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Chronologie - Der Lübcke-Prozess: Was bisher geschah

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Stephan Ernst steht im Fall Lübcke unter Anklage. Nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten findet der Prozess gegen insgesamt zwei Verdächtige statt. Eine Chronologie.

Walter Lübcke wurde auf seiner Terrasse erschossen. Archivbild
Regierungspräsident Walter Lübcke wurde in der Nacht zum 2. Juni 2019 auf seiner Terrasse erschossen. Archivbild
Quelle: Swen Pförtner/dpa

Mit der Ermordung von Walter Lübcke wollten die Täter die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik angreifen, davon gehen Ermittler und Richter aus. Außerdem wollten sie andere Amtsträger, die sich auch für Flüchtlinge einsetzen, einschüchtern.

Damit sei Walter Lübcke als Repräsentant des deutschen Rechts- und Gesellschaftssystems ermordet worden, der Prozess ist also ein Staatsschutzprozess. Somit ist dieser Prozess der erste wegen der Ermordung eines Politikers durch Rechtsradikale in der Geschichte der Bundesrepublik.

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke ist ein Staatsschutzprozess

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Verhandlungstag 1 - Die Familie Lübckes beeindruckt

Am ersten Verhandlungstag, dem 16. Juni 2020, beeindruckt zu Beginn die Art und Weise, wie die Familie Lübcke - seine Frau und die beiden Söhne - auftreten. Zehn Minuten vor Verhandlungsbeginn betritt sie wie in einer Zeremonie ernst den Saal, sie laufen im gleichen Abstand ein, bleiben bei ihren Plätzen stehen, der Blick nach vorne gerichtet, warten sie regungslos, bis sie Stephan Ernst, dem mutmaßlichen Mörder ihres Mannes und Vaters, in die Augen schauen können.

Es dauert 15 Minuten, bis dieser von Justizbeamten in den Saal geführt wird. Schick gekleidet zeigt er offen sein Gesicht, während der Mitangeklagte Markus H. es mit einem Aktenordner verdeckt.

Zur Verlesung der Anklageschrift kommt es zunächst nicht, da den Verteidigern das Wort erteilt wird und diese Befangenheits- und Aussetzungsanträge stellen.

Der Prozessauftakt gegen zwei Verdächtige im Mordfall Lübcke. Dessen Familie möchte bei der Verhandlung auch an dessen demokratische Werte erinnern.

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Schließlich wird aber die Anklage noch verlesen. Die Bundesanwaltschaft wirft Stephan Ernst Mord an Walter Lübcke vor. Ernst soll Lübcke am 1. Juni 2019 vor seinem Wohnhaus erschossen haben. 

Seit der Bürgerversammlung in Lohfelden habe Ernst seinen Fremdenhass auf Walter Lübcke projiziert, der in seiner Vorstellung als "Volksschädling" galt. Es sei Ernst darauf angekommen, durch die Ermordung von Lübcke ein öffentlich beachtetes Fanal gegen die gegenwärtige staatliche Ordnung zu setzen. Ernst vertrete eine von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit getragene völkisch-nationalistische Grundhaltung, die sich auch gegen Repräsentanten der freiheitlichen und demokratischen Bundesrepublik Deutschlands richte.

Seine "Angst vor Überfremdung" teile er mit dem Angeschuldigten Markus H. Markus H. wird wegen Beihilfe zum Mord an Walter Lübcke angeklagt. Stephan Ernst wird außerdem ein Mordversuch an einem irakischen Asylbewerber im Januar 2016 vorgeworfen.

Am Oberlandesgericht in Frankfurt am Main hat der Prozess im Fall Lübcke begonnen. ZDF-Rechtsexperte Felix Zimmermann erklärt, was von dem Verfahren zu erwarten ist.

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Verhandlungstag 2 - Hauptbeweismittel im Mordfall Lübcke wird vorgeführt

Ein wichtiger Tag, der 18. Juni 2020: Ein Hauptbeweismittel, das Geständnis von Stephan Ernst wenige Tage nach seiner Verhaftung, wird im Gerichtsaal per Video gezeigt.

Im Geständnis vom 25. Juli 2019 schildert Ernst detailreich und widerspruchsfrei, dass und aus welcher Motivation heraus er den Kasseler Regierungspräsidenten tötete. Die "Batterie des Hasses" gegen Lübcke habe sich immer wieder aufgeladen, wenn sich Ernst Videos von Terroranschlägen anschaute, was er in eigenen Worten "manisch" und "fast krankhaft" tat.

Er machte Lübcke für Terroranschläge von Islamisten mitverantwortlich - auch solchen, die gar nicht in Deutschland stattfanden. Nachdem er schon mehrfach zum Wohnhaus des Kasseler Regierungspräsidenten gefahren sei, habe er ihn schließlich am 1. Juni 2019 vor dessen Wohnhaus erschossen, Lübcke habe noch seinen Schatten gesehen.

Prozess-Auftakt in Frankfurt -
Was Sie über den Mord an Lübcke wissen müssen
 

Heute beginnen die Verhandlungen um den gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Die wichtigsten Hintergründe.

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von Felix Zimmermann

Die Tatwaffe und andere Waffen habe er von einem Waffenhändler gekauft, die ihm der Mitangeklagte Markus H. vermittelte. Er habe teilweise auch Waffen an Arbeitskollegen verkauft, die seine Gesinnung teilten. Markus H. selbst soll in den Tatplan nicht eingeweiht gewesen sein.

Am Schluss seiner Aussage spricht er bereuende Worte: "Es sollte nicht sein, dass ein Mensch sterben muss für seine Worte (…) Es tut mir unendlich leid, dass ich dieser Familie einen lieben Menschen genommen habe, der nicht wieder zurückkommt. Niemand sollte für seine Worte sterben müssen."

Am Ende der Vernehmung loben die Polizisten Ernst für seine Aussage. Er habe das Richtige gemacht.

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Doch wenige Tage später widerruft Ernst das Geständnis und gibt im Januar 2020 eine neue Aussage ab, in der er behauptet, Markus H. habe Lübcke aus Versehen erschossen. Das erste Geständnis bleibt aber verwertbar. Es kommt nun darauf an, welche Aussage die Richter als glaubhaft ansehen.

Verhandlungstag 3 - Stephan Ernst verstrickt sich in Widersprüche

Der 30. Juni 2020 beginnt damit, dass Befangenheitsanträge gegen die Richter zurückgewiesen werden. Der Sache nach geht es nter anderem um die Äußerung des Vorsitzenden Richters Sagebiel: "Hören Sie nicht auf ihre Verteidiger, hören Sie auf mich (…) Gestehen Sie, wenn es etwas zu gestehen gibt." Diese sei als überspitzte Äußerung zulässig, so das Gericht.

Danach wird die richterliche Vernehmung vor dem Ermittlungsrichter vom 8. Januar 2020 als Video vorgeführt. In dieser behauptet Ernst nun, er und H. hätten die Tat gemeinsam verübt. Allerdings sei nur geplant gewesen, Lübcke einzuschüchtern, zu schlagen oder zu treten. Bei Markus H. habe sich dann vor Ort versehentlich ein Schuss gelöst.

Die Vernehmung ist deutlich weniger detailliert als das Geständnis aus dem Juli 2019. Ernst wirkt teilweise teilnahmslos, wortkarg. Er verstrickt sich in zahlreiche Widersprüche. So erzählt Ernst etwa, dass ein gefälschtes Autokennzeichen verwendet wurde, um nicht entdeckt zu werden.

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Er vermag aber nicht zu erklären, warum die Planung dann keine Masken bei der Tatausführung vorsah. Wenn doch nur geplant war, Lübcke einzuschüchtern und nicht zu töten, hätte man sich doch entsprechend tarnen müssen, halten die Ermittler Ernst vor.

Außerdem macht er widersprüchliche Angaben zur Frage, warum er in der ersten Vernehmung einen Mord behauptet und nicht schon dort erzählt hat, Lübcke sei aus Versehen erschossen worden. Zur Entlastung des Markus H. bedurfte es ja der Erzählung eines Mordes nicht, sondern nur die Weglassung des Markus H.

Verhandlungstag 4 - Dritte Vernehmung wirft Fragen zu Mitwissern im Fall Lübcke auf

Mit der Aussage von Januar 2020 in der zweiten Videovernehmung kann Ernst nicht zufrieden sein. Selbst sein eigener Verteidiger Hannig lässt durchblicken, dass ihm so keiner Glauben schenke. Und so bittet Ernst erneut um eine Aussagemöglichkeit, die ihm dann am 8. Februar 2020 eingeräumt wird. Dieses Video wird am 2. Juli 2020 im Gerichtssaal vorgeführt.

Ernst ist dort weniger wortkarg und schildert durchaus detailreich, wie er und Markus H angeblich die Tat gemeinsam planten, etwa falsche Kennzeichen anbrachten. Außerdem erzählt Ernst den Ermittlern erstmals, dass ihn ein Arbeitskollege, Herr L., beim Vergraben der Waffen durch Wachehalten unterstützt habe.

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Die Erzählung wirft für die Ermittler Fragen zu Mitwissern oder Mittätern auf. Erstaunlich auch die folgende Bemerkung seines Rechtsanwalts im Video: "Er hat Angst: Je mehr er über Mittäter erzählt, desto mehr hat er Sorge, dass man ihn mit einem rechten Netzwerk in Verbindung bringt, das er so nicht sieht." Dass erweckt den Eindruck, dass es Mittäter gab und Ernst dies verschweigen will, eventuell hat sich Hannig aber auch nur unglücklich ausgedrückt.

Die sechstündige Videovernehmung konnte nicht ganz gezeigt werden und wird am 5. Verhandlungstag fortgesetzt.

Verhandlungstag 5 - Bundesanwalt zerpflückt Aussage Ernsts

Am 3. Juli 2020 wird die Vorführung der dritten Videovernehmung von Stephan Ernst abgeschlossen. In der Vernehmung hält Bundesanwalt Kilmer Ernst vor, man habe Belege gefunden, dass Ernst schon früh festhielt, wie man das perfekte Verbrechen planen könne, wie man Spuren verwische.

Diese Blaupause habe er dann Jahre später in Bezug auf Lübcke angewandt und damit ein nahezu perfektes Verbrechen begangen. Er habe den Tatort umfangreich ausgespäht, falsche Kennzeichen angebracht - also alles getan, um das perfekte Verbrechen zu begehen. Insofern sei es unplausibel, dass dieser gesamte Aufwand nur gemacht werden sollte, um Lübcke eine Abreibung zu verpassen. Dagegen spräche auch, dass man sich in diesem Fall, wenn doch das gesamte Verhalten darauf gerichtet ist, nicht erkannt zu werden, nicht maskiert hätte.

Am 5. Verhandlungstag ging es um die unterschiedlichen Videoaussagen des Hauptangeklagten im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

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Ernst wird auch damit konfrontiert, dass Ermittler herausgefunden haben, dass Ernst alleine - also ohne Markus H. - einen Tag vor der Tat am Tatort gesehen wurde. Es gebe mehrere Zeugen, die ihn dort mit einem Rucksack gesehen hätten. In ihm befand sich dann auch die Wärmebildkamera, auf der ein Foto das Wohnhaus mit einem Zeitstempel einen Tag vor der Tat zeigt.

Für die Ermittler spricht dieser Umstand gegen eine direkte Beteiligung von Markus H. Ernst hatte nichts über diesen Tag erzählt, die Ermittler glauben wohl, dass er möglicherweise schon damals die Begehung der Tat in Betracht gezogen hätte, wenn die Wärmebildkamera angeschlagen hätte. Ernst will zu all dem keine Stellung nehmen. Auch mit dieser Vernehmung konnte Ernst die Ermittler nicht überzeugen, so dass dann wenig später Anklage eingereicht wurde.

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Markus H.s Rechtsanwalt Dr. Clemens gibt nach Ende der Vorführung des Vernehmungsvideos noch eine Erklärung ab. Er äußert sinngemäß, die Aussage von Ernst ergäbe keinen Sinn. Warum sollte Markus H. im Jahre 2019 Lübcke zusammenschlagen wollen für eine Aussage, die Lübcke 2015 in einer anderen "politischen Großwetterlage" getätigt hat. Clemens' Taktik ist ersichtlich darauf gerichtet, die Tat nicht als unpolitisch darstellen zu lassen, sondern in der Tendenz als eher psychologisch bedingt, womit sein Mandant weniger belastet wäre.

Verhandlungstag 6 - Ernst will sich von Verteidiger trennen

Am sechsten Prozesstag sollten eigentlich Lebenslauf, Zeugnisse und Bewerbungsschreiben von Stephan Ernst verlesen werden. Gleich zu Beginn nahm die Verhandlung aber eine unerwartete Wendung: Frank Hannig, einer der beiden Verteidiger von Ernst, hatte fünf Anträge gestellt, mit denen er erreichen wollte, dass zu bestimmten Aspekten nochmal neu ermittelt wird.

So wollte er erreichen, dass die Funkzellendaten der Tatnacht noch einmal neu ausgewertet werden. Außerdem wollte er einen mutmaßlichen Dokumentendiebstahl im Regierungspräsidium Kassel untersuchen lassen, es gebe möglicherweise einen Zusammenhang zu Beteiligungen der Familie Lübcke an Windkraftanlagen.

Der Vorsitzende Richter bezeichnete die Anträge als "gequirlten Unsinn", die dem Mandanten Stephan Ernst sogar schaden könnten. Er habe daher Sorge, ob Ernst von Rechtsanwalt Hennig noch ordentlich verteidigt sei.

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Ernsts zweiter Verteidiger erklärte, die Anträge seien weder mit ihm noch mit dem Angeklagten Ernst abgesprochen gewesen, sie würden sich beide davon distanzieren. Die Anträge würden für Stephan Ernst einen Schaden verursachen, der kein Interesse daran habe, "dass Herr Lübcke und seine Söhne mit Dreck beworfen werden, ohne Sinn und Verstand".

Nach einer Unterbrechung beantragte Stephan Ernst dann die Entpflichtung seines Verteidigers Hennig, da das Vertrauensverhältnis dauerhaft gestört sei und er mit der Verteidigungsstrategie "nicht mal ansatzweise" einverstanden sei. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt wollte am Nachmittag über den Antrag auf Entpflichtung beraten.

Verhandlungstag 7 - Stephan Ernst bekommt neuen Verteidiger

Das Oberlandesgericht Frankfurt hat Anwalt Frank Hannig entpflichtet - ihn also von seiner Aufgabe als Verteidiger von Stephan Ernst entbunden. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Anwalt Hannig und dem Angeklagten Ernst sei zerstört, so der Staatsschutzsenat des OLG. Anwalt Hannig verließ daraufhin den Gerichtssaal. Neben Mustafa Kaplan soll nun Rechtsanwalt Jörg Hardies den Angeklagten Stephan Ernst verteidigen. Wegen des Verteidigerwechsels wurde die eigentlich für Donnerstag geplante Aussage  des Angeklagten Ernst auf den 5.8. verschoben.

Anschließend sagte Jan-Hendrick Lübcke, der Sohn des getöteten Walter Lübcke, als Zeuge aus. In seiner mehr als zweistündigen Vernehmung berichtete er ausführlich vom Tattag und davon, wie er seinen Vater leblos auf der Terrasse gefunden habe. Der Vater habe in einem Stuhl gesessen und habe so gewirkt, als würde er schlafen. Nachdem er erfolglos versucht hatte, ihn aufzuwecken, sei er zunächst von einem Herzinfarkt ausgegangen. Er habe einen Notruf abgesetzt und dann versucht, seinen Vater zu reanimieren. Erst später im Krankenhaus habe die Familie von dem Schuss in den Kopf und damit von der tatsächlichen Todesursache erfahren.

Jan-Hendrick Lübcke berichtete außerdem davon, wie schwer der Tod seines Vaters für die Familie bis zum heutigen Tag zu verkraften sei. Zum Schluss sagte noch der Rechtsmediziner aus, der den Leichnam von Walter Lübcke obduziert hat. Er berichtete, dass der Schuss den Kopf nahezu horizontal durchquert habe und von einem Schuss aus naher Entfernung auszugehen sei.

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Tag 8 - Das neue Geständnis - endlich die Wahrheit?

Am 5. August kam es: Das lang erwartete neue Geständnis von Stefan Ernst. Zunächst verliest sein Rechtsanwalt eine neue Aussage. Statt die von allen erwartete Tatschilderung, gibt es erst lange Ausführungen zur vermeintlich schweren Kindheit des Stefan Ernst, er beschreibt seinen Vater als Tyrannen. Der Sprecher der Familie Lübcke wird später die Erzählung der schweren Kindheit bis zum Mord hart kritisieren, als Darstellung, in der ein Mord auf die Biographie geschoben werde.

Dann endlich. Die Erklärung. Das neue Geständnis ist eine Mischung aus den ersten Aussagen: Ernst räumt wieder ein, den Kassler Regierungspräsident erschossen zu haben, wie im ersten Geständnis. Doch wie im zweiten Geständnis soll Markus H. mit vor Ort gewesen sein. Das zentrale Wort des Tages lautet "Wir". Alles sei mit H. geplant und durchgeführt worden. Diesen stellt Ernst als treibende Kraft dar. "

Die Radikalisierung ging eindeutig von ihm aus". H. habe gesagt, Waffen würden Freiheit bedeuten, man müsse sich gegen die Merkel-Regierung wehren. Lübcke sei im Gegensatz zu Merkel jemand, an den man rankomme. H sei Vaterfigur für Ernst gewesen, habe ihn aber manipuliert.

Später steht Ernst für Fragen zur Verfügung, verstrickt sich dabei aber erneut in Widersprüche. Während er in der schriftlichen Einlassung noch erklärte, Ziel sei es gewesen, Lübcke zu töten, sagt er plötzlich wieder, dass dies nicht fest abgesprochen worden sei. Er sollte bedroht werden, ihn zu töten habe Ernst selbst entschieden. Nach der Besprechung mit seinem Anwalt rudert Ernst dann wieder zur Ursprungsfassung zurück. Was soll das? Meint Ernst ein spontaner Tatentschluss wäre weniger schwerwiegend?

Abgesehen davon, dass sich Mord und Totschlag nicht nach der Spontanität unterscheiden, zerstört eine solche Behauptung die Glaubwürdigkeit der Aussage eines gemeinsamen Tatplans mit H. Denn bei spontaner Tat kann es logischerweise keinen gemeinsamen Mordplan gegeben haben. Ein ums andere Mal hinterlässt Ernst den Eindruck, dass jede seiner Aussagen in Zweifel gezogen werden muss.

Im Prozess um den Mordfall Walter Lübcke hat der Hauptangeklagte Stephan Ernst den tödlichen Schuss vor Gericht eingeräumt. Dazu ZDF-Rechtsexperte Felix Zimmermann.

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Tag 9 - Ernst verstrickt sich erneut in Widersprüche

Am 7. August wurde erneut klar, dass den Worten von Stefan Ernst nicht vertraut werden kann. Er sagte aus, Markus H. habe ihm u.a. kurz vor der Tat gesagt: "Wenn Lübcke blöd kommt, dann schießt du." Allerdings steht das in Widerspruch dazu, dass Ernst zuvor behauptete, beide hätte die Tötung fest eingeplant, Lübcke sollte also nicht nur für den Fall erschossen werden sollte, dass er "blöd kommt". Als ein Richter entsprechend nachfragte, leitet Ernst direkt die Kehrtwende ein und erklärte, dass der Satz so nicht gefallen sei. Dies beschädigt die Glaubwürdigkeit von Ernst erneut, denn gerade der plastische Satz verlieh der Erzählung von Ernst Glaubwürdigkeit.

Auch an anderer Stelle rudert Ernst zurück, als es nämlich um einen Chat geht, in dem er mit Markus H. und Alexander S. geschrieben habe. Nach Besprechung mit seinem Anwalt Kaplan hieß es plötzlich nicht mehr, dass dort über politische Themen geredet wurde, sondern nur noch, dass es um technische Dinge gegangen sei. Auch hier könnte es sich um eine wahrheitswidrige Aussage handeln, mit dem Ziel, nicht in den Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB) zu geraten.

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Tag 10 - Gutachter hält Ernst nicht für psychisch krank

"Das ist schon ein Psycho-Stück, das für uns nicht ganz nachvollziehbar ist", sagt der Vorsitzende Richter Sagebiel in der Verhandlung am 10. August. Hintergrund ist die erste Aussage von Stefan Ernst. Dort hatte er alle Schuld auf sich genommen und Gedanken an die Tötung von Lübcke quasi als zwanghaft beschrieben. Warum diese falsche Aussage, fragen die Richter. Um den "Psycho-Nazi" zu spielen, betonte Ernst schon in seiner zweiten Aussage.

Er meint damit wohl, dass durch die Betonung der psychologischen Komponente der Verdacht eben nicht auf mögliche Mittäter, auf Markus H. falle. Das Gericht versucht sich erneut an widersprüchlichen Angaben von Stefan Ernst abzuarbeiten. Warum er dann Markus H. überhaupt in der ersten Vernehmung erwähnt habe, wenn es doch Ziel gewesen sei, ihn rauszuhalten. Ernst Antwort lautet, er habe Angst gehabt, dass etwas mit den Waffen von H. passiere.

Inzwischen bezichtigt Stefan Ernst Markus H. der Mittäterschaft und so hat die Verteidigung von H. das nachvollziehbare Ziel, die Glaubwürdigkeit von Ernst so weit wie möglich in Zweifel zu ziehen. Und die sich ständig ändernden Tatversionen geben auch Anlass an der Aussagefähigkeit zu zweifeln.

Doch ein Kurzgutachten des psychologischen Gutachters im Prozess, Professor Leygraf, zerschlug am 10. August diese Hoffnung: Er konnte bei Stefan Ernst keine psychiatrische Erkrankung oder Störung feststellen. Leygraf betont zwar, dass es auf der Hand liege, dass ein Teil der gemachten Aussagen erfunden seien. Doch dies bedeutete nicht, dass Ernst psychisch krank sei.

Dass Markus H. offenbar überzeugter Rechtsextremist ist, sollen Fotos belegen, die Gegenstände aus seiner Wohnung zeigen. Neben einschlägiger Literatur, fand sich dort ein besonders perfider Gegenstand: Eine alte Zyklon-B-Dose soll H. als Stifthalter benutzt haben. Mit dem Gift ermordeten die Nationalsozialisten Juden im Holocaust.

Tag 11 - Rätsel um Tisch und Wärmebildkamera.

Ein Tisch auf der Terrasse der Familie Lübcke könnte für Stefan Ernst zum Problem werden. In seinem neuen Geständnis hat Ernst ausgesagt, sich der Seite kommend dem in einem Stuhl sitzenden Walther Lübcke genähert zu haben, während Markus H. von der anderen Seite kam. Nach einer kurzen Kommunikation will Ernst Lübcke in den Stuhl zurückgedrückt haben, als dieser aufstehen wollte. Anschließend habe er Lübcke seitlich erschossen.

Doch die Rekonstruktion des Tatorts hat ergeben, dass ein Tisch neben Walter Lübcke stand. Ernst müsste nach dieser Erzählung wohl um den Tisch herumgelaufen sein, dann Lübcke in den Stuhl zurückgestoßen haben und anschließend wieder zurück um den Tisch gelaufen sein, um ihn von dort seitlich zu erschießen. Dies wirkt wenig lebensnah.

In seinem ersten Geständnis, dem die Ermittler immer noch am ehesten Glauben schenken, stört der Tisch hingegen nicht. Dort hat Ernst ja behauptet, direkt von der Seite gekommen zu sein und Lübcke überraschend ohne Konversation erschossen zu haben. Der Tisch passt also in die neue Erzählung des Tatgeschehens nicht hinein. Stefan Ernst behauptet am 13. August mehrfach, es habe dort kein Tisch gestanden. Das Gericht will der Frage des Standorts des Tisches weiter nachgehen.

Auch das Foto aus einer Wärmebildkamera von Stefan Ernst gibt den Ermittlern Rätsel auf. Es zeigt das Wohnhaus der Lübckes, angefertigt hat es Stefan Ernst. Der digitale Zeitstempel war falsch eingestellt, doch die Rekonstruktion ergab: Das Bild soll eine Nacht vor der Tat angefertigt worden sein. Und eine Zeugenaussage will an diesem Tag einen Mann gesehen haben, auf den die Beschreibung von Stefan Ernst passen könnte.

Wäre Stefan Ernst tatsächlich eine Nacht vorher alleine am Tatort gewesen, spricht dies eher für Alleintäterschaft. Denn die Observierung des Hauses von Lübcke hätte ja mutmaßlich zum Ziel gehabt, Lübcke auf der Terrasse zu erspähen, um ihn dann zu erschießen. Stefan Ernst bestreitet, dass das Bild einen Tag vor der Tat angefertigt wurde, es stamme vielmehr aus der Tatnacht.

Bislang ist es Stefan Ernst und seinen Vertretern weiterhin nicht gelungen, die Anwesenheit von Markus H. am Tatort zu belegen oder auch nur Hinweise darauf zu liefern.

Tag 12 - Familie Lübcke befragt Stefan Ernst

Stefan Ernst beantwortet am 19. August die Fragen der Familie Lübcke. Zu Beginn wollte deren Anwalt von Stefan Ernst wissen, ob er die Wahrheit gesagt habe und die Tat weiterhin bereue. Stefan Ernst bejahte dies, woraufhin der Anwalt ihm Respekt dafür aussprach. Die Befragung verlief insgesamt erstaunlich freundlich, der Anwalt der Familie Lübcke glaubt dran, dass Markus H. bei der Tat dabei gewesen ist. Bei ihrer Befragung versuchte ihr Anwalt, mehr Belege für diese Behauptung von Ernst zu erhalten.

Er wollte etwa wissen, wie denn Ernst von Markus H. manipuliert worden sei. Doch Ernst konnte dies nicht durch lebensnahe Schilderungen deutlich machen, seine Erzählung deutet eher darauf hin, dass beide gemeinsam das Thema Lübcke immer wieder besprochen haben. Der Gedanke der Tötung sei seit der Bürgerversammlung in Lohfelden dagewesen. Aber sie hätten Sprüche wie "man müsste den aufhängen" zuerst nur so dahergesagt, ohne es umsetzen zu wollen.

Im Laufe der Zeit habe sich der Hass verdichtet, weil die Zustände sich immer mehr zugespitzt hätten. In Chats sei dies ständiges Thema gewesen, wodurch sich die Sache nicht abgekühlt habe. Außerdem wurden am zwölften Verhandlungstag Teile eines über 15 Jahren alten psychologischen Gutachtens über Ernst verlesen. Dort heißt es, sein Hass gegen Ausländer sei sadistischer Natur und diene der Vernichtung des eigenen Begehrens. Ausländer seien insoweit nur ein vorgeschobenes Thema, Hass und Gewalttaten aber ein Ventil für Aggressionen, die sich aus anderen Quellen speisen.

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Tag 13 - Entscheidendes Beweismittel lag schon im Müll

Welches Glück die Ermittler hatten, überhaupt auf die Spur von Stefan Ernst gekommen zu sein, wurde am 27. August deutlich. Der Polizeiführer Daniel Muth sagte aus. Er berichtete, dass die Ermittler im Grunde keinen Tatort vorfanden, sondern einen Ereignisort ("die Platte war geputzt"). Hintergrund war, dass die Familie Lübcke zunächst kein Tötungsdelikt erkennen konnte, sondern von einem natürlichen Tod ausging. Ein Freund putzte den Tatort, was ihn verdächtig machte. Die Polizei nahm ihn fest, ließ ihn dann wieder laufen.

Die Ermittler gingen zunächst nicht von einem politischen Motiv aus, sondern schauten auf Windkraftgegener und organisierte Kriminalität. Dies begründete der Polizeiführer damit, dass die Bürgerversammlung von Lohfelden, die zum Hass der rechten Szene auf Walter Lübcke geführt hatte, schon vier Jahre her war. Das hätte zu lange zurückgelegen, um Motiv sein zu können. Die Einschätzung verwundert, da Lübcke ja auch die Folgejahre weiter wegen seiner Worte auf der Bürgerversammlung bedroht wurde.

Letztlich war es eine nur eine Spur und damit Zufall, dass man auf Stefan Ernst kam. Eine einzige Hautschuppe auf einem Kleidungsstück von Lübcke überführte ihn nach einem DNA-Abgleich. Doch beinah wäre dieses Kleidungsstück nie gefunden worden, es lag bereits im Krankenhaus in einem Mülleimer. Wäre es nicht herausgeholt und doch noch untersucht worden, würde es wohl heute keinen Prozess gegen Stefan Ernst und Markus H. geben.

Die Aussage des Polizeiführers Muth wird Markus H. und seinen Anwälten gefallen haben. Stefan Ernst hatte einen Weg mitgeteilt, den Markus H. am Tatort gelaufen sein soll, dieser führte durch ein Blumenbeet, doch dort fanden sich keine Fußspuren. Muth sagte, man müsse Akrobat sein, um über das Blumenbeet zu gelangen, ohne in es hineinzutreten und Spuren zu hinterlassen. Die Augen der Prozessbeobachter richteten sich auf Markus H, seine deutlich untersetzte Erscheinung - alles andere als ein Akrobat.

Tag 14 - Ehefrau und bester Freund von Stefan Ernst sagen aus

Ehepartner müssen beim Prozess nicht aussagen, entscheiden sie sich aber dazu, müssen auch sie die Wahrheit sagen, wenn sie auf Fragen antworten. Entsprechend belehrt beschränkte sich die Ehefrau von Stefan Ernst am 1. September in der Verhandlung vor allem auf das, was sie in der Tatnacht wahrgenommen hat. Im Badezimmer hörte sie, dass zwei Autos am Haus ankommen und geparkt haben. Dies stützt die Aussage von Stefan Ernst, wonach er und Markus H. in der Tatnacht in getrennten Autos zu ihm nach Hause gefahren seien. Dort habe er Markus H. noch eine Waffe gegeben.

Auch in einem weiteren Punkt bestätigt Ernsts Ehefrau dessen Aussage: Ernst hatte seine erste angebliche Falschaussage damit begründet, dass ihm sein Rechtsanwalt Waldschmidt finanzielle Hilfe versprochen habe, wenn er Markus H. nicht der Tat bezichtige. Ernsts Ehefrau teilte mit, auch ihr gegenüber habe Waldschmidt finanzielle Hilfe versprochen. Er habe auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass Kameraden ihr helfen werden. Darauf hätte sie aber nie eingehen wollen, da ihr klar war, dass dies Person aus der rechten Szene sei. Aus Angst hätte sie die Aufnahme gelöscht.

Im Anschluss sagte der wohl beste Freund von Stefan Ernst aus. Habil A. war selbst einmal Flüchtling aus dem Iran, hat inzwischen aber die deutsche Staatsbürgerschaft. Seinen Konflikt am heutigen Tage drückte er so aus: "Auf der einen Seite sitzt die Familie des Mannes, der mir die deutsche Staatsangehörigkeit gegeben hat, auf der anderen Seite mein Freund, der ihn angeblich getötet hat. Das ist für mich der Horror." Sein Freund Stefan Ernst beschreibt er als freundlichen und sehr hilfsbereiten Menschen, er habe ihn nicht als Nazi wahrgenommen, sonst wäre er ja auch nicht mit ihm befreundet gewesen. Seine politischen Ansichten habe er aber auch geteilt, nämlich, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne. Er erzählt auch, dass Ernst ihn um ein Alibi bat, er sollte der Polizei sagen, dass sie zusammen waren.

Habil A. bestätigt, dass Stefan Ernst mit Markus H. befreundet war. Stefan Ernst soll ihm auch davon erzählt haben, dass er zusammen mit Markus H. in Wolfshagen spazieren ging, also in der Nähe des Wohnortes von Walter Lübcke. Habil A. hatte Markus H. auch ein paar Mal gesehen und musste mit seiner deutlich rechtsextremen Gesinnung Bekanntschaft machen. So soll H. bei einem Grillfest im Schützenverein wohl in Bezug auf Politiker gesagt haben: "Man müsste dem eine Kugel in den Kopf geben, damit so Leute wie du hier nicht herkommen." Ernst und H. sollen gelacht haben. Doch soll Ernst ihn danach in Schutz genommen haben.

In einer Verhandlungspause versucht Habil A., mit Stefan Ernst ins Gespräch zu kommen, der gibt zu verstehen, dass er hier nicht reden könne. Die Freundschaft wirkt jedenfalls echt. Ausgerechnet der eindeutig rechtsextrem gesinnten Stefan Ernst hat einen ehemaligen Flüchtling zum wohl besten Freund. Seine Figur bleibt komplex und schwierig durchschaubar.

Tag 15 - Mithäftlinge berichten über Markus H.

Gerade in der Untersuchungshaft kann es für Gefangene schnell sehr einsam werden. Die wenigen Möglichkeiten der Kommunikation mit Mithäftlingen werden daher oft genutzt, man kommt ins Reden, auch über die Tat. Dies versuchen sich Ermittler zu Nutze zu machen, indem sie Mithäftlinge als Zeugen vernehmen. So auch am 3. September: Mithäftlinge von Markus H. wurden befragt. Dass diese es aber nicht immer so genau mit der Wahrheit nehmen, machte der erste Zeuge Yussef E. gleich klar. "In Untersuchungshaft sind natürlich 90 % unschuldig", bemerkte er sarkastisch.

Wenig überraschende räumte auch Markus H. gegenüber seinen Gefängnisbekannten nicht ein, Mittäter zu sein. Er berichtete aber über eine enge Freundschaft zu Stefan Ernst ("jede Woche ein Bier trinken gehen"), und sagte ihnen, dass er in der Tat mit drinstecke. Diese Aussage bezog sich aber nicht auf eine Anwesenheit am Tatort, sondern offenbar auf die Vermittlung einer Waffe. Ernst soll die Waffe von einem Händler gekauft haben, den H. ihm vorstellte.

Im Hinblick auf die Tatnacht soll H. den Zeugen erzählt haben, dass er bis abends mit dem Motorrad unterwegs war, dann eingeschlafen sei und daher kein Alibi habe. Auch berichten sie, dass H. Angst davor gehabt habe, dass DNA-Spuren im Auto von Stefan Ernst gefunden werden. Angesichts des Umstands, dass beide befreundet und oft im Auto von Ernst unterwegs waren, ist aber auch diese Aussage für H. wenig belastend. Insgesamt sind die Aussagen der Mithäftlinge viel zu bruchstückhaft, als dass ein Gericht diese gut verwerten könnte.

Etwas prekärer wurde für Markus H. aber die Aussage eines Vermessungsingenieurs, der eine 3D-Animation vom Tatort vorführte. Dabei ging es erneut um ein Blumenbeet, dass H. übersprungen haben müsste, wenn die Aussage von Stefan Ernst zu den angeblichen Wegen am Tatort stimmt. Denn im Beet selbst fanden sich keine Fußspuren. Der Polizeiführer Muth sagte am 13. Verhandlungstag, man müsse Akrobat sein, um dieses zu überwinden. Der Vermessungsingenieur war andere Ansicht. Ohne Probleme sei er darüber gesprungen.

Was ist nun richtig? Eine Ortsbegehung, die den Richtern unmittelbar einen Eindruck über die Ortsbefindlichkeit schaffen könnte, ist nicht geplant. Und so muss sich das Gericht weiter auf mittelbare Einschätzungen von Zeugen verlassen.

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Tag 16 - Von Anwälten erfundene Geständnisse?

Stefan Ernst hat den Ermittlern und Richtern inzwischen drei Tatversionen präsentiert. Damit ihm noch irgendwer glaubt, muss er plausibel machen, warum es zu den ersten und zweiten vermeintlich falschen Aussagen gekommen ist. Das war am 7. September der Plan der Verteidigung von Ernst.

Zunächst ging es um das zweite Geständnis, in dem Ernst behauptete, er wäre zusammen mit Markus H. bei Lübcke gewesen, H. hätte den Kassler Regierungspräsident aus Versehen erschossen. Ernst hatte hier vor einigen Verhandlungstagen die Behauptung aufgestellt, die Aussage wäre die Idee seines vormaligen Rechtsanwalts Hannig gewesen.

Am 16. Verhandlungstag betrat dann Ernsts Rechtsanwalt Kaplan den Zeugenstand und bestätigte diese Version: Rechtsanwalt Hannig hätte ihm gegenüber Anfang Juli die Erfindung eingeräumt. Es stimme zwar, dass Markus H. mit am Tatort war, dass dieser aber aus Versehen geschossen habe, sei seine eigene Idee gewesen, so angeblich Hannig gegenüber Kaplan. Ziel sei es gewesen, Markus H. durch die gravierende Anschuldigung zu einer Aussage zu bewegen.

Und Kaplan hat noch einen Trumpf auf dem Handy, welcher schwarz auf weiß belegen könnte, dass Hannig zu derartigen Erfindungen neigt. Hannig sandte Kaplan eine Notiz, die Ernst an jenem Verhandlungstag vortragen sollte. Der Inhalt war indes erfunden, Kaplan hakte nach, worauf Hannig ihm gegenüber zugab, auch schon die 2. Einlassung erfunden zu haben. Als Rechtsanwalt dürfe man lügen, soll Hannig gesagt haben. Doch Strafnormen wie falsche Verdächtigung gelten für jedermann auch für Strafverteidiger. Auch Rechtsanwalt Hannig ist noch als Zeuge geladen. Das wird ein schwerer Auftritt für ihn.

Dann ging es noch um das erste Geständnis, in dem Ernst die gesamte Schuld auf sich nahm. Hier hatte Ernst behauptet, die Falschaussage gehe auf seinen ersten Rechtsanwalt Waldschmidt zurück. Der bekannte Anwalt aus der rechten Szene habe ihm finanzielle Hilfe versprochen, wenn er Markus H. nicht der Täterschaft bezichtige. Ominös ist bereits, wie Waldschmidt überhaupt an Ernst als Mandanten kam. Er berichtet, eine fremde Person habe ihn angerufen und gebeten, dass Mandat zu übernehmen. Die Richter können das kaum glauben. Immer wieder fragen sie nach, warum er nicht nach der Identität des Anrufers gefragt habe. Befriedigende Antworten hierzu liefert Waldschmidt nicht.

Als es richtig spannend wird und Waldschmidt gefragt wird, ob er Ernst Ehefrau finanzielle Vorteile versprach, wird die Verhandlung unterbrochen. Er könne das nicht beantworten, sagt Waldschmidt, denn Frau Ernst sei seine Mandantin in einem anderen Rechtsfall gewesen und zwar wegen einer Kündigung. Daher dürfe er wegen seiner Schweigepflicht nichts dazu sagen. Die Richter wollen sich jetzt eine Erklärung von Frau Ernst einholen, wonach sie Waldschmidt von der Schweigepflicht entbindet. Er ist erneut geladen für den 3.11.

Eins bleibt festzustellen: Selbst wenn Ernst Recht haben sollte und beide Aussagen sind ihm von seinen vormaligen Verteidigern eingeredet worden, zeigt sich jedenfalls, dass er leicht manipulierbar ist und sich seine Aussagen nicht an der Wahrheit ausrichten, sondern nach dem, was vermeintlich für ihn günstig ist. Das könnte auch für die dritte Tatversion gelten.

Tag 17 - Rechte Stimmung beim Arbeitgeber

16 Jahre war Holger M. Arbeitskollege von Stefan Ernst. Am 8. September war er als Zeuge geladen. Er beschrieb Ernst als gewissenhaften Arbeiter und hilfsbereiten Kollegen, zweimal soll dieser aber auch ausgerastet sein und andere geschubst haben. Er habe ihn als "Tiger auf dem Sprung" wahrgenommen, unnahbar und geheimnisvoll. In der Polizeivernehmung sagte er weitergehend, Ernst habe eine aggressive Ader, sei ein Pulverfass mit kurze Lunte, sei ihm suspekt und er wollte mit ihm privat nichts zu tun haben. Allerdings schenkte M. ihm Staubsauger und Keyboard.

Des Öfteren soll sich Ernst rechtsextrem geäußert haben: So soll Ernst einmal gesagt haben, man müsse Flüchtlinge ins Flugzeug stecken und dann über dem Mittelmeer rausschmeißen. Dem Zeugen ist es wichtig, dass Ernst dabei aber differenziert habe. Nur Kriminelle und Personen ohne Aufenthaltsstatus sollte das passieren. Dass diese Differenzierung die Äußerung nicht besser macht, fällt dem Zeugen nicht auf. Überhaupt scheint er politisch das Gedankengut von Ernst zu teilen. Er räumt auf Nachfrage ein, mit ihm bei Kegida (Ableger von Pegida in Kassel) gewesen zu sein, angeblich auf Drängen von Stefan Ernst.

Auch gibt er an, die Junge Freiheit in der Firma verteilt zu haben und zögernd ebenfalls, das Magazin Compact. Diese Medien würden sagen "was Sache ist, unzensiert", es würde "allumfassend informiert", während in den normalen Medien ja nur "Mainstream links-grüne Halbwahrheiten" verbreitet würden. Er betrachte alles von zwei Seiten. Daraufhin sagt Ernsts Rechtsanwalt Kaplan versteckt ironisch. "Also Junge Freiheit auf der einen Seite und Compact auf der anderen Seite." Nein - er würde auch in die Hanauer Neue Presse lesen, entgegnet M.

Seine Äußerungen machen deutlich: In der Kassler Firma, in der Stefan Ernst arbeitete, im Kollegenkreis war die Schilderung rechtsextremer Ansichten offenbar kein Einzelfall. Da passt ins Bild, dass Ernst zwei Kollegen Waffen verkauft hat. Belastend für Ernst war an der Aussage des Holger M., dass dieser in 16 Jahren keine großen Veränderungen in den politischen Ansichten von Ernst feststellen konnte. Dies widerspricht tendenziell der Behauptung von Ernst, Markus H. habe ihn erst wieder politisch extremistisch motiviert.

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