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Gegen den Makel der Armut

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Debatte um Kindergrundeinkommen - Gegen den Makel der Armut

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Eine Art Grundeinkommen für Kinder soll diese vor Armut bewahren. Dafür demonstrieren heute Bündnisse und Parteien in Berlin. Doch kann das Konzept das Problem wirklich lindern?

Jedes fünfte Kind gilt in Deutschland als arm - Sarah-Lee Heinrich kämpft dagegen.

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Als Sarah-Lee Heinrich bewusst wurde, dass sie arm ist, saß sie in ihrer neuen Klasse im Gymnasium und hörte ihre Mitschüler abfällig über günstige Kleidung von C&A oder kik sprechen.

"Über Kleidung, die ich anhatte", erzählt sie. "Ich habe mich sehr geschämt und bekam Angst, ausgeschlossen zu werden." Diese Angst, nicht dazuzugehören, war in Sarah-Lees Jugend Dauerzustand. Egal ob Hobbys, Urlaube oder Geburtstagsgeschenke:

Meine Jugend war geprägt vom Mangel.
Sarah-Lee Heinrich
Sarah-Lee Heinrich
Sarah-Lee Heinrich studiert Politikwissenschaften in Köln und ist Mitglied der Grünen Jugend
Quelle: imago

Weil ihre Mutter Hartz IV empfängt, erhält auch Sarah-Lee bis zu ihrem Auszug Bezüge vom Jobcenter. Als Jugendliche mit Sanktionsdrohungen und haufenweise Anträgen konfrontiert zu sein - das habe ihr das Gefühl gegeben, sich das Geld erst verdienen zu müssen, obwohl es ihr zusteht.

Kindheit am Existenzminimum

Erlebnisse wie diese haben die 19-Jährige zur Aktivistin gemacht. Ihre Forderung: Eine Kindergrundsicherung. Sie soll Sozialleistungen, wie Kindergeld und Unterhaltsvorschuss, zu einer Gesamtleistung bündeln, sodass eine Art Grundeinkommen für Kinder entsteht. So sollen Kinder vor Armut geschützt werden.

Eine von Sarah-Lee mitorganisierte Demonstration in Berlin heute zeigt, wie groß der Zuspruch für dieses Konzept mittlerweile ist. Neben einem Bündnis aus Wohlfahrtsverbänden und Wissenschaftlern, sowie dem DGB, nehmen auch Linke, Grüne und SPD an der Demonstration teil. Noch nie war die politische Unterstützung so groß.

Kinder in der Corona-Krise am Limit

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Etwa 22 Milliarden Euro Mehrkosten

Dabei würde eine Einführung einem Systemwechsel gleichen. Und der kostet: Je nach Berechnung werden zusätzliche zehn bis 22 Milliarden Euro für die Kindergrundsicherung angesetzt. "Dieses Geld muss man irgendwo einsparen“, gibt der CDU-Politiker Marcus Weinberg zu bedenken.

Er ist familienpolitischer Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag. An ihr würde eine Einführung der Kindergrundsicherung momentan scheitern. Ähnlich wie beim Grundeinkommen oder der Grundrente lehnt die Union eine Kindergrundsicherung wegen der automatischen Auszahlung ab.

Jede Familie hat andere Bedürfnisse und um niemanden zu benachteiligen, muss man hier deutlich differenzieren.
Marcus Weinberg, CDU

Hoffnung der Kindergrundsicherung: Bürokratie abbauen

An Differenzierung fehlt es dem aktuellen System nicht. Etwa 150 familienpolitische Leistungen gibt es, für die fast 200 Milliarden Euro ausgegeben werden. Das Problem: Die Bürokratie schluckt hohe Summen und viele Leistungen werden von Familien gar nicht erst beantragt, weil sie Anlaufstellen und Anträge nicht kennen.

Spätestens die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell Familien in (kurzfristige) finanzielle Not kommen und auf unbürokratische Hilfe angewiesen sind.

Armut durch Kinder – Das klingt krass, ist aber für viele Familien Realität.

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Auch Reiche profitieren - ein Makel?

Dass von einer Kindergrundsicherung alle Kinder profitieren würden, kritisiert der Armutsforscher Christoph Butterwegge. "Wohlhabende, Reiche und Hyperreiche müssen keine zusätzlichen Geldmittel erhalten, sondern müssen finanziell stärker in die Pflicht genommen werden", sagt er.

Kinder sind arm, wenn und weil ihre Eltern, vor allem ihre Mütter, arm sind.
Christoph Butterwegge

Er lehnt die Kindergrundsicherung ab, weil er es sinnvoller findet, nicht nur das Kind, sondern die Familien zu unterstützen. Das fange bei einem höheren Mindestlohn an und gehe bis zu besseren Betreuungsangeboten und Ganztagsschulen, so der Armutsforscher.

"Natürlich wird sie Kinderarmut nicht bekämpfen"

Doch auch Sarah-Lee ist bewusst, dass eine Einführung der Kindergrundsicherung kein Allheilmittel ist. "Natürlich wird sie Kinderarmut nicht bekämpfen", sagt sie. "Aber es ist ein wichtiger Schritt dahin, den Familien zu helfen, die es am meisten brauchen."

Jung und arm in Deutschland

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Auf der "Es reicht für alle"-Demo heute fordern sie deshalb weitere Schritte, die sich zum Beispiel in Sachen höherer Mindestlohn mit den Vorschlägen des Armutsforschers decken.

Einig sind sich alle: Dass hierzulande mehrere Millionen Kinder in Armut leben, kann nicht weiter hingenommen werden. Die Politik will handeln - die Frage ist nur: wie? Deshalb blickt Sarah-Lee erwartungsvoll in das kommende Wahljahr.

Der Autorin auf Twitter folgen: @johannasagt

Das ist die Situation in Deutschland

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