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Kommunalwahlen in Brasilien - Samba statt Inhalte

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Inmitten der Corona-Pandemie starten an diesem Sonntag die Kommunalwahlen in Brasilien. Politische Inhalte gibt es wenig. Ohrwurm-Slogans und Karneval stehen im Vordergrund.

Guilherme Boulos, Kandidat für den Bürgermeister von Sao Paulo für die Partei für Sozialismus und Freiheit (PSOL), begrüßt seine Anhänger, als er an einer Wahlkampfveranstaltung am Rande der Stadt Sao Paulo teilnimmt.
Guilherme Boulos, Kandidat für den Bürgermeister von Sao Paulo für die Partei für Sozialismus und Freiheit (PSOL),bei einer Wahlkampfveranstaltung in Sao Paulo, Brasilien
Quelle: epa

Es sind die Tage des Lärms und der bemühten Reime in Brasilien. Fast ununterbrochen dröhnt es blechern aus Kleinbussen, an denen auf oft abenteuerliche Weise Lautsprecher befestigt sind. Der Inhalt ist Nebensache, Hauptsache eine Zahl und ein Name bleiben beim Zuhörer hängen.

Wahlkampf: Form toppt Inhalt

Es ist Kommunalwahlkampf in Brasilien. Heerscharen von oft unbekannten Kandidaten buhlen mit lauten Liedern um Stimmen. Im ganzen Land, insgesamt in mehr als 5.500 Gemeinden, wird gleichzeitig gewählt. Allein in Rio de Janeiro wollen 14 Männer und Frauen Bürgermeister werden.

Für sie gilt: Wirkung vor Logik! "Ich gehe mit Lindbergh, ich gehe mit ihm, Lindbergh 12123 ist mein Stadtrat" - klingt auf Deutsch sperrig, reimt sich aber im Portugiesischen. Und es ist ein Ohrwurm. Beides ist wichtig, damit die Wähler das Liedchen mit in die Kabine nehmen.

In Brasilien wird elektronisch gewählt, und am Anfang steht die Nummer des Kandidaten. Erst nach deren Eingabe erscheint der Name. Wer die Nummer vergisst, wählt möglicherweise den oder die Falsche.

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23 min

Politik bleibt an der Oberfläche

Die Reduzierung von Politik aufs Oberflächliche ist nicht neu, aber gerade im Krisenjahr 2020 problematisch. Viele Brasilianer, vor allem die jüngeren, fühlen sich abgehängt und nicht mehr repräsentiert von der Politik. Es besteht zwar Wahlpflicht in Brasilien, aber Studien rechnen damit, dass ein Großteil von ihnen aus Protest ungültig wählen wird.

Fast die Hälfte der jungen Menschen mit einem Hochschulabschluss arbeitet nicht in einem entsprechenden Job. Fast ein Drittel ist arbeitslos. Wer aus einer Favela, einem Armenviertel kommt, hat kaum eine Chance, ihr zu entkommen. Afro-Brasilianer, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sind überproportional von Armut betroffen.

Zwar gibt es in diesem Jahr einen Zuwachs bei Kandidaten mit afro-brasilianischem und indigenem Hintergrund. Wirkliche Chancen aber haben die wenigsten.  

Suche nach dem kleinsten Übel

Igor Severo ist 30 und hatte einen besseren Start. Er kommt aus einer Familie der unteren Mittelschicht. In der Corona-Pandemie hat er sich selbstständig gemacht als Online-Sprachlehrer. In seinem Viertel am Rand von Rio ist momentan kaum eine Unterhaltung möglich, weil ununterbrochen die Lautsprecherwagen der Kandidaten vor dem Haus entlang fahren. Mit seinem bescheidenen Einkommen hofft er darauf, irgendwann mit seiner Frau näher ans zwei Stunden entfernte Stadtzentrum ziehen zu können, wo sie als Lehrerin arbeitet.

Sein Anspruch an die Politik sei lediglich, dass sie nicht alles noch schlimmer mache, durch mehr Korruption und Misswirtschaft.

Keiner der 14 Kandidaten in Rio hat irgendetwas mit mir gemein.
Igor Severo, Lehrer in Rio

Er wählt den einzigen über den er im Internet "keinen Dreck“ finden konnte. Auch wenn der keine Chance habe. Würde er gar nicht wählen, hätte er sein Land schon aufgeben, sagt er.

Karneval schlägt Wirtschaft: Olympia-Bürgermeister ist Favorit

Als Favorit in Rio gilt Eduardo Paes, der schon zur Zeit der olympischen Spiele Bürgermeister war und der Stadt horrende Schulden und marode und viel zu teuer gebaute Sportstätten hinterließ. Dennoch ist er beliebt, denn er war auch der Bürgermeister des Karnevals. Tanzte mit den Menschen.

Sein Nachfolger und größter Rivale ist Marcelo Crivella. Der evangelikale Pastor wurde im Rahmen der konservativen Welle gewählt, die zwei Jahre später auch Jair Bolsonaro in den Präsidentenpalast spülte. Mit dem sündigen Karneval kann er nichts anfangen. Viele in Rio nehmen ihm das übel. Der Karneval ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, lockt jedes Jahr Millionen Touristen an. Und so spielt der Karneval auch eine Rolle im Wahlkampf. Für Igor aber steht fest, dass der wirtschaftliche Aspekt nicht entscheidend ist.

"Karneval liegt den Cariocas, den Menschen von Rio, im Blut. Sie erinnern sich an den schönen Karneval und nicht mehr an die schlechten Dinge unter Eduardo Paes.", sagt er. Rio werde deshalb den Karneval wählen. Gut, dass der ebenfalls eine Nummer hat: "25, kommen Sie mit Eduardo Paes… 25“ - rauf und runter, gesungen in einem aufwändig produzierten Samba.

Christoph Röckerath leitet des ZDF-Studio in Rio de Janeiro.

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