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Kommentar

Kliniken im Notbetrieb : Geschichte eines politischen Versagens

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Warnungen gab es genug. Schon vor der Pandemie. Das Pflegepersonal am Limit. Jetzt ist es vielfach darüber hinaus. Viele Kliniken im Notbetrieb. Wie konnte es so weit kommen?

Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Krankenpflegerin betritt einen abgetrennten Bereich für Covid-19-Patienten in einem Klinikum.
In vielen Krankenhäusern ist die Lage nicht erst seit Corona brisant.
Quelle: Marijan Murat/dpa

Wenn Eltern mit ihren Kindern in Notaufnahmen verzweifelt auf Hilfe warten, wenn Intensivmediziner von einer "katastrophalen Situation" sprechen, dann läuft etwas grundsätzlich falsch.

Dass es besonders im Winter zu extremen Engpässen kommt, liegt nur vordergründig an krankmachenden Viren. Schuld ist die Politik, die das Klinik-System viel zu lang dem freien Spiel ökonomischer Kräfte überlassen hat. Dokumentiert natürlich.

Fehlende Betten, zu wenig Personal: Bei ZDFheute live sprechen Chefärztin Beatrix Schmidt, Grünen-Politiker Janosch Dahmen und Prof. Jörg Dötsch über die Lage in Kinderkliniken.

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32 min
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Kliniksystem vor 20 Jahren reformbedürftig

Es ist fast 20 Jahre her, da gab es diese Idee der Fallpauschalen, die von Australien nach Deutschland schwappte. Ich erinnere mich, dass die Uniklinik Freiburg damals eine ungewöhnliche Kooperation mit der Porsche AG einging. Das Kliniksystem war dringend reformbedürftig, lange Liegezeiten, explodierende Kosten.

Die Fragen lagen auf dem Tisch: Wie können Arbeitsabläufe gestrafft, wie mehr Effizienz erreicht werden? Der Austausch mit dem Autobauer hatte durchaus einen gewissen Charme, denn, so die Grundannahme, wenn Kliniken besser organisiert wären, bliebe mehr Zeit für die Kranken.

Bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld für Kinderkliniken: Der Bundestag beschloss ein erstes Gesetz zur Krankenhausreform.

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1 min
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Fallpauschalen: Preisschilder für Operationen

Ab 2003 erfassten die Fallpauschalen das gesamte Klinikwesen. Jede Behandlung, jede Operation bekam einen Preis, dieser wurde von den Krankenkassen bezahlt. Die neue Faustregel: je mehr Eingriffe, desto mehr Gewinn.

Eine Privatisierungswelle rollte durch die Kliniklandschaft, alle Krankenhäuser gerieten unter ökonomischen Druck, Pflegepersonal wurde radikal abgebaut. Wo konnte man schließlich am besten sparen? Bei denen, von denen die Geschäftsleitungen glaubten, sie nicht wirklich zu brauchen. Die Rechnung: Pflege ist ein Kostenfaktor.  

Zu viele Operationen, zu wenig Pflegepersonal

Inzwischen hat das Fallpauschalen-System absurde Züge. Es ist wie mit einer Schraube, die sich zunehmend schwerer windet und irgendwann steckenbleibt. Viel zu viele Operationen, auch viele unnötige, gleichzeitig viel zu wenig Pflegepersonal und deshalb Betten-Abbau.

Hüfte, Knie, das bringt Geld. Kinderkliniken jedoch gehörten nie zu den gewinnbringenden Sektoren. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sieht die Lage mit großer Sorge. Ironie der Geschichte: Er selbst hat - federführend war damals Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) - die Fallpauschalen beratend mit eingeführt.

Profit erwirtschaften, das ist die Devise im Gesundheitssystem. Geld fließt nur bei Behandlungen. Ein Stichwort: Fallpauschale. Eine Reform: dringend nötig, urteilen Mediziner.

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2 min
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Medizin und Ökonomie aus dem Gleichgewicht

Ihnen schlechte Absichten zu unterstellen, wäre falsch. Das damalige System war überaltert, der demografische Faktor drohte schon vor 20 Jahren zur Falle zu werden. Doch schnell gerieten Medizin und Ökonomie aus dem Gleichgewicht - ohne politische Gegenwehr. Ministerinnen und Minister im Gesundheitsressort kamen und gingen.

Hier eine Pflege-Offensive, dort eine "konzertierte Aktion", das Thema "Pflegenotstand" ploppte hoch und verschwand wieder. Die Pflegedirektorin einer großen Klinik nahm mich neulich zur Seite. 30 Jahre im Job und desillusioniert, verwaltet werde inzwischen nur noch der Mangel.  

Revolution oder Dauer-Krisen-Modus?

Lauterbach spricht inzwischen von Revolution, will nächste Woche weitere Reformvorschläge machen. "Bleiben Sie am Ball, sonst brennt bald der Baum", rät ihm noch der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge. Dabei sind es gerade die Ex-Koalitionäre, die maßgeblich verantwortlich sind für die Klinikmisere. Viel früher hätte das System auf den Prüfstand gemusst. Gab es immer noch zu viele Profiteure?

Den Preis zahlen jetzt die Kranken. Die Kinder, weil ihre Versorgung in Gefahr ist, die Erwachsenen, weil planbare Operationen verschoben werden und auch die Pflegenden, Ärzte und Ärztinnen, die eine Notsituation nach der anderen ausbügeln müssen. Die Geschichte vom funktionierenden Kliniksystem ist schon lange auserzählt.    

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