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Outsourcing im Kampf gegen Kindesmissbrauch

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Externe Gutachter - Outsourcing im Kampf gegen Kindesmissbrauch

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Der Staat beauftragt auch Externe damit, Bilder und Videos von Kindesmissbrauch auszuwerten. Ein Gespräch mit einer Firma, deren Mitarbeiter sich durch die Datenberge arbeiten.

Missbrauchsdarstellungen von Kindern - ein Computerbildschirm zeigt symbolhaft mehrere Files, die Missbrauchsdateien von Kindern zeigen könnten.
Polizei und Justiz beauftragen auch externe Sachverständige damit, Bilder von Kindesmissbrauch auszuwerten.
Quelle: dpa

Es sind Bilder und Videos, die viel Leid zeigen. Hersteller, Besitzer und Verbreiter von Missbrauchsdarstellungen von Kindern häufen oft massig Material an. Doch wer wertet die vielen Dateien aus? Eine ZDFheute-Umfrage zeigt: In den meisten Bundesländern werden auch externe Dienstleister damit beauftragt. Staatsanwaltschaften in elf Bundesländern gaben an, dass sie externe Sachverständige beauftragen oder schon einmal beauftragt haben. In Niedersachsen läuft bei der Staatsanwaltschaft Hannover dazu eine Testphase. Eine eigentlich staatliche Aufgabe wird damit an private Personen oder Firmen ausgelagert.

Ein Grund für das Outsourcing ist, dass die Polizei die Datenmengen nicht schnell genug bearbeiten kann. "Um (...) eine effektive, effiziente und zügige Bearbeitung der Ermittlungsverfahren zu gewährleisten, werden auch externe Sachverständige mit der Begutachtung von Daten beauftragt", schreibt etwa die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Frankfurt am Main.

In den beiden großen Missbrauchskomplexen von Bergisch Gladbach und Münster werden derzeit zwar keine Externen beauftragt, wie ZDFheute von den zuständigen Staatsanwaltschaften erfuhr. Dort ermitteln jeweils über 100 Beamte. Es sei aber nicht auszuschließen, dass die Taskforce "Berg" in Bergisch Gladbach künftig auf Externe zurückgreift, so die Staatsanwaltschaft Köln.*

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"Unglaublicher Berg an Fällen und Material"

Die Vergabe an Externe ist bei der Polizei und Justiz nicht unüblich. Auch in Fällen von Wirtschaftskriminalität kommt das zum Einsatz. Doch Kindesmissbrauchsdelikte erfordern ein besonderes Maß an Sensibilität. Fotos der Opfer werden oft jahrelang verbreitet, Kinder an Täter "weitergereicht" und dabei gefilmt. Das ist für Opfer, Ermittler und Sachverständige belastend.

Eine der Firmen, die für den Staat Gutachten erstellt, ist die Fast-detect GmbH in München. Ihr Geschäftsführer Thomas Salzberger hat vor 16 Jahren als Sachverständiger für IT-Forensik begonnen und beobachtet seitdem eine deutliche Zunahme: "Derzeit entsteht ein unglaublicher Berg an Fällen und Material, weil in den USA immer mehr Internetdienstanbieter verpflichtet sind, Kinderpornografie zu melden und die Kriminalpolizei anhand der Fülle von Anzeigen nicht mehr nachkommt."

Alarmanlage und Videokameras

Fast-detect arbeitet nach eigenen Angaben bundesweit mit über 70 Staatsanwaltschaften zusammen. "Wir sind das größte Sachverständigenbüro für IT-Forensik in Deutschland", sagt der 56-jährige Salzberger. Mehrere Staatsanwaltschaften bestätigen gegenüber ZDFheute die Zusammenarbeit mit Fast-detect. Viele geben sich aber auch bedeckt und wollen keine Namen von Gutachtern und Firmen nennen.

Salzberger weist auf die hohen Sicherheitsstandards hin, die für ihn und seine 35 Mitarbeiter gelten. "Unsere Räume und die Mitarbeiter werden jährlich polizeilich überprüft. Es gelten strikte bauliche Vorschriften und Auflagen, wie zum Beispiel eine Videoüberwachung kritischer Bereiche, eine Alarmanlage mit Schaltung zu einem Sicherheitsdienst und direkter Benachrichtigung der nächsten Polizeiwache oder das Arbeiten in einem physisch vom Internet getrennten Netzwerk", sagt Salzberger.

Kategorisierung der Fotos

Für eine Auswertung bekommt Fast-detect Computer, Smartphones, USB-Sticks, Festplatten oder Speicherkarten von den Behörden über einen zertifizierten Zusteller direkt nach München angeliefert. "In einem ersten Schritt werden die Daten ausgelesen und aufbereitet. In der Auswertung werden dann bestimmte Merkmale von Bildern und Videos mit eigenen Datenbanken abgeglichen, um bereits bekannte kinderpornografische Schriften zu identifizieren", so Salzberger. Anschließend gehe es für die Mitarbeiter - allesamt Informatiker oder Fachinformatiker - darum, weitere Bilder und Videos zu sichten und zu klassifizieren. "Wie viele Opfer sieht man, wie alt sind sie, kann man den oder die Täter identifizieren, an welchen Orten fanden wie viele Missbrauchshandlungen statt, um welche Art von Missbrauch handelt es sich jeweils?", erklärt Salzberger.

Ein weiterer, arbeitsaufwendiger Schritt bestehe darin, zu schauen, über welche Kanäle an wie vielen Tagen, wie viele kinderpornografische Schriften von wem übermittelt oder an wen weitergegeben wurden. "Wurden sie angeschaut, verschlüsselt, auf CD gebrannt?", sagt Salzberger. Dafür werden Internetnutzungsspuren untersucht und etwa Chats im Kontext der Dateiübertragungen gelesen.

"Das Sichten stellt für uns kein Problem dar"

Für einen "durchschnittlichen Fall" brauche Fast-detect zwischen 40 und 80 Stunden. Ein Gutachten listet dann das gefundene Material und - nach Straftaten gegliedert - die festgestellten, potenziell strafbaren Handlungen auf.

Videos schauen sich die Informatiker dabei nicht an - das wäre zu zeitaufwändig und auch stärker belastend, so Salzberger: "Wir erzeugen mehrere Standbilder von einem Video und verfahren dann mit ihnen wie mit den Fotos."

Wie schafft man das - sich den ganzen Tag über mit Missbrauchsfällen zu beschäftigen? "Wer sehr emotional ist, würde sich in dem Umfeld schwer tun. Wir agieren wie Notärzte - wir können damit umgehen. Das Sichten des Materials stellt für uns kein Problem dar. Wir bieten aber auch regelmäßig Supervisionen an und sorgen dafür, dass ein angenehmes Arbeitsklima herrscht und sich die Mitarbeiter austauschen können."

"Bankrotterklärung des Staates"

Die Bundesländer haben bei der Beauftragung von Externen unterschiedliche Anforderungen. Eine Vereinheitlichung sei dringend nötig, fordert Sebastian Fiedler, Vorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter:

Wir brauchen einheitliche Kriterien: Wo endet die Aufbereitung von Daten und wo beginnt die kriminalistische Auswertung? Wie oft werden die Mitarbeiter der Firmen überprüft?
Sebastian Fiedler, Bund Deutscher Kriminalbeamter

Die Praxis, mit privaten Sachverständigen zusammenzuarbeiten, sieht Fiedler ambivalent: "Einerseits begrüße ich das Einbeziehen von externem Sachverstand sehr. Wenn es aber aus reinem Ressourcenmangel zum Prinzip wird, ist das eine Bankrotterklärung des Staates und eine Privatisierung von Polizeiarbeit durch die Hintertür. Das ist aus rechtsstaatlichen Gesichtspunkten ein massives Problem."

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat ein Reformpaket zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder vorgestellt. Demnach sollen sowohl Kindesmissbrauch als auch der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie künftig als Verbrechen statt als Vergehen eingestuft werden. Damit würden noch viel mehr Fälle auf Justiz und Polizei zukommen.

*Der Absatz zu den Missbrauchsfällen in Münster und Bergisch Gladbach wurden am 6.7. ergänzt.

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