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Interview

Sachsen-Anhalt hat gewählt - "Zeit von Lagerwahlkämpfen scheint vorbei"

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Sachsen-Anhalt hat gewählt. Vieles kam anders als vorausgesagt. Was bedeutet das Ergebnis für künftige Wahlen, die Politik im Land und auf Bundesebene? Eine Analyse.

Wahlplakate in Magdeburg
Die CDU hat in Sachsen-Anhalt die anderen Parteien deutlich hinter sich lassen können.
Quelle: Reuters

ZDFheute: Die AfD wurde ausgebremst, die SPD hat verloren, für die Grünen lief die Wahl in Sachsen-Anhalt ebenfalls nicht besonders erfolgreich. Was war für Sie das Überraschendste gestern?

Thorsten Winkelmann: Überraschend war sicherlich, dass die Grünen ihre prognostizierten Umfragewerte nicht in Stimmen umsetzen konnten. Die Wahl hat auch gezeigt, dass die Linke zunehmend ihren Charakter als ostdeutsche Volks- und Protestpartei verliert. Wenn man sich die Überalterung der Wählerschaft der Partei ansieht, muss man mit Blick auf die demografische Entwicklung davon ausgehen, dass sich dieser Abwärtstrend weiter fortsetzen wird.

Letztendlich war das starke Abschneiden der CDU ebenfalls überraschend. Auch in dieser Hinsicht haben Umfragen ganz andere Machtverhältnisse vorhergesagt. Möglicherweise waren genau diese Umfragen der Grund, warum sich viele Wähler in letzter Minute doch noch für die CDU entschieden haben, um die AfD als stärkste Kraft zu verhindern.

[Anmerkung der Redaktion: Das ZDF-Politbarometer hatte in seinen Umfragen den klaren Trend bei der Führung der CDU vor der AfD gesehen. Sehen Sie dazu auch Politbarometer2Go zur Genauigkeit von Wahlumfragen.]

ZDFheute: Die Wahl in Sachsen-Anhalt galt als letzter Stimmungstest vor der Bundestagswahl: Welche Lehren können gezogen werden?

Winkelmann: Die Wahl hat zum einen deutlich gemacht, dass Wahlumfragen noch lange keine Wahlergebnisse sind. Zum anderen zeigt sich ein spannender Trend bei der Wählerwanderung. Das Zeitalter von Lagerwahlkämpfen scheint vorbei zu sein. Die CDU hat gestern in fast gleichen Teilen Stimmen von der Linken, AfD und SPD hinzugewonnen. Parteien können sich nicht mehr auf ihre Stammwähler verlassen.

ZDFheute: Die Wahl wurde zudem als Härtetest für den Kanzlerkandidaten der Union, CDU-Chef Armin Laschet, hochstilisiert. Geht er gestärkt aus der Wahl hervor?

Winkelmann: Innerparteilich hat die Wahl die Position von Armin Laschet sicherlich deutlich gestärkt und für Ruhe gesorgt. Denn im CDU-Landesverband von Sachsen-Anhalt haben im Grunde genommen alle für Markus Söder als Kanzlerkandidat plädiert und waren ziemlich unzufrieden, dass es Armin Laschet geworden ist.

Die Wahl gestern kann als Signal verstanden werden, dass man am Ende Mehrheiten organisieren kann, wenn man geschlossen auftritt und zusammen kämpft - trotz aller Unterschiede und Rivalitäten.

ZDFheute: Das ZDF-Politbarometer hatte einen großen Abstand zwischen CDU und AfD gesehen, es gab aber auch Umfragen, die hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorausgesagt. Wie ist das Ergebnis zu interpretieren, dass die AfD abgeschlagen hinter der CDU liegt?

Der Plan der AfD, den Corona-Frust der Menschen in einen Wahlerfolg umzumünzen ist nicht aufgegangen, die AfD wird nicht stärkste Kraft. Oft ohne Masken und ohne Abstand - als einzige Partei hatte die AfD größere Wahlkampfauftritte auf den Marktplätzen.

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2 min
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Winkelmann: Grundsätzlich kann ich die Prognosen, dass die AfD stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt werden würde, überhaupt nicht nachvollziehen. Denn der AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt ist ebenso wie der in Thüringen oder der in Sachsen nochmal um einiges radikaler als der AfD-Bundesverband. Das allein schreckt viele Protestwähler ab.

Überhaupt: Rein auf Protest zu setzen, funktioniert auf Dauer nicht. Bürger wollen am Ende des Tages schon auch konkrete Vorschläge, wie es anders laufen kann. Programmatisch konnte die AfD dieses "Wie" aber in keinster Weise formulieren.

ZDFheute: Rein rechnerisch könnte Reiner Haseloff die Koalition mit SPD und Grünen wohl fortsetzen. Ist das wahrscheinlich?

Winkelmann: Ich kann mir das nicht vorstellen. Denn die Partner CDU, SPD und Grüne haben trotz all der schönen Worte im Koalitionsvertrag nie wirklich zusammengepasst. Reicht es für eine so genannte "Kleine Große Koalition", bestehend aus CDU und SPD, wird Reiner Haseloff sicherlich diesen Weg einschlagen.

Allein deshalb, weil die SPD aufgrund ihres Abschneidens ein dankbarer Juniorpartner wäre und keine großen Ansprüche am Regierungstisch formulieren könnte. Mit Blick auf die Wahlprogramme wäre auch eine so genannte "Deutschland-Koalition" aus CDU, SPD und FDP vorstellbar, sollte es allein mit der SPD nicht reichen.

Reiner Haseloff kann Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt bleiben und hat bei Bündnispartnern die Wahl. Es werde "ergebnisoffen" sondiert, um eine "Regierung der Mitte" zu bilden.

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4 min
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Das Interview führte Michael Kniess.

Anmerkung der Redaktion: Es wurde nachträglich eine Frage präzisiert und eine Anmerkung ergänzt, um deutlicher zu machen, dass das ZDF-Politbarometer in seinen Umfragen den klaren Trend bei der Führung der CDU vor der AfD gesehen hatte.

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