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Warum Massenproteste das Land erschüttern

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Konfliktherd Libanon - Warum Massenproteste das Land erschüttern

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Die verheerende Explosion vergangene Woche in Beirut erschütterte massiv ein Land, das wirtschaftlich und politisch schon lange tief in der Krise steckt.

Menschen in Beirut protestieren gegen die Regierung.
Aufgrund der wütenden Proteste im Libanon sind zwei Minister zurückgetreten. Den Demonstranten ist das zu wenig.
Quelle: epa

Der Libanon steht kurz vor dem Bankrott. Ursache sind eine hohe Staatsverschuldung, geringes Wachstum seit zehn Jahren und fehlende Investitionen. Allein für dieses Jahr wird mit einem Minus der Wirtschaftskraft in einem hohen zweistelligen Bereich gerechnet, die Währung ist um 80 Prozent abgewertet, die Arbeitslosenquote liegt bei ca. 40 Prozent.

Die galoppierende Inflation lässt Lebensmittel unerschwinglich werden. Die Explosion des größten Getreidespeichers im Land und die fehlenden Devisen zum Kauf von neuem Getreide dürften zu einer weiteren Verschlimmerung der Nahrungsmittelsituation führen.

Zusammenstöße mit der Polizei -
Erneute Proteste in Beirut
 

Auch am Sonntag kam es in der libanesischen Hauptstadt wieder zu Protesten gegen die Regierung. Sicherheitskräfte antworteten mit Tränengas.

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Bevölkerung verarmt zunehmend

Die Konsequenz: Die einstige "Schweiz des Nahen Ostens", mit mächtigen Banken und luxuriösen Shopping-Malls, hat sich zu einem Land in bitterer Armut entwickelt. Nach Angaben der Weltbank lebte 2018 schon ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Wirtschaftskrise und Corona-Pandemie haben die Lage dramatisch verschärft: Die UN schätzt, dass inzwischen mehr als 55 Prozent der Libanesen von Armut betroffen sind; zählten 2019 noch 57 Prozent der Bevölkerung zur Mittelklasse, sind es aktuell weniger als 40 Prozent.

Der Libanon steckt bereits länger in einer schweren Wirtschaftskrise. Verschärfend hinzu kam die Corona-Pandemie. Nun erschüttert auch noch die Explosionskatastrophe in Beirut das Land.

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Sehr hohe Zahl an Flüchtlingen

Zu den - laut einer Schätzung der UN - fünf bis sechs Millionen Libanesen kam in den vergangenen Jahren noch ein Heer von Flüchtlingen: Aus Syrien sollen bisher 1,5 Millionen Menschen im Nachbarland Schutz gesucht haben. Sie leben zumeist in Armut: in überfüllten Wohnungen, Garagen, Zelten, ohne Strom, Toilette und fließend Wasser.

Karte Libanon
Karte Libanon

Des Weiteren sind - laut UNRWA - seit 1948 mehr als 450.000 palästinensische Flüchtlinge in den Libanon, gekommen. Auch von Ihnen leben etwa 65 Prozent nach wie vor in Armut.

Viele Nationen, viele Religionen

Problematisch: Auch die politischen Verhältnisse sind alles andere als einfach. Im Libanon leben vorwiegend Araber, aber auch zahlreiche ethnische Minderheiten wie Armenier, Kurden, Drusen. Laut Schätzungen sind ca. 54 Prozent der Bevölkerung Muslime (etwa gleich viele Sunniten und Schiiten), ca. 40 Prozent gehören christlichen Glaubensgemeinschaften an, ca. fünf Prozent sind Drusen. 18 Religionsgemeinschaften sind offiziell anerkannt.

Nach der verheerenden Explosion in Beirut gibt es im Libanon massive Proteste gegen die Regierung. Die Menschen fordern Neuwahlen. ZDF-Korrespondent Uli Gack über die Lage vor Ort.

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Nahezu jede gesellschaftliche Gruppe ist durch eine politische Partei vertreten. Da aufgrund der Parteienvielzahl im Land klare Mehrheiten nur schwer zu erzielen sind, sind wechselnde Zweckbündnisse vorherrschend, die zumeist auf religiöser Zugehörigkeit beruhen. Zusätzlich steht die Politik im Libanon unter dem Einfluss des Iran, mit der mächtigen Hisbollah im Land, und unter dem Saudi-Arabiens - was die Lage nicht vereinfacht.

Gewalt und politische Blockaden

Konflikte zwischen den Bündnissen und Parteien wurden immer wieder auch mit Gewalt ausgetragen. Prominentes Opfer eines Attentats war 2005 der damalige Regierungschef Rafik Hariri - verübt haben soll es die Hisbollah gemeinsam mit dem syrischen Geheimdienst.

Die wechselnden Allianzen unter den Parteien und Bündnissen sichern zwar den Eliten des Landes politische Ämter, führen jedoch immer wieder innenpolitisch zu Blockaden. Allein in den letzten 15 Jahren gab es acht Regierungen im Land.

Wütende Massenproteste in den Straßen

Im Herbst 2019 entlud sich die Frustration der Bevölkerung in landesweiten Massenprotesten gegen Steuererhöhungen, anhaltende Misswirtschaft, Reformstau und Korruption, die alle Bereiche des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens durchzieht. Die damalige Regierung trat zurück, im Januar kam eine neue, doch an der wachsenden Not der Bevölkerung hat sich nichts geändert.

Auch für die Explosion von Beirut machen viele Libanesen die Unfähigkeit und Korruption der Behörden verantwortlich: Die Katastrophe hat die Wut der Menschen weiter angefacht.

Zerstörter Wohnviertel in Beirut, Libanon.

Deutsche in Beirut berichtet -
"Ein immenser Herzschmerz"
 

Die Explosion in Beirut hat ein ganzes Land traumatisiert. Einwohner berichten von apokalyptischen Zuständen. Eine deutsche Augenzeugin gibt Einblicke in die Seele der Stadt.

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