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Letzte Regierungserklärung - Um 10:33 Uhr war Angela Merkel weg

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Nach 16 Jahren Kanzlerschaft hat Angela Merkel ihre voraussichtlich letzte Regierungserklärung gehalten. Und blieb dabei ihrer Bundestags-Routine treu.

Die wohl die letzte Regierungserklärung der Kanzlerin - hier in voller Länge.

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Um 10:33 Uhr ist Angela Merkel weg. Gerade haben die Kameras noch gezeigt, wie sie mit schnellem Daumen über ihr mit dem Bundesadler verziertes Handy streicht und nur ein bisschen so tut, als würde sie zuhören. Als die Regierungsbank das nächste Mal ins Bild kommt, ist der berühmte blaue Stuhl, ganz vorn, ganz rechts, plötzlich leer. Die Debatte über den Tagesordnungspunkt 8 "Regierungserklärung zum Europäischen Rat" wird zwar noch ein paar Minuten weitergehen, aber unbemerkt von den Live-Kameras ist Merkel gegangen. Das war's. 

Nach 16 Jahren hat die ewige Kanzlerin ihre letzte Regierungserklärung gehalten. Genauer: Ihre voraussichtlich letzte, denn theoretisch kann natürlich noch bis zum Wahltag ein Ereignis eintreten, das den Bundestag zu einer Sondersitzung zwingt und die Kanzlerin ans Rednerpult. Aber nichts deutet auf so etwas hin, als Merkel routiniert und gewohnt emotionslos über den bevorstehenden EU-Gipfel spricht. 

Regieren mit der Vorhersehbarkeit eines Taschenrechners

Es gehört zu den Gewohnheiten, die Merkel gebildet hat, dass sie vor jeder Tagung des Europäischen Rates eine Regierungserklärung abgab. Mit der Vorhersehbarkeit eines Taschenrechners haben Merkels zwei Dienstlimousinen an solchen Donnerstagen um kurz vor neun vor dem Nordeingang des Bundestags gehalten. So oft man gewartet hat, um der aussteigenden Kanzlerin eine Frage zu stellen: Merkel hat nie, nicht ein einziges Mal, geantwortet. Zum Schluss hat man es kaum noch versucht. 

Den Plenarsaal hat Merkel stets durch die Tür links unter dem großen Bundesadler betreten, die der Regierungsbank am nächsten liegt. Am Anfang ihrer Kanzlerschaft wurde Merkel ungern beim Gehen gefilmt, am Ende ungern mit Ministern, die in Ungnade gefallen waren. Auf wen Merkel zuging, mit wem sie sich zeigte und mit wem nicht: Das war Foto-Diplomatie und manchmal spannender als die Rede. Heute werden alle Nachrichtensendungen zeigen, wie Merkel ihren drei potentiellen Nachfolgern ein Bild schenkt. Denn nicht nur nur Armin Laschet, auch Annalena Baerbock und Olaf Scholz gibt sie die Corona-Faust. 

Bei ihrer wohl letzten Regierungserklärung im Bundestag blieb Angela Merkel gewohnt unaufgeregt.

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Kein Pathos, keine Bilanz

Obwohl es das letzte Mal sein dürfte, obwohl es an die 80 Male davor gab: In ihrer Regierungserklärung verzichtet Merkel auf alles, was nach Pathos oder nach Bilanz klingen könnte. Die Kanzlerin hält eine ihrer typischen Europa-Reden, ein bisschen verwurstelt, ein bisschen umständlich: 

Ich bin überzeugt, dass wir nur zusammen als Staatengemeinschaft erfolgreich die Herausforderungen der Pandemie wie auch der anderen großen Aufgaben meistern können.
Angela Merkel

Kein Vermächtnis, keine Pointe. Kein Drama. 

Als die Kanzlerin fertig ist, hat Alice Weidel als Vorsitzende der größten Oppositionsfraktion das Wort. Die AfD-Politikerin nutzt die Aufmerksamkeit für eine Generalabrechnung mit der Ära Merkel. Die scheidende Regierungschefin habe Fehlentscheidungen getroffen, "die dieses Land tief gespalten und ihm schweren Schaden auf Jahre und Jahrzehnte hinaus zugefügt haben", sagt Weidel. Merkel sitzt auf der Regierungsbank und versucht, möglichst unbeteiligt zu gucken. Die dunkelblaue FFP2-Maske verschafft ihr dabei einen Zusatzvorteil.

Viel Lob, etwas Tadel und dann nichts wie weg

Auf besonders scharfe Angriffe vom Rednerpult hat Merkel über die Jahre verschiedene Reaktionen erprobt, aber keine hat überzeugend funktioniert. Den Blick ins Leere hält Merkel nicht lange durch, ihre Mimik ist ehrlich. Das Gespräch mit dem Sitznachbarn wirkt unbeteiligt, aber unhöflich. Die Flucht in die hinteren Bänke des Plenums richtet die Aufmerksamkeit erst recht auf die Kanzlerin. Bleibt nur: gehen. Früher, aber nicht zu früh. Zumindest einen Redner von jeder Partei muss Merkel abwarten.

Also bleibt Merkel sitzen und hört sich so lange Lob und Tadel an, bis sie ihr Handy interessanter findet. Man wüsste gern, was sie so textet, denn es gehört zu den Besonderheiten dieser Debatte, dass alle drei potentiellen Nachfolger nacheinander das Wort ergreifen. Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz würdigen Merkels Kanzlerschaft mit erstaunlich ähnlichen, freundlichen Worten. Auch von der FDP bekommt sie heute ein eher gutes Zeugnis, von der Linkspartei ein eher schlechtes. Kurz nach halb elf ist Merkel weg. 

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