauslastung von Betten und Personal zu finanzieren. Die Finanzierung nach Fallpauschalen ist ein mengen- und aufwandsbasiertes Vergütungssystem, was in kleineren Kinderabteilungen nicht kostendeckend anwendbar ist", erklärt Borchmann.

Wir müssen natürlich darüber diskutieren, ob es uns als Gesellschaft nicht wert ist, insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde eine Ist-Kostenerstattung einzuführen, um unsere Kinderkliniken auch in der Fläche erhalten zu können.
Uwe Borchmann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern

"Eine Zersplitterung der Finanzierung zwischen Erwachsen- und Kindermedizin ist aber der falsche Weg. Er verursacht nur noch mehr Verwaltungsaufwand und bietet Streitpotential mit den Krankenkassen. Eine bessere Finanzierung für die Kinder- und Jugendmedizin ist auch innerhalb des DRG-Systems möglich", sagt Borchmann weiter.

Weitere Probleme: Investitionsstau und Fachkräftemangel

Auch die nicht ausreichenden Investitionsmittel aus den Ländern - die zweite maßgebliche Säule der Klinikfinanzierung - sind ein Problem. Denn derzeit gibt es einen Investitionsstau an deutschen Kliniken von 30 Milliarden Euro und eine jährliche Lücke von ca. vier Milliarden. Geld, das von den Ländern nicht in voller Höhe bereitgestellt wird, und daher den Häusern bei den Betriebskosten fehlt.

Dazu kommt der massive Fachkräftemangel bei Ärzten und Pflegepersonal, die den Betreibern der Kinderkliniken ernsthafte Zukunftssorgen bereitet. Das Fallpauschalen-System ist nur ein Problem von vielen in der Kinderheilkunde.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.