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"Die kommenden Tage sind entscheidend"

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Eskalation im Libyen-Krieg - "Die kommenden Tage sind entscheidend"

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Ägypten hat einem Militäreinsatz im Nachbarland Libyen beschlossen. Der Bürgerkrieg wird weiter angeheizt. Ein offener Konflikt zwischen türkischen und ägyptischen Truppen droht.

Archiv: Regierungstreue Truppen auf dem Weg in die Stadt Sirte in Libyen.
Eine Wagenkolonne auf dem Weg nach Sirte: Diese Kämpfer der libyschen Regierung werden von der Türkei ausgerüstet.
Quelle: Reuters

Am Montag beschloss das ägyptische Parlament die Entsendung von Truppen ins Nachbarland Libyen. Genaue Details der Militärmission, vor allem die Zahl der eingesetzten Soldaten, sind noch nicht bekannt.

Seit Jahren unterstützt Ägypten zusammen mit Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten den libyschen Feldmarschall Chalifa Haftar, der gegen die von der Türkei gestützte libysche Zentralregierung kämpft.

Warum weitet Ägypten jetzt sein Engagement in Libyen aus?

Ende Mai musste Haftar seine Belagerung der Hauptstadt Tripolis aufgeben, nachdem die Türkei immer häufiger mit Kampfdrohnen und aus Syrien eingeflogenen Milizionären ins Geschehen eingegriffen hatte. Mehr als 1.500 für Haftar kämpfende russische Söldner der Firma Wagner wurden von der Front abgezogen.

Quasi täglich fliegen derzeit türkische Militärmaschinen Menschen und Gerät aus der Türkei zum Stützpunkt al-Watiya im Westen Libyens.

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Mit türkischer Unterstützung kann Premierminister Fajis al-Sarradsch sein Einflussgebiet nun langsam in Richtung der ägyptischen Grenze ausweiten. Die Ankündigung Ägyptens signalisiert nun, dass man das nicht hinnehmen werde.

Droht ein offener Krieg zwischen Ägypten und der Türkei?

Der Journalist und Libyen-Experte Mirco Keilberth glaubt jedoch nicht, dass Ägypten nun mit Tausenden Bodentruppen in Libyen einmarschieren wird. "Sirte liegt 800 Kilometer entfernt von der ägyptischen Grenze, ein Militäreinsatz dort wäre eine enorme logistische Herausforderung, an der auch das ägyptische Militär kein Interesse hat."

Wahrscheinlicher sei laut Keilberth der Einsatz von Helikoptern und die Lieferung von Waffen. Der ägyptische Präsident al-Sisi plane, um die Haftar-Fraktion zu stärken, Stammesverbände im Osten Libyens zu bewaffnen. So werde die Zahl der Milizen im Land deutlich zunehmen. "Wir nähern uns einem Somalia-Szenario", beschreibt Keilberth die unübersichtliche Lage.

Karte: Die Stadt Sirte in Libyen
Die Stadt Sirte in Libyen.
Quelle: ZDF

Welche Rolle spielt die libysche Stadt Sirte dabei?

Zum dritten mal seit 2011 könnte es jetzt zu einer Schlacht um die Stadt Sirte kommen, in deren Nähe aktuell die Grenze zwischen Haftars Nationaler Armee Libyens (LNA) und der Übergangsregierung unter al-Sarradsch (GNA) verläuft.

Am Wochenende gab es Medienberichte, wonach sich ein Militärkonvoi der Zentralregierung mit hunderten Fahrzeugen bereit gemacht habe für einen Vorstoß auf Sirte. "Die Stadt ist entscheidend für die Kontrolle der libyschen Ölfelder und hat als Heimatstadt von Muammar al-Gaddafi auch eine symbolische Bedeutung", betont Keilberth.

Was machen die europäischen Staaten?

Kriegsschiffe mehrerer EU-Staaten sind in den Gewässern vor Libyen aktiv. Die EU-Mission Irini soll seit Ende März das geltende Waffenembargo durchsetzen – bislang jedoch erfolglos.

Am 10. Juni verhinderten etwa türkische Fregatten die Kontrolle eines Frachtschiffes mit Ziel Libyen durch ein griechisches Schiff der Irini-Mission. Auch Frankreich kritisierte, dass türkische Schiffe mehrfach mit ihren Waffen auf französische Schiffe gezielt hätten.

Umgekehrt beklagte die Türkei einen Angriff durch unbekannte Kampfflugzeuge auf eine türkische Luftabwehrstellung in al-Watiya am 5. Juli. Seitdem versuchen Vertreter diverser Konfliktaktparteien wahlweise Russland, Frankreich oder den Vereinigten Arabischen Emiraten die Schuld an dem Vorfall zu geben.

In Libyen praktiziert die EU seit 2017 eine menschenrechtswidrige Abschottungspolitik. Libysche Milizen erhalten Geld aus Europa, um Menschen an der Flucht nach Europa zu hindern.

Beitragslänge:
28 min
Datum:

Warum ist die Lage in Libyen so wichtig für Europa?

"Libyen wird über die kommenden Jahrzehnte das für Europa zentrale Land für Migration und Terrorismus sein", sagt Keilberth. Anders als in Afghanistan gebe es in Libyen sehr viel Geld. "Europa hat zu spät eingesehen, dass sie 2.200 Kilometer Küstenlinie nicht den Türken und Russen überlassen können."

Sollte Erdogan sich entscheiden, Schlepper in Libyen aktiv zu unterstützen und Migration als Druckmittel einzusetzen, dann würden das die EU-Staaten zu spüren bekommen. "Ohne Soldaten vor Ort könne man auch keinen Einfluss ausüben", sagt Keilberth mit Blick auf die meist ausschließlich diplomatischen Initiativen aus Berlin.

Libyen sei aber ein Konflikt, in dem es "nicht viele diplomatische Lorbeeren" zu holen gebe, so Keilberth. "Dort kann man die Zukunft der Kriegsführung beobachten: Alle Akteure kaufen sich Söldner und eine Luftabwehr zusammen. Die kommenden Tage sind entscheidend, um zu verhindern, dass es in Libyen einen noch größeren Krieg zwischen diesen Söldnerarmeen gibt."

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