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Hat die Klassik ein Rassismus-Problem?

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Weiße Dominanz in Orchestern - Hat die Klassik ein Rassismus-Problem?

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Klassische Musik, das ist "gehobene Bildung", die exklusive Welt europäischer Tradition. Die Klassik-Branche wird von Weißen dominiert. Schwarze Musiker sind die große Ausnahme.

Schwarze Musiker haben es in der Klassik schwer. Warum ist das so? Der US-amerikanische Dirigent Roderick Cox setzt sich mit den Vorurteilen auseinander.

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Schwarze Musiker gehören zu den ganz Großen im Jazz, Blues, Hiphop. In der Klassik spielen sie - Orchestermusiker, Solisten, Komponisten oder Dirigenten - dagegen kaum eine Rolle. Die Welt der klassischen Musik hält hartnäckig fest an den Konventionen einer fernen Vergangenheit.

Dabei gibt sich die Klassik gerne weltoffen, Nationalitäten haben hier noch nie eine Rolle gespielt. Die meisten deutschen Orchester sind der Inbegriff eines multinationalen Kollektivs - mit dem gemeinsamen Ziel, Musik auf allerhöchstem Niveau zu machen. Nur multiethnisch, divers sind sie nicht.

Rassismus begleitet Schwarze in Deutschland jeden Tag, ein Leben lang. Auch bedingt durch die Strukturen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.

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Man muss nicht lange suchen, um festzustellen: Es gibt kaum Schwarze Musiker in den Orchestern oder den Zuschauersälen - und es werden auch keine Werke Schwarzer Komponisten gespielt. Das liegt auch an der Haltung der Klassik-Industrie. Hat die Klassik ein Rassismus Problem?

Dirigent Cox: "Warum sollte die Hautfarbe eine Rolle spielen"

"Black Lives Matter" hat auch in Deutschland eine enorme Bedeutung - die Forderung nach Wandel trifft auf Resonanz. So setzt eines der besten Berliner Orchester, das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO), kurzerhand ein Konzert mit dem Amerikaner Roderick Cox und der Sopranistin Julia Bullock auf den coronabedingt ausgedünnten Spielplan.

Roderick Cox ist in Macon, Georgia geboren, vor zwei Jahren zog er nach Berlin. Das Konzert ist wichtig für den jungen, frei arbeitenden Dirigenten. Er ist einer der wenigen Schwarzen Künstler in der Branche. Dass seine Hautfarbe von so großer Bedeutung sei, wenn er da vorne stehe, erschüttere ihn, sagt er.

Wir müssen aufhören, Erklärungen für Rassismus den Schwarzen aufzubürden. Führende Dirigenten wie Barenboim oder Rattle müssten sich äußern.
Roderick Cox

Wie außergewöhnlich es für das Orchester ist, dem Takt eines afroamerikanischen Dirigenten zu folgen, wird klar, als Lorna Hartling, Bratschistin im DSO Berlin, sagt, sie habe in 28 Jahren gerade mal unter einem Schwarzen Dirigenten gespielt: eine unterhaltsame Silvester-Gala. Hartling war 1992 die erste Afroamerikanerin im Orchester, aber ist seither auch die einzige geblieben.

Frankfurter Orchester engagiert 1961 ersten Schwarzen Chefdirigenten

Den Amerikanern ihren Rassismus vorgehalten hat offenbar das damalige Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks in Frankfurt, als es 1961 den ersten Schwarzen Chefdirigenten engagierte. Dean Dixon dirigierte zwar in den USA, konnte aber als "negro-conductor" keinen festen Posten ergattern.

Dixon, der zu den bedeutendsten Dirigenten seiner Zeit zählte, blieb knapp 13 Jahre lang als Chef in Frankfurt. Aber immer auch ein Solitär. Er, der eine wichtige Identifikationsfigur für junge Schwarze Musiker war, starb 1976 mit 61 Jahren.

Demonstration gegen Rassismus in Stuttgart.

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In der Debatte um Rassismus in Deutschland geht es auch um Privilegien, die Weiße haben. Der Versuch einer Selbstbefragung.

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Spätestens seit der damals 19-jährige Cellist Sheku Kanneh-Mason bei der Hochzeit von Meghan und Harry das "Ave Maria" auf dem Cello spielte, hat die Klassik einen neuen Superstar. Die Branche reißt sich um ihn - vor allem, weil Sheku schnell als Idol gilt. Er spielt nicht nur Klassik pur, sondern auch Pop-Bearbeitungen. Dabei steht er für das, was die Klassik so dringend braucht: Diversität.

Als erster Schwarzer Musiker gewinnt er den Talentwettbewerb der BBC für klassische Musik. Alle großen Orchester wollen mit ihm spielen. Seinen ersten großen Auftritt in der Royal Albert Hall allerdings hatte er mit "Chineke!", einem Projekt-Orchester, dem nur Schwarze Musiker, People of Color, angehören.

Reicht nicht, zu sagen: "Talente machen ihren Weg"

Auch Roderick Cox dirigiert dieses ungewöhnliche Orchester, bei dem immer auch die politische Botschaft mitschwingt, das aber vor allem jungen, Schwarzen Musikern Orientierung bietet. Denn es reicht nicht zu sagen, Talente machen ihren Weg in der Klassik. Die strauchelnde Branche muss endlich erkennen, dass sie nicht länger Kreativität und Künstler marginalisieren darf. Sie muss raus aus ihrer achtlosen Bequemlichkeit.

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