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Zahl der Verletzten in Lützerath : Haben die Aktivisten übertrieben?

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Der Polizeieinsatz von Lützerath ist heute Thema im NRW-Innenausschuss. Die Verletztenzahlen in Berichten von Aktivisten und Polizei unterscheiden sich dramatisch. Warum?

Polizisten und Demonstranten stehen sich bei der Demonstration von Klimaaktivisten am Rande des Braunkohletagebaus bei Lützerath gegenüber.
Polizisten und Demonstranten stehen sich bei der Demonstration von Klimaaktivisten am Rande des Braunkohletagebaus bei Lützerath gegenüber.
Quelle: dpa

Fünf Tage nach der Großdemonstration gegen die Räumung des Dorfes Lützerath reißt die Diskussion um die Vorfälle nicht ab. Der Polizeieinsatz hat am Mittag auch ein Nachspiel im Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags in Düsseldorf. Eine der zentralen Fragen: Wie viele Menschen wurden tatsächlich verletzt - und wie schwer?

Es klang zunächst dramatisch: Aktivisten hatten am Wochenende von erheblicher Polizeigewalt berichtet. Verletztenzahlen im hohen zwei- bis dreistelligen Bereich wurden genannt. Einige Aktivisten seien schwer, manche sogar lebensgefährlich von der Polizei verletzt worden, hieß es zunächst.

Was ich heute erlebt habe, sprengte meine Vorstellungen. Basically jeden Knochen des menschlichen Körpers habe ich heute gebrochen gesehen.
Demo-Sanitäterin Iza Hofmann auf Twitter

Auf der anderen Seite erklärt der Sprecher der Aachener Polizei Christof Hüls im Gespräch mit ZDFheute, man habe die umliegenden Kliniken angerufen. Es seien keine Schwerverletzten eingeliefert worden, erst recht keine lebensgefährlich Verletzten. Insgesamt habe es nur acht Einsätze von Rettungswagen gegeben, bei denen Patienten ins Krankenhaus gebracht wurden. Doch wie kommt diese unterschiedliche Einschätzung zustande?

phoenix tagesgespräch mit Timon Dzienus (Bundessprecher der Grünen Jugend) zur Räumung in Lützerath und zum Dilemma von Bündnis'90/Die Grünen

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Demo-Sanitäter schätzen Lage vor Ort dramatischer ein

Schwer verletzt ist laut Polizeidefinition ein Mensch, der stationär im Krankenhaus aufgenommen werden muss. Ein gebrochener Knochen oder eine Platzwunde am Kopf ist nach dieser Definition also noch keine schwere Verletzung.

Demo-Sanitäter argumentieren, sie hätten die Verletzungen nach "medizinischen Standards" eingeschätzt. Vor Ort im Schlamm von Lützerath habe man nicht die gleichen Geräte und Diagnosemöglichkeiten wie in einem Krankenhaus. Daher gehe man grundsätzlich von schwereren Verletzungen aus, um Patienten nicht zu gefährden, heißt es gegenüber ZDFheute. So erklären die Aktivisten, dass sie zwar vor Ort schwere Verletzungen registriert hätten, diese aber nicht in Kliniken bestätigt wurden.

Wir können lediglich Verdachtsdiagnosen stellen und solange wir einen gefährlichen Verlauf nicht sicher ausschließen können, gehen wir im Zweifel vom Schlimmsten aus
Demo-Sanitäterin Iza Hofmann im "Spiegel"

Haben Demo-Sanitäter übertrieben?

Marco König vom Deutschen Berufsverband Rettungsdienst e.V. kann diese Argumentation nicht nachvollziehen: Notfallsanitäter oder Notärzte könnten auch vor Ort die Schwere einer Verletzung einschätzen. In Einzelfällen könne sich eine Befürchtung später im Krankenhaus zwar als übertrieben herausstellen. Wenn jedoch Demo-Sanitäter der politischen Ausrichtung der Demonstration nahestehen, könne das dazu beitragen, dass die Zahl der schwer Verletzten höher ausfällt, als das bei regulären Rettungskräften der Fall wäre.

Mittlerweile hat das Bündnis "Lützerath lebt" die ersten Angaben der Demo-Sanitäterin zumindest teilweise revidiert: Florian Özcan, Sprecher des Bündnisses, sagte der "Süddeutschen Zeitung", dass es zum Glück keine lebensgefährlich Verletzten gegeben habe.

Die Sprecherin von Fridays for Future, Pauline Brünger, verteidigt den Klimaprotest in Lützerath und weist Vorwürfe einer Radikalisierung zurück.

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Verletzte fürchten Repressionen durch die Polizei

Ein großes Problem bei der Aufklärung des Sachverhalts: Betroffene Aktivisten wollen fast alle anonym bleiben. Verletzten Demonstranten hatten Demo-Sanitäter zusätzlich geraten, im Krankenhaus nicht anzugeben, dass die Verletzung von der Demo kommt. Sie sollten lieber erzählen, es sei ein Unfall im Garten gewesen. Grund: Die Aktivisten fürchten Repressionen durch die Polizei.

So gibt es zum Beispiel Berichte, dass eine Person mit einem gebrochenen Bein in ein Krankenhaus weiter entfernt von Lützerath gefahren wurde, damit keine Rückschlüsse auf die Demo gezogen werden konnten. Die Polizei berichtete zudem von einem Fall, in dem ein verletzter Aktivist den Rettungswagen wieder verließ, als er seinen Namen nennen sollte.

Demo-Sanitäter raten zu Falschaussage bei Verletzungen

Polizeisprecher Hüls räumt ein: Wenn ein Verletzter in ein weiter entferntes Krankenhaus gegangen wäre oder nicht angegeben hatte, dass die Verletzung von der Lützerath-Demo stammt, "dann fällt das möglicherweise nicht auf".

Dass Kliniken und die Polizei keine genauen Zahlen über Verletzte haben, bezeichnet die Demosanitäterin Iza Hofmann in einem Interview mit dem Magazin "Spiegel" als "ein Qualitätsmerkmal unserer Arbeit": Es sei das Ziel der Demo-Sanitäter, "dass Krankenhäuser nach Möglichkeit nicht erfahren, dass die Verletzungen im Rahmen der Proteste entstanden sind".

Partei an der Abbruchkante

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Ihre Erklärung: Es sei schon öfter vorgekommen, "dass im Krankenhaus die Polizei wartet, um die verletzten Personen etwa wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte anzuzeigen." Polizeisprecher Hüls kann das nicht nachvollziehen. Die Polizei würde nicht von sich aus in Krankenhäuser fahren, um verletzte Aktivisten anzuzeigen. Und fügt hinzu:

Es ist nicht verboten, sich in Lützerath zu verletzen.
Polizeisprecher Christof Hüls

Doch auch die Polizei ist als Quelle für Verletztenzahlen bei Demonstrationen nicht automatisch neutral. Der Deutsche Journalisten-Verband ruft regelmäßig dazu auf, "Meldungen und Informationen der Polizeibehörden in allen Fällen kritisch zu hinterfragen".

Nach dem Einsatz in Lützerath wurde von der Polizei die Zahl von 102 verletzten Beamtinnen und Beamten kommuniziert - allerdings weist die Polizei darauf hin, dass darunter etliche Verletzungen gezählt sind, die nicht im Kontakt mit Demonstranten passiert sind.

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