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Experten gehen von Angriff aus : Schwere Explosionen auf russischer Krim-Basis

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Große Explosionen auf einem russischen Militärstützpunkt auf der Krim: Laut Moskau gab es keinen ukrainischen Angriff, Experten halten das für unglaubwürdig. Was man bislang weiß.

Krim, Saki, Nowofedorowka: Explosion auf einem russischen Militärstützpunkt
Explosionen auf einer russischen Militärbasis auf der Krim. Wer ist verantwortlich?
Quelle: Imago/Mulch/TASS

Auf der von Russland annektierten ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim ist lokalen und Moskauer Angaben zufolge ein Munitionsdepot auf einem Luftwaffenstützpunkt explodiert. In sozialen Netzwerken kursierende Videos zeigten am Dienstag zudem Explosionen und große Rauchwolken, die bei dem Ort Nowofjodorowka unweit des Badeortes Feodossija aufgenommen worden sein sollen.

Was ist passiert?

In einem Depot auf dem Gelände des Militärflugplatzes Saky nahe Nowofjodorowka sei Munition explodiert, zitierten russische Nachrichtenagenturen die russische Armee am Dienstag. Das russische Militär teilte mit: "Bei der Explosion wurde niemand verletzt." Das Munitionslager sei weder beschossen noch bombardiert worden. Die regionale Gesundheitsverwaltung teilte der russischen Nachrichtenagentur Tass mit, dass eine Person getötet, fünf Personen verletzt wurden.

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Sergej Aksjonow, Kopf der international nicht anerkannten Krim-Republik, teilte mit, dass ein Bereich im Radius von fünf Kilometern rund um den Stützpunkt abgesperrt werde. Zur Ursache der Explosion äußerte er sich nicht. Die russische Luftwaffenbasis Saky liegt etwa 70 Kilometer nördlich von Sewastopol. Dort sind unter anderem taktische Bomber vom Typ Suchoi Su-24 und Mehrzweckkampfflugzeug vom Typ Suchoi Su-30 stationiert. Von dort aus fliegen russische Luftwaffe und Marineflieger regelmäßig Angriffe auf die Ukraine.

In der Ukraine verstärkt Russland nach britischen Angaben vor allem seine Stellungen im Süden des Landes. Bei Cherson war ZDF-Reporterin Anne Brühl an der Kampflinie unterwegs.

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Sind die russischen Angaben glaubwürdig?

Russische Militärangaben zu Explosionen, Angriffen und eigenen Verlusten stellten sich in der Vergangenheit wiederholt als falsch heraus oder wurden nachträglich angepasst. Wolfgang Richter, Oberst a.D. und Militärexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, schätzt die bisherige russische Darstellung gegenüber ZDFheute als unglaubwürdig ein:

Ein Unfall wäre sehr unwahrscheinlich. Das Ganze sieht nach einem organisierten Angriff aus.
Wolfang Richter, Stiftung Wissenschaft und Politik

Richter weist darauf hin, dass alle Einschätzungen auf Basis begrenzter Informationen erfolgen und teils Spekulation seien. Bestimmte Optionen seien aber wahrscheinlicher als andere, so Richter. "Es ist ein sehr bemerkenswerter Vorfall", sagt Richter. Es wäre der erste große Angriff auf eine russische Militäreinrichtung auf der Krim seit der Annexion 2014.

"Auf den Videos sind mehrere Explosionen in kurzer Reihenfolge zu sehen. Es soll 12 Detonationen innerhalb einer Minute gegeben haben", beschreibt Richter. Die Explosionswolken lägen mehrere Hundert Meter auseinander. "Dass über große Entfernung fast gleichzeitig 12 Behälter oder Bunker für Munition in Sekundenabständen hochgehen, das spricht für einen organisierten Angriff", sagt Richter.

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Kann ein ukrainischer Angriff verantwortlich sein?

In einer ersten offiziellen Stellungnahme wollte das ukrainische Verteidigungsministerium einen Angriff weder bestätigen noch verneinen. Die nächsten ukrainischen Stellungen sind rund 200 Kilometer vom Ort der Explosionen entfernt. Das wirft die Frage auf, welche Waffensysteme überhaupt in der Lage wären, so ein Ziel zu erreichen. Richter nennt mehrere Optionen, von denen jedoch nicht alle möglich oder wahrscheinlich sind.

Eine Sabotageaktion oder das Vorrücken von ukrainischen Kommandokräften auf die Krim hält Richter für wenig wahrscheinlich, ebenso den Einsatz von Kampfflugzeugen oder Drohnen. Diese könnten nur eine begrenzte Zahl an Raketen tragen - ein Angriff mit 12 Detonationen dieser Größe würde eine größere Zahl an Flugzeugen oder Drohnen erfordern. "Das wäre ein großer Luftangriff und eher unwahrscheinlich. Selbst mit Luft-Boden-Raketen müssten die Flugzeuge auf etwa 100 Kilometer an das Ziel auf der Krim heranfliegen. Das hätte die russische Flugabwehr mitbekommen."

Die ukrainische Armee sei in der Vorbereitung von kleinen Gegenoffensiven im Süden. Militärexperte Carlo Masala zur aktuellen Lage des ukrainischen Militärs.

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Welche Waffensysteme kommen in Frage?

In Richters Fokus stehen deshalb vor allem Boden-Boden-Raketen - auch hier gibt es mehrere Optionen. Das alte Toschka-System wird im Ukraine-Krieg viel eingesetzt, hat aber keine ausreichende Reichweite. Die Ukraine arbeitet jedoch seit Jahren an einem Nachfolger: Grom-2 mit einer Reichweite von bis zu 500 Kilometern. "Ich will nicht ausschließen, dass die Grom-2 nun bereits im Einsatz ist", mutmaßt Richter.

Der Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations berichtet ZDFheute unter Verweis auf eigene Quellen, es habe sich in der Tat um einen Angriff mit Grom-2-Raketen gehandelt. Die russischen Flugabwehrstellungen vom Typ S-400 seien abgeschaltet gewesen, so Gressel - mutmaßlich aus Angst vor Anti-Radar-Raketen vom Typ AGM 88 Harm, die jüngst von den USA zur Verfügung gestellt wurden.

Auf den Moment haben die Ukrainer gewartet und ihnen die Dinger reingesetzt.
Gustav Gressel, European Council on Foreign Relations

Auch die "New York Times" zitierte am Dienstag einen anonymen ukrainischen Offiziellen, laut dem eine Waffe "aus exklusiv ukrainischer Fertigung" bei dem Angriff zum Einsatz gekommen sei. Über wie viele Grom-2-Raketen die Ukraine aktuell verfügt, ist nicht bekannt.

Was ist mit den bekannten Himars-Raketenwerfern?

Seit einiger Zeit erfolgreich im Einsatz gegen russische Munitionsdepots sind die Himars-Raketenwerfer aus amerikanischer Produktion. Offiziell bekannt ist jedoch nur die Lieferung von Himars-Raketen kürzerer Reichweite. Gressel erklärt: "Die Ukrainer hatten in der vergangenen Woche russische Fliegerabwehrsysteme im Süden angegriffen und ausgeschaltet, auch mit amerikanischen Harm-Raketen, von deren Lieferung nichts öffentlich gemacht wurde. Es könnte daher auch sein, dass man nun auch für die Himars Raketen längerer Reichweite bekommen hat."

Auch Richter betont, dass die Ukraine bislang offiziell nicht über Himars größerer Reichweite verfügt.

Die Lieferung von Himars-Raketen größerer Reichweite an die Ukraine wäre eine völlig neue Wendung und eine Eskalation.
Wolfang Richter, Stiftung Wissenschaft und Politik

Richter verweist auch darauf, dass eine US-Bedingung für die Lieferung der Himars sei, dass damit nicht russisches Territorium angegriffen werde. "Aber nun ist die Krim ja auch kein russisches Gebiet, könnte man argumentieren", so Richter. In seiner engeren Auswahl sei neben Grom-2 eher noch das eigentlich gegen Schiffe gerichtete Neptun-Raketensystem. "Diese Raketen haben die passende Reichweite, sind ausreichend genau und fliegen niedrig, sind also schwer zu erkennen", so Richter. Bis gesicherte Informationen vorliegen, kann es aber noch dauern.

Mit dem Mehrfachraketenwerfer-System, das "eine wahnsinnige Reichweite hat", sei "nie ganz auszuschließen", dass auch mal russisches Territorium getroffen würde, so ZDF-Korrespondent Benjamin Daniel.

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Was bedeuten die Explosionen für den Kriegsverlauf?

Nach russischen Militärangaben sind alle Flugzeuge auf dem Militärgelände unbeschädigt geblieben. Unabhängige Angaben zu Schäden gibt es bislang nicht. "Die Basis ist wichtig für die russische Südfront in der Ukraine", sagt Richter. Auf jüngeren Satellitenaufnahmen seien mehr als 20 Kampfflugzeuge für Luft-Boden-Angriffe zu sehen gewesen. Die Beschädigung oder Zerstörung so einer miltärischen Infrastruktur hätte also unmittelbare Auswirkungen auf die militärischen Fähigkeiten Russlands.

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Russland hatte die Krim im Jahr 2014 annektiert. Im Zuge des Ende Februar begonnenen Angriffskriegs forderte Moskau wiederholt die Anerkennung der Krim als russisches Staatsgebiet - was Kiew klar ablehnt. Auch international wird die Halbinsel mit ihren über zwei Millionen Einwohnern weiterhin als ukrainisches Territorium angesehen.

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