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Eine Stadt am Rande des Abgrunds

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Leben im Libanon - Eine Stadt am Rande des Abgrunds

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Wohnungen und Geschäfte sind zerstört. Die Regierung zurückgetreten. Hoffnung auf ein besseres Leben gibt es nicht. Ein Barbesitzer erzählt über sein Leben im zerstörten Beirut.

Archiv: Schäden im Hafen von Beirut.
Beirut nach der Explosion: Eine veränderte Stadt.
Quelle: ap

Hussein betreibt die Bar "Riwaq" in Mar Mikhael. Dieser Stadtteil Beiruts war besonders von der Explosion betroffen. Die Detonation erlebte der 34-Jährige mit seinem Partner und zwei Mitarbeiterinnen in seiner Bar. Neben dem Gastraum gibt es einen Keller, dieser hat vier Libanesen wohl das Leben gerettet. Hussein erinnert sich: "Wir haben uns unterhalten, als wir eine unglaubliche Explosion vernahmen". Instinktiv drängte er die anderen die Stufen zum Keller hinunter.

Ich habe mich noch umgeschaut, Glassplitter flogen auf mich zu und verletzten mich im Gesicht.
Hussein, Barbetreiber in Beirut

Da sie von einem Erstschlag ausgegangen sind, verharrten sie gut eine Stunde im Keller und erwarteten weitere Detonationen.

"Beirut gleicht derzeit einem Bienennest"

Sowohl seine Wohnung als auch die Bar wurden vollständig zerstört. Mit Freunden haben sie sich ans Aufräumen gemacht. "Beirut gleicht derzeit einem Bienennest - alle sind am Arbeiten und Aufräumen, jeder hilft dem anderen und unterstützt freiwillig, wo auch immer Hilfe benötigt wird", erzählt der 34-Jährige. Die Menschen sind laut Hussein auf sich allein gestellt, weil sie von der Politik keine Hilfe erwarten können.

Eine neue Routine hat auf den Straßen Beiruts Einzug gehalten: Hussein und sein Partner kochen in der Bar zwischen 260 und 400 Essen für die Menschen auf den Straßen, unterstützen bei den Aufräumarbeiten und demonstrieren gegen die Regierung.

Essensausgabe in zerstörten Beirut.
Kochen für Hilfsbedürftige statt Cocktails mixen: So will ein Barbetreiber in Beirut helfen.
Quelle: privat

Nahost-Experte: Libanons Mittelschicht verschwunden

Der Libanon sei ein instabiles Land, sagt Eckart Woertz, Direktor des GIGA-Instituts für Nahoststudien: "Die Libanesen haben innerhalb von sechs Monaten etwa 80 Prozent ihrer Kaufkraft verloren". Der Währungsverfall sei so dramatisch, dass die zeitweise im Libanon vorhandene Mittelschicht mittlerweile verschwunden sei.

"Die Menschen müssen sich jetzt um die einfachsten Dinge des Lebens Sorgen machen, wie Lebensmittel", erklärt Woertz und fügt hinzu, dass es "bereits vor der Explosion große Probleme gab, durch die die Besonderheiten des pseudo-demokratischen Systems, vor allem die Korruption, immer stärker sichtbar wurden".

Kampf gegen Korruption

Gerade die Explosion sei laut dem Nahost-Experten diesem ineffektiven System und seinen Repräsentanten anzulasten, "weil das Ammoniumnitrat sechs Jahre herumlag und es bereits Beschwerden gab, was damit gemacht werden soll und es passierte nichts". 

Wirtschaftskrise, Corona-Pandemie - und nun die Explosion: Libanon ist schwer gebeutelt.

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Damit die libanesische Jugend eine Chance auf ein lebenswertes Leben hat, müsste sich laut Hussein viel ändern: "Wir müssen etwas gegen diese korrupte Regierung unternehmen, aber uns ist klar, dass ein korruptes System, das seit 30 Jahren an der Macht ist, nicht innerhalb eines oder zwei Jahren abgeschafft werden kann".

Ungewisse Zukunft des Libanons

Experte Woertz sagt hierzu: "Durch den Proporz nach Religionszugehörigkeit und Ethnie in dieser Pseudo-Demokratie ist es mitunter schwierig eine klare Linie zwischen der korrupten Regierung und einer gänzlich unschuldigen Bevölkerung zu ziehen".

Außenminister Maas stellt sich in der libanesischen Hauptstadt hinter die wütende Bevölkerung und fordert Reformen. ZDF-Korrespondent Uli Gack mit einer Einschätzung aus Beirut.

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Die Zukunft des Landes sieht Woertz eher skeptisch: "Das System der Zentralbank, eine Dollarbindung zu haben und sehr hohe Zinsen anzubieten, um so ausländisches Kapital anzuziehen und das an den Staat weiter zu verleihen, glich einem Pyramidenspiel und ist kollabiert". Die Zeiten, in denen es funktioniert habe, seien jetzt vorbei:

Die Zeche ist dramatisch. Neue Gelder von westlichen Gebern werden nicht so üppig sein, kommen mit Konditionen und müssen erst einmal in Aufräumarbeiten investiert werden.
Eckart Woertz, Direktor des GIGA-Instituts für Nahoststudien

Auch ist laut Woertz fraglich, was genau bei der Bevölkerung ankommen werde und was wie gehabt "versickert". "Neben einem demokratischen Umbruch wäre die beste Reformmaßnahme für den Libanon die Einführung der Zivilehe und die Verbannung der Religion aus dem Personenstandsrecht, aber das wird nicht passieren", ist sich Eckart Woertz sicher. 

Masken-Spenden "in Apotheken verkauft"

Hussein freut sich, dass die Welt ihre Augen auf den Libanon gerichtet hat. Er wünscht sich jedoch, dass Geld direkt an die Bevölkerung gespendet wird und nicht über die Regierung fließe. "Kuwait beispielsweise hat Masken und Verbandsmaterial gespendet. Das ist nie kostenlos bei der Bevölkerung angekommen, sondern wurde in Apotheken verkauft."

Nur durch direkte Hilfsmaßnahmen und finanzielle Unterstützung kann seinem Land und der Bevölkerung wirklich eine Perspektive eröffnet werden. Da ist sich der Barbesitzer sicher.

Der Umriss der Karte des Libanon mit Flaggen des Landes

ZDFheute Story -
Libanon: Von Krisen geprägt
 

Hochverschuldet, korrupt und arm: Der Libanon ist bereits seit Jahren von Krisen geprägt – eine interaktive Übersicht.

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