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Raus aus dem Libanon

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Nach Explosion in Beirut - Raus aus dem Libanon

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Immer mehr Libanesen, vor allem junge, wollen ihr Land verlassen. Die Wohlhabenden nehmen das Flugzeug, viele Arme versuchen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.

Libanesische regierungsfeindliche Demonstranten tragen Plakate und libanesische Flaggen, während sie sich vor einer Statue versammeln, die die Fackel der Revolution darstellt, um den einjährigen Jahrestag des Beginns der regierungsfeindlichen Protestbewegung vor dem Hafen von Beirut, Libanon zu feiern,
Immer mehr junge Menschen wollen den Libanon verlassen.
Quelle: Nabil Mounzer/epa-efe/Shutterstock

An einem der vermüllten Strände von Tripolis zeigt Ibrahim Leshin auf's Meer. "Ich war ganz weit da draußen, ich habe nichts mehr gesehen, nur noch Wasser. Und ich habe gespürt, ich bin fast schon tot."

700 Dollar hat der 22-Jährige den Schleppern bezahlt, die ihn mit 45 weiteren Menschen in einem kleinen Boot los schickten. Das Ziel: Zypern. Sie gerieten in Seenot, ohne Wasser, ohne Lebensmittel. Nach sieben Tagen sei er gesprungen und habe versucht, Land zu erreichen. "Die Fische haben mich angefressen, es war mir egal."

Leben ohne Jobs und ohne Sicherheit

Irgendwann hat ein Unifil-Schiff, die Beobachtermission der Vereinten Nationen in Libanon, ihn aufgegriffen. Auch das Boot mit den anderen Flüchtlingen wurde gefunden. Ibrahim möchte am liebsten nach Deutschland.

Hier im Libanon gibt es keine Jobs, es gibt keine Sicherheit, das Land wird von politischen Interessengruppen kontrolliert. Warum sollen wir hier bleiben?
Ibrahim Leshin

Doch es sind längst nicht mehr die Armen, die sich auf den Weg machen. Auch viele wohlhabende Libanesen sehen keine Perspektive mehr. Audrey Issa hatte sich gerade eine eigene Existenz aufgebaut, ein kleines Bed and Breakfast auf dem Land. Doch dann explodierten im Hafen von Beirut fast 3.000 Tonnen Ammoniumnitrat.

Sie sehen für sich keine Perspektive im Libanon. Die junge Mittelschicht nutzt ihre Kontakte nach Europa, weil sie das von Korruption gebeutelte Land nur noch verlassen wollen.

Beitragslänge:
11 min
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Keine Perspektive nach Explosion in Beirut

Audrey stand in der Wohnung ihrer Eltern in der Küche, als die Druckwelle sie zu Boden warf. Wochenlang musste sie sich von den schweren Verletzungen erholen, ihr Becken und das Steißbein wurden gebrochen, noch immer bewegt sie sich an Krücken nur langsam.

"Es ist ermüdend zu fühlen, dass wir verloren sind, es ist ermüdend zu fühlen, dass wir nicht sicher sind". Vor einigen Wochen war sie noch auf der Straße, um zu protestieren, wollte sich für politische Veränderungen einsetzen. Jetzt möchte sie nur noch weg.

Flucht aus Libanon als einziger Ausweg

77 Prozent aller jungen Libanesen geben an, ihr Land verlassen zu wollen.

Die verfehlte Politik vieler Jahre macht sich jetzt in kurzer Zeit bemerkbar. In einem Land, das in seiner Geschichte immer wieder Migration erlebt hat, scheint vielen Libanesen Migration jetzt als einziger Ausweg.
Professor Nasser Yassin

Professor Nasser Yassin hat sich auf das Thema Flucht spezialisiert und erlebt nun um sich selbst herum den Exodus, auch den der Wissenschaftler. 60 seiner Kollegen sitzen auf gepackten Koffern.

Vom Mittelmeer nach Frankreich

Es scheint, als habe die lebensfrohe Metropole am Mittelmeer ihr Leben verloren. In den Cafés und Bars, wo sich sonst junge Libanesen drängen, sind gerade einmal ein paar Tische besetzt, viele Restaurants und auch Luxusläden haben geschlossen. Der Libanon, das zeigt sich vor allem in den schönsten Ecken, steht am Scheideweg.

Politik | auslandsjournal -
Zwischen Chaos und Korruption
 

Rund 300.000 Menschen haben bei der Explosion am 4. August alles verloren. Das Trauma wirkt nach und die Bevölkerung sucht nach Antworten auf die Schuldfrage. Doch der Staat ist durch Korruption gelähmt und versinkt im Chaos.

von Axel Storm
Videolänge
6 min

Schon Audreys Großeltern verließen das Land während des Bürgerkriegs. Ihre Wohnung in Paris will die 28-Jährige jetzt beziehen. Als libanesische Christen haben sie eine enge Verbindung mit dem Land, zuhause sprechen die Issas Französisch. Es wird nicht schwer sein, an der Seine Fuß zu fassen.

"Politik für Krise im Libanon verantwortlich"

Und doch schmerzt es Audrey, dass sie in ihrem Heimatland keine Perspektive sieht. "Es muss sich etwas fundamental ändern, die alte politische Klasse die diese Krise verursacht hat, muss endlich abtreten." Auch ihre beiden Schwestern planen das Land zu verlassen, nach Dubai und London.

Am Wochenende trifft sich die Familie noch einmal in ihrem Sommerhaus in Beeka Valley. Auf dem riesigen Grundstück liegt auch das Bed and Breakfast, das Audrey mit ihrer Schwester vor vier Jahren aufgebaut hat. Es sollte ein Familienbetrieb werden - nun steht das Haus leer, alle Gäste haben gecancelt.

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