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Lesbos: 1.500 Kinder "absolut zu wenig"

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Flüchtlinge in Griechenland - Lesbos: 1.500 Kinder "absolut zu wenig"

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Der Arzt Gerhard Trabert berichtet aus Flüchtlingslagern auf Lesbos von katastrophalen Zuständen. 1.500 Flüchtlingskinder nach Deutschland zu holen, sei "absolut zu wenig".

Die Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos sind seit Monaten überfüllt.

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3 min
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heute.de: Warum sind Sie auf Lesbos?

Gerhard Trabert: Das ist eine sehr spontane Entscheidung gewesen, als ich die Bilder von Lesbos in den Medien gesehen habe. Ich habe Verbandsmaterial, medizinisches Equipment und Kleidung zusammengepackt und bin nach Lesbos geflogen. Kontakt habe ich mit der Organisation Medical Volunteers International aufgenommen, die hier eine Klinik betreiben.

heute.de: Was machen Sie nun dort?

Trabert: Ich bin mit einer Physiotherapeutin in die Flüchtlingslager Kara Tepe und Moria gegangen, war in der Schule der Flüchtlingskinder, die am Samstag abgebrannt ist. In den Lagern werden Menschen behandelt, die Schussverletzungen haben, die auf Sprengfallen getreten sind. Unglaubliche Schicksale.

heute.de: Zum Beispiel?

Flüchtlinge auf Lesbos
Feuer statt Heizung: Flüchtlinge auf Lesbos.
Quelle: Gerhard Trabert

Trabert: Ein Mann aus Idlib, der querschnittsgelähmt ist, wurde von seinem Bruder nach Lesbos gebracht. Seine Frau ist in Idlib umgekommen. Jetzt versucht er, sich wieder zu mobilisieren. Als sich in den Camps herumsprach, dass ich Arzt bin, waren sofort viele Menschen um mich herum. Man spürt gleich diese Not, diese Hoffnungslosigkeit. Sie haben mir zum Beispiel Rezepte mit Verordnungen gezeigt, doch sie haben gar nicht das Geld, um die Medikamente zu kaufen.

heute.de: Wie ist die Situation in Moria?

Trabert: Es war ja für ein paar Tausend konzipiert war, jetzt leben hier 22.000 bis 25.000 Menschen, davon laut Caritas 8.000 Kinder. Das sieht man auch: Überall sind Kinder! Das Camp ist in mehrere Areale geteilt, zum Teil mit Strom, zum Teil nur Behausungen. Wir waren bei Einbruch der Dunkelheit dort, dann wurden Feuer gemacht, als Licht- und Wärmequelle. Das ist wie ein kleines Dorf, es gibt etliche kleine Läden. Die Polizei steht um das Camp herum. Aber ich habe mich nie bedroht gefühlt. Es ist eine absolut friedliche Atmosphäre, aber auch eine resignative. Alle fragen sich: Wie geht es weiter?

Zu wenig Toiletten, zu wenig Waschmöglichkeiten: Das macht mich fassungslos.

heute.de: Die Bundesregierung will 1.500 Kinder rausholen.

Trabert: Wenn wir jetzt nicht handeln … also wirklich: Mir fehlen da die Worte. Vor zwei Wochen haben nach dem Anschlag von Hanau alle Politiker gesagt, sie machen etwas gegen Rassismus. Die Menschen hier im Stich zu lassen, ist für mich auch eine Form von Rassismus. Man kann nicht warten, bis Europa gemeinsam eine Lösung kreiert hat. Das muss das bevölkerungsgrößte und wirtschaftlich stärkste Land voran gehen. Was macht es uns aus, 5.000 Kinder und Kranke hier aus diesem Chaos heraus zu holen?

heute.de: 1.500 Kinder wären ein Anfang.

Trabert: Das sind absolut zu wenig. Es müssen mehr aufgenommen werden: chronisch Kranke, Gehandicapte, traumatisierte Kinder. Es geht nicht nur um die unbegleiteten Kinder, es geht um alle Kinder, die hier sind. Wenn 1.500, dann aber bitte gestern und nicht noch länger warten. Es kann nicht so weiter gehen. Ich war schon in vielen Flüchtlingslagern, in Bangladesh, in Haiti, Sri Lanka. Das aber sowas wie hier in Europa möglich ist, ist unglaublich.

Die Situation für die Menschen im griechischen Flüchtlingslager Moria ist katastrophal. Und täglich kommen neue Flüchtlinge hinzu. Die Behörden sind mit der Unterbringung und der Bearbeitung der Asylanträge überfordert.

Beitragslänge:
2 min
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heute.de: Wie ist die Stimmung auf Lesbos?

Flüchtlinge auf Lesbos
Beengte in Zelten: Die Flüchtlingslager auf Lesbos.
Quelle: Gerhard Trabert

Trabert: Insgesamt ist es friedlich, nicht chaotisch. Unter den Helfern spürt man eine große Unsicherheit. Man fängt wieder an, aber es ist Angst durch die Übergriffe da. Am Tag, bevor ich kam, ist erst ein Auto von Rechtspopulisten überfallen worden, der Brandanschlag auf eine Schule für Flüchtlinge. Deswegen bin ich auch hier, um im Zweifel gegen die Identitäre Bewegung zu demonstrieren. Aber bisher habe ich in der Richtung nichts feststellen können.

heute.de: Es heißt, die Einwohner in Lesbos würden zunehmend aggressiv auf die Flüchtlinge reagieren.

Trabert: Nein, überhaupt nicht. Ich bin gerade in Mytilini, in der Hauptstadt, am Hafen. Hier sind viele Geflüchtete, die drauf warten, dass sie mit einer Fähre mitkommen. Sie übernachten auf einem parkplatzähnlichen Areal. Da ist keine Aggressivität zu spüren. Das wird mir von vielen Seiten auch bestätigt. Einzelne gibt es, aber die große Masse ist weiterhin solidarisch. Griechenland ist allerdings selbst in einer prekären Situation.

heute.de: Warum?

Trabert: Die Säuglingssterblichkeit hat sich verdoppelt. Viele haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Und trotzdem ist die Mehrheit nicht gegen die Flüchtlinge, sondern dagegen, dass sie im Stich gelassen werden. Und dass Europa nicht handelt.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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