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Warum Libyen für Europa wichtig ist

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Konferenz in Berlin - Warum Libyen für Europa wichtig ist

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Der Konflikt am Südrand des Mittelmeers ist längst kein lokaler Bürgerkrieg mehr. Auch Europa ist von den Folgen des Krieges betroffen. Dafür gibt es drei Gründe.

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Der Konflikt am Südrand des Mittelmeers ist längst kein lokaler Bürgerkrieg mehr.

1. Mehr Chaos, mehr Flüchtlinge

Libyen wird häufig als "Tor zu Europa" bezeichnet - weil sich etliche Flüchtlinge von dort auf den Weg über das Mittelmeer nach Europa machen. Im Jahr 2019 versuchten nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) knapp 25.897 Menschen, über die zentrale Mittelmeerroute nach Europa zu gelangen. Seit Anfang 2020 gab es bereits 1.734 Versuche.

Viele dieser Flüchtlinge wollten ursprünglich in Libyen bleiben, erklärt eine IOM-Sprecherin. Das belege eine Studie der Organisation. "Libyen ist ein Land, das traditionell viele ausländische Arbeitskräfte aus den Nachbarstaaten und Westafrika anzieht." Doch infolge des Bürgerkrieges hätten viele Migranten ihre Arbeit verloren und stattdessen Erfahrungen mit Ausbeutung, Missbrauch und Folter gemacht. "So ist es nicht verwunderlich, dass einige von ihnen keine andere Chance sehen, als über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen."

Die EU unterstützt die libysche Küstenwache darin, Migranten, die über das Mittelmeer nach Europa wollen, wieder zurück in das Bürgerkriegsland zu bringen. Die Vereinbarung ist hoch umstritten, weil den Menschen in Libyen schwerste Misshandlungen und Folter drohen. Immer wieder gibt es Berichte über katastrophale Zustände in libyschen Internierungslagern. "Der Konflikt verschlimmert die ohnehin schon entsetzlichen und schwierigen Bedingungen in den Lagen noch", sagt Safa Msehli von IOM.

2. Destabilisierung fördert Terror

Der Bürgerkrieg in Libyen hat grenzübergreifende Konsequenzen. Nachbarländer sind besorgt: Das Chaos in Libyen könnte ein Nährboden für islamistischen Terror sein. Für diese Sorge gibt es zwei Begründungen: Zum einen gelangen mehr Waffen und extremistische Milizen in Länder wie Niger, Tschad oder Tunesien. Zum anderen dient Libyen verschiedenen Terrororganisationen in Nordafrika und der Sahelzone als Logistik- und Ruheraum, heißt es in einer Analyse des Bundesnachrichtendienstes (BND) aus dem Jahr 2015.

Die Prognose ist düster: "Ganz Nordafrika destabilisiert sich durch die Lage in Libyen", heißt es vom Bundesverteidigungsministerium. Besonders betroffen könnten die krisengeschüttelten südlichen Nachbarländer Libyens sein, darunter die fünf Sahel-Staaten Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad. Aus diesem Grund sei ein Ende des Konflikts von "allergrößter Wichtigkeit", sagte Merkel auf ihrer Afrika-Reise im Mai.

Der Sahel zählt zu den großen Krisengegenden der Welt. Obwohl die Terrorgruppen in der Region von Frankreich und regionalen Truppen bekämpft werden, steigt die Gewalt weiter an. Die Bundeswehr beteiligt sich ebenfalls an Friedenseinsätzen in der Sahelzone. Dennoch: "Die regional agierenden dschihadistischen Gruppierungen genießen weitgehende Bewegungsfreiheit und können deshalb, auch unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung, uneingeschränkt agieren", veröffentliche das Verteidigungsministerium erst vor wenigen Wochen.

3. Es geht ums Öl

Der nordafrikanische Wüstenstaat verfügt über die größten Erdölreserven auf dem Kontinent. Dementsprechend ist Erdöl Libyens wichtigstes Exportgut. Zu den Abnehmern zählen auch europäische Länder, wie Frankreich, Italien und Deutschland.

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Quelle: BP

Das Öl sorgt dafür, dass der Bürgerkrieg in Libyen sich zunehmend auf wirtschaftliches Gebiet verlagert. Seit 2016 haben General Haftar und seine Truppen fast alle wichtigen Ölfelder Libyens unter ihre Kontrolle gebracht. Damit hat sich Haftar auch auf internationaler Ebene zum "Handelspartner" einiger Länder gemacht. Auch Frankreich soll in der Vergangenheit mit Haftars Truppen zusammengearbeitet haben, sagen Experten. Der französische Ölkonzern Total verfolge wirtschaftliche Interessen in der Region.

Andere Länder, wie die Türkei, wollen ebenfalls ans Öl. Erdogan setzt deshalb auf Zusammenarbeit mit der libyschen Regierung: Er hat ein Abkommen für die Gasförderung aus dem östlichen Mittelmeer mit Libyen unterzeichnet. International ist das Abkommen höchst umstritten.

Für einen Überblick über die einzelnen Akteure und ihre Haltung im Libyen-Konflikt, klicken Sie auf die einzelnen Fotos.

Die Konfkliktparteien

  • Fajis al-Sarradsch.

    ...ist seit 2016 Ministerpräsident der Einheitsregierung in Libyen.

  • Der libysche General Chalifa Haftar. Archivbild

    ...will Libyen einnehmen und kontrolliert bereits 80 Prozent des Landes.

Die europäischen Akteure

  • Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

    ... führt einen Antiterrorkampf in der Sahelzone – und ist allein deshalb an einer Stabilisierung Libyens interessiert

  • Giuseppe Conte am 15.01.2020 in Rom (Italien)

    ... ist eine frühere Kolonialmacht in Libyen und ebenfalls Mittelmeeranrainer.

Russland und die Türkei

  • Wladimir Putin, Präsident von Russland.

    steht auf der Seite von Haftar - und verfolgt eigene Interessen.

  • Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan. Archivbild

    ...mischt sich ebenfalls in den Konflikt am Südrand des Mittelmeers ein.

Der Vermittler

  • Archiv: Ghassan Salame am 07.12.2019 in Rom (Italien)

    ...ist UN-Sondergesandter und soll zwischen den Staats- und Regierungschefs vermitteln.

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