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Wer steckt dahinter? - Kolumbien: Schüsse auf Präsidenten-Helikopter

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Schüsse auf den Hubschrauber von Präsident Duque offenbaren, wie fragil die Lage in Kolumbien derzeit ist. Der rechtsgerichtete Politiker und seine Begleiter blieben unverletzt.

Die Einschusslöcher an dem Hubschrauber.
Einschusslöcher am Hubschrauber von Kolumbiens Präsident Duque
Quelle: Cesar Carrion/Präsidentschaft von Kolumbien via AP/dpa

Erst Sozialproteste, dann brutale Polizeigewalt, Straßenblockaden und nun zwei Attentate innerhalb kürzester Zeit: Mehrere Schüsse auf den Hubschrauber von Kolumbiens Präsident Iván Duque sind ein weiterer Beleg dafür, wie instabil die Lage in dem südamerikanischen Land derzeit ist.

Anschlag auf die Regierung

Hätten die Schützen Erfolg gehabt, wäre das Land in eine noch unkalkulierbarere Lage gerutscht: Denn neben dem rechtsgerichteten Staatsoberhaupt waren unter anderem auch Verteidigungsminister Diego Molano sowie ranghohe Amtsträger aus Justiz und Militär an Bord.

Hunderttausende demonstrieren seit Wochen in Kolumbien für mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit.

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Bogotas grüne Bürgermeisterin Claudia Lopez, eigentlich eine Kritikerin Duques, sprach deshalb von einem Anschlag auf die Demokratie. Der linke Oppositionsführer Gustavo Petro, der derzeit die Umfragen für die Wahlen 2022 anführt, erklärte, so groß die Differenzen auch sein mögen, er verurteile das Attentat.

Kritik an Sicherheitsmaßnahmen

"Diese Regierung wird nicht eine Minute verlieren im Kampf gegen den Drogenhandel, gegen den Terrorismus und das organisierte Verbrechen", sagte Duque und lenkte damit den Blick auf die aus seiner Sicht möglichen Verantwortlichen.

Kolumbiens Präsident Ivan Duque während eines Presseinterviews in Bogota.
Kolumbiens Präsident Iván Duque
Quelle: reuters

Er versuchte, sich betont entschlossen zu geben, doch auch er wusste erst einmal nicht, wer da auf ihn gezielt hat. Noch am Abend wurde Kritik an den Sicherheitsmaßnahmen rund um den Präsidentenflug laut.

Unklar, wer hinter dem Anschlag steckt

Derzeit ist überhaupt nicht klar, wer hinter den Schüssen steckt. Das alleine offenbart die komplizierte innenpolitische Gemengelage in Kolumbien. Der Vorfall ereignete sich laut Regierungsanfragen im Anflug auf die Grenzstadt Cucuta.

Karte von Venezuela und Kolumbien mit Cucuta
Cucuta liegt an der Grenze zu Venezuela und gilt als gefährlich.

In der Region sind sowohl linksgerichtete Guerillagruppen wie die marxistische ELN als auch abtrünnige Kämpfer der inzwischen befriedeten FARC-Guerilla, Dissidenten genannt, aktiv. Erst vor wenigen Wochen soll in der Grenzregion der prominente FARC-Kommandant Jesus Santrich ums Leben gekommen sein. Hinzu kommen brutale rechtsgerichtete Paramilitärs, die die Vorherrschaft über die strategisch wichtige Grenzregion beanspruchen.

Kolumbien - tief in Drogenhandel verstrickt

Allesamt sind - wie korrupte Politiker und Militärs - in den Drogenhandel verstrickt. Kolumbien ist Kokainproduzent Nummer eins, ein lukrativer illegaler Milliardenmarkt. Die humanitäre Lage in Cucuta ist seit Jahren angespannt, denn sie gilt als erste Durchgangsstation für die Hunderttausenden Flüchtlinge aus Venezuela, die in den vergangenen Jahren nach Kolumbien gekommen sind.

Eines der Stadtviertel, aus dem die Schüsse gekommen sind, gilt als eines der gefährlichsten des ganzen Landes. Die Corona-Pandemie und die einhergehende Wirtschaftskrise haben die soziale Lage im Land noch einmal verschärft.

Sozialproteste und Polizeigewalt

Duque selbst steht unter enormen Druck. Seine Zustimmungsraten sind im Keller. Vor allem die massive Polizeigewalt gegen anfangs friedliche, später aber in Einzelfällen gewalttätige Sozialproteste haben seinem Ruf schwer geschadet. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezifferte die Zahl der Toten bei den Protesten auf mindestens 20, wahrscheinlich deutlich mehr.

Archiv: „Sie bringen uns um“, steht auf diesem Plakat. Ein Protest gegen das brutale Vorgehen der Polizei.

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Duque scheiterte mit einer Steuerreform, die die Proteste auslösten. Für den 20. Juli hat das Streikkomitee nun zu neuen Protesten aufgerufen, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Ein Dialog mit der Regierung verlief im Sande.

Bombenexplosion in Militärkaserne

Erst vor wenigen Tagen war Cucuta schon einmal Schauplatz eines mysteriösen Anschlags, für den bislang kein Attentäter die politische Verantwortung übernehmen will. Eine Bombenexplosion in einer Militärkaserne verletzte mehr als 30 Menschen.

Die Regierung bezichtigte zwar die ELN-Guerilla, die lehnte aber jedwede Verantwortung ab. Und so bleiben viele Fragen unbeantwortet. Sicher ist nur: Kolumbien bleibt in schwierigem Fahrwasser.

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