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Organspende - Eine Debatte allein reicht nicht

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Schon die Debatte über Organspenden kann Leben retten - und sie ist das Verdienst von Jens Spahn. Die große Gefahr: dass das Thema jetzt erstmal beiseitegelegt wird.

In den Tagen vor der Organspenden-Abstimmung im Bundestag habe ich in meinem Freundeskreis immer mal wieder herumgefragt. Habt Ihr einen Organspendeausweis? Falls nein: Warum nicht? Und: Wie seht Ihr die Widerspruchslösung, also die Idee, dass jeder erstmal Spender ist, solange er nicht widersprochen hat?

Viele sind unentschieden

Was mich dabei gefreut hat: dass das Thema alle ernsthaft zu interessieren schien. Was mich überraschte: wie viele mir sagten, sie seien in der Frage unentschieden. Und müssten sich mal näher damit beschäftigen.

Nun ist es so, dass sich in Umfragen viele Menschen offen für eine Organspende zeigen (und im Übrigen auch für die Widerspruchslösung, wie das ZDF-Politbarometer von diesem Donnerstag zeigt). Und dass gleichzeitig in der Realität viele dann doch keinen Ausweis bei sich tragen. Niemand - außer, er wartet gerade selbst auf ein Organ - beschäftigt sich gerne mit dem Thema, sprich: mit dem eigenen Tod. Dass viele Menschen es in den letzten Monaten trotzdem getan haben, ist das Verdienst von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Spahns Drang könnte Leben retten

Spahns Drang, ständig neue Debatten anzustoßen, wurde öfter schon verspottet. Oft auch zu Recht, man denke etwa an Debatten wie die über englisch sprechende Kellner in Berlin. In diesem Fall aber ist sein Drang nicht genug zu loben: Weil allein die Debatte dazu führen dürfte, dass Menschen sich einen Organspendeausweis besorgen. Und weil jeder Mensch, der sich vor seinem Tod zu einer Organspende bereit erklärt hat, im Schnitt drei anderen die Chance auf eine neue Zukunft geben kann. Drei Menschen! Eine Zahl, die sich im Übrigen jeder vor Augen führen sollte, der noch keinen solchen Ausweis in der Tasche trägt.

Nur: Die Versorgung mit Spenderorganen in Deutschland ist so dramatisch schlecht, dass eine Debatte allein nicht ausreicht. Und doch dürfte das Thema erstmal wieder beiseitegelegt werden, von Politik und Medienöffentlichkeit. Man hat doch was gemacht, es gibt doch auch andere Themen, und überhaupt: Warum nicht einfach mal abwarten, wie sich die Zahlen entwickeln? Vielleicht gibt es ja ein kleines Wunder?

Abwarten ist gefährlich

Genau diese Haltung ist das größte Risiko, das von der heutigen Abstimmung ausgeht. Denn vermutlich wird es, anders als von 2018 auf 2019, keinen weiteren Rückgang der Organspenden in Deutschland geben; vermutlich werden die Zahlen in den nächsten Jahren sogar ein klein wenig steigen. Ob das an dem Gesetz liegt, das der Bundestag im vergangenen Jahr beschlossen hat, das die Bedingungen für Organspenden in Kliniken verbessert? An der Debatte selbst? Oder an den vergleichsweise kleinen Verbesserungen, die die heutige Entscheidungslösung herbeiführen wird?

Ein kleiner Anstieg reicht nicht

Man wird es nicht herausfinden - und man sollte sich nicht damit abfinden. Ein kleiner Anstieg auf geringem Niveau bleibt im Ergebnis: dramatisch zu wenig. Weiterhin werden in Deutschland zahlreiche Menschen sterben, die zu lange auf ein Organ warten mussten. Die Debatte über die Widerspruchslösung - und über jeden anderen Vorschlag, der die Spendenbereitschaft der Deutschen erhöht - muss ab morgen weitergeführt werden. Im Freundeskreis. Und, viel wichtiger: in der Politik.

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