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Ukrainischer Botschafter : Warum Melnyk keine diplomatischen Töne spuckt

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Ukraines Botschafter Melnyk teilt verbal aus, auch gegen Kanzler Scholz. Was erlaubt der sich?, fragen viele. Eine Diplomatin zeigt dagegen Verständnis - mit einer Einschränkung.

Andrij Melnyk
Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland, schlägt seit Kriegsbeginn "lautere Töne" an - und bekommt dafür auch Verständnis.
Quelle: imago

Während die Ukrainerinnen und Ukrainer seit mehr als zwei Monaten um die Weiterexistenz ihres Landes kämpfen, sieht sich der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, im politischen Berlin noch immer umgeben von zahlreichen Schlafwandlern.

Melnyk versteht sich als Antreiber 

Diesen Schluss lassen seine Worte zu, wenn er ZDFheute seine Mission als Botschafter der Ukraine in der deutschen Hauptstadt so beschreibt:

Es gilt, die deutsche politische Klasse wachzurütteln, der Ampel-Regierung den Ernst der Stunde klarzumachen und vor allem zum schnelleren Handeln zu bewegen.
Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Berlin

Vielleicht lässt sich so auch seine aktuelle verbale Breitseite gegen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) erklären, der seinen Worten zufolge wie eine "beleidigte Leberwurst" agiere.

Scholz hatte am Montagabend in der ZDF-Sendung "Was nun, Herr Scholz?" sein vorläufiges Nein zu einer Reise nach Kiew damit begründet, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Mitte April ausgeladen worden sei.

Mit satter Mehrheit hat der Bundestag für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gestimmt. Doch Ampel und Union streiten weiter.

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27 min
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Scholz sagte, dass es "nicht funktionieren" könne, dass der demokratisch gewählte Präsident eines Landes, "das so viel militärische Hilfe, so viel finanzielle Hilfe leistet", derart behandelt werde.

Zur Erinnerung: Steinmeier ist seitens der Ukraine eine "höchst bedenkliche" politische Nähe zu Russland vorgeworfen worden.

Melnyk über Scholz: "Klingt nicht sehr staatsmännisch"

Melnyks prompte Replik auf Scholz: "Eine beleidigte Leberwurst zu spielen, klingt nicht sehr staatsmännisch." Der ukrainische Botschafter erinnerte gleichzeitig daran: "Es geht um den brutalsten Vernichtungskrieg seit dem Nazi-Überfall auf die Ukraine, es ist kein Kindergarten."

"Es gibt nach wie vor eine große Trägheit", konstatiert Melnyk mit Blick auf das politische Berlin. Diese Trägheit wolle er überwinden.

Melnyk: Muss "viel lautere Töne anschlagen" in Berlin

"Putin strebt danach, den ukrainischen Staat zu zerschlagen und die ukrainische Nation zu eliminieren", sagt Melnyk. "Es ist ein echter Vernichtungskrieg gegen das Ukrainertum."

Dies sei auch der Grund, weshalb er heute "viel lautere Töne anschlagen" müsse in Berlin. Es geht ihm darum, dem russischen Narrativ etwas Substanzielles entgegenzusetzen und zu verhindern, dass die Ukraine "unsichtbar" wird hinter dem Nebel der Kreml-Propaganda. Wenn nötig, macht er das mit Wumms und krachender Rhetorik.

Kritik an Melnyk - und Fürsprache

Melnyk provoziert und polarisiert: Kritiker bezeichnen ihn deshalb als "undiplomatischen Diplomaten" oder als "Lobbyisten". Manche sprechen von "Dreistigkeit" oder gar "Unverschämtheit".

Der Botschafter erhält aber auch Fürsprache: Christine Althauser, bis 2021 deutsche Generalkonsulin in Schanghai und davor Botschafterin der Bundesrepublik in Nordmazedonien, zeigt Verständnis für das Verhalten ihres Kollegen.

Die Ukraine lebt spätestens seit dem 24. Februar in einem unvorstellbaren Alptraum. Putin hat das Schachbrett der internationalen Ordnung umgeworfen. Dass sich in so einer Situation die Tonlage etwa des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk verändert, finde ich verständlich.
Christine Althauser, deutsche Diplomatin im Ruhestand

Klartext sei angebracht. Melnyks "Pochen, seine Weckrufe" seien nachvollziehbar "angesichts der Lage der Ukraine und angesichts der langen Vernachlässigung des Landes durch den Westen".

Diplomatin: Nicht die sachliche Ebene verlassen

Althauser glaubt, dass Melnyks "Überschwang in der Tonalität" viel mit den Erfahrungen der letzten Jahre zu tun habe. "Der Krieg in der Ostukraine ist seit 2014 im Gange, die Sanktionen des Westens gegen Russland waren damals viel zu gering, wie wir heute wissen", sagt Althauser.

Sie wertet Melnyks Auftreten deshalb auch als lautes "Jetzt hört uns endlich mal zu!". Diesen Weckruf sieht sie bei vielen auch positiv verstanden. Eine Linie sollte allerdings nicht überschritten werden:

Ein Diplomat sollte zwar klar und deutlich seinen Standpunkt vertreten, aber nicht die sachliche Ebene verlassen; er sollte sein Gegenüber nicht bloßstellen oder angreifen. Wird es zu persönlich, entgleist die Diskussion.
Christine Althauser, deutsche Diplomatin im Ruhestand

Die ersten Menschen haben die Bunker unter dem Stahlwerk in Mariupol verlassen. Sie schildern eindrücklich, was sie erlebt haben. Gerettet wurde bisher aber nur ein Bruchteil.

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Der ukrainische Botschafter bewegt sich auf einem schmalen Grat: Er muss Aufmerksamkeit für die Ukraine schaffen, darf die Unterstützer aber auch nicht verprellen. "Die Ukraine und die Bundesrepublik sind Partner in diesem Kampf gegen den Aggressor im Kreml", sagt Althauser:

Gerät der Streit zwischen der Ukraine und Deutschland außer Kontrolle, freut sich Putin.
Christine Althauser, deutsche Diplomatin im Ruhestand

Politologin: Ukraine "muss jetzt nicht bequem sein"

Eine ähnliche Sicht hat auch die Ukrainerin Ljudmyla Melnyk, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Politik in Berlin, und nicht verwandt mit Andrij Melnyk. Sie versucht das Agieren des Botschafters so einzuordnen:

Für die Ukraine geht es heute ums Überleben. Sie muss jetzt nicht bequem sein. Das, was wir aktuell beobachten, ist die Kommunikation eines Landes, das von Russland angegriffen wird.
Ljudmyla Melnyk, Institut für Europäische Politik

Wenn der Kommunikationsstil des Botschafters dazu führe, dass konkrete Hilfen geleistet würden, "wir uns weiter mit der Ukraine auseinandersetzen und sie nicht von der Tagesordnung verschwindet, dann macht er seinen Job gut", konstatiert Ljudmyla Melnyk.

Sie gibt allerdings auch zu bedenken, dass "die bislang erzielten Erfolge in der bilateralen Zusammenarbeit gewürdigt werden sollten. Nur so lasse sich "ein vollständiges Bild der Partnerschaft zeichnen".

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24.05.2022
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