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"Merkel hat ein Problem damit, Macht abzugeben"

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Führungskrise der CDU - "Merkel hat ein Problem damit, Macht abzugeben"

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Hätte Angela Merkel mit dem Parteivorsitz auch die Kanzlerschaft niederlegen sollen? Kann sie ihre Amtszeit noch in Würde zu Ende bringen? Politologe Wolfgang Merkel im Interview.

Bundeskanzlerin Angela Merkel
Bundeskanzlerin Angela Merkel - wann tritt sie ab?
Quelle: epa

heute.de: Die CDU steckt in der Krise. Kann Angela Merkel weiter Kanzlerin bleiben, auch wenn es einen neuen Parteivorsitzenden gibt?

Wolfgang Merkel: Sie wird es zunächst bleiben, weil es keinen alternativen Kandidaten gibt. Wir haben zwar drei mögliche Nachfolgekandidaten, die gegenwärtig diskutiert werden, aber von denen hätte allenfalls Herr Merz noch eine Chance, die Statur eines Kanzlers zu haben. Aber Merz selbst hat bei den Jüngeren in der CDU keinen starken Rückhalt. Also, sie wird es zunächst wohl bleiben, aus Schwäche der anderen Kandidaten.

heute.de: Ist davon auszugehen, dass sie bis zum Ende der Legislaturperiode bleibt? Aber die Probleme, die die Trennung von Parteivorsitz und Kanzlerschaft mit sich bringen, bleiben doch auch unter dem nächsten Parteivorsitzenden?

Merkel: Ich glaube, dass es bis Ende des Jahres mindestens reichen wird, dass Angela Merkel Kanzlerin bleibt. Dann muss sicherlich eine Nachfolge eingeleitet werden.

Man wird nicht sofort einen neuen Parteivorsitzenden wählen und damit dann gleich den Kanzlerkandidaten festsetzen. Eine neue Figur muss sich in dieser Position prominent machen und darf darauf nicht verzichten. Das wird vermutlich auch die Bundeskanzlerin sehen, aber ich sehe nicht, dass wir im Sommer schon einen neuen Bundeskanzler haben.

Vor allem drei Namen werden schon seit dem Rücktritt von Angela Merkel vor 14 Monaten immer wieder gehandelt.

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heute.de: Merkel wollte immer in Würde abtreten. Hat sie den richtigen Zeitpunkt mittlerweile verpasst?

Merkel: Den hat sie längst verpasst. Sie wäre mit Würde und großer Statur zurückgetreten mit den letzten Wahlen. Das hat sie nicht gewollt, das wäre ein Abgang gewesen, und wir erleben ja seit eineinhalb Jahren so etwas wie einen schleichenden Niedergang. Sie hat auch nicht mehr den Zugriff auf die Partei, bei den Wählerinnen und Wählern ist sie nicht mehr so attraktiv. Sie rutscht zusätzlich in einen Niedergang der Volkspartei CDU hinein. Das wird man ihr später ins Geschichtsbuch schreiben.

heute.de: Sie hätte also mit der Aufgabe des Parteivorsitzes auch die Kanzlerschaft niederlegen sollen?

Merkel: Das wäre wirklich der Moment gewesen. Dann hätte sich ein Kandidat oder eine Kandidatin tatsächlich in diese Position hineinarbeiten können. Es wäre genug Zeit gewesen bis zu den nächsten Wahlen. Jetzt gerät die CDU unter Zeitdruck. Sie braucht einen neuen Vorsitzenden oder eine neue Vorsitzende, und dann wird die Frage sofort aufkommen: Kann das wieder eine gespaltene Führerschaft sein, auf der einen Seite die Kanzlerin, auf der anderen Seite ein Parteivorsitzender? Das geht nur über eine relativ kurze Zeit gut, und da müssen Pläne schon existieren, sonst beschleunigt es den Niedergang der einstigen Volkspartei CDU.

heute.de: Gibt es jetzt noch einen Zeitpunkt, an dem Angela Merkel in Würde abtreten kann?

Merkel: Na ja, die Würde wird sie wohl behalten, aber sie heftet jetzt an sich die Probleme der Partei. Die werden ihr mit zugeschrieben. Die werden ihr auch deshalb zugeschrieben, da sie nicht hundertprozentig loyal zu der neuen Parteichefin war. Das ist ziemlich offenbar geworden, auch im Zusammenhang mit der Thüringen-Krise. Das wird ihr Geschichtsbild nicht verblassen lassen, aber es geht sozusagen Schritt für Schritt etwas den Berg hinunter und mit ihr die Partei. Und das ist das, was man ihr möglicherweise nicht verzeihen wird.

heute.de: Warum hat sich Merkel gegenüber Kramp-Karrenbauer illoyal verhalten?

Merkel: So völlig entspannt war das Verhältnis vermutlich nie. Angela Merkel hat immer ein großes Problem gehabt, wenn neben ihr eine Persönlichkeit herangereift ist, die in etwa ihre Statur hätte erwerben können. Das wissen wir nicht bei Frau Kramp-Karrenbauer. Aber in dem Moment, in dem Kramp-Karrenbauer mit dieser Krise in Thüringen konfrontiert gewesen ist, hätten beide auftreten müssen und Merkel hätte sich bereden müssen und sagen, ich stehe hinter dir, nicht einen Tag später in klassischer Manier abwarten und dann publikumserheischend zu sagen: Die Wahl muss rückgängig gemacht werden. Sie hat sich dann profiliert auf Kosten einer schwächeren Führungsgestalt AKK.

heute.de: War Merkel nie loyal zu AKK?

Merkel: Das will ich nicht sagen, weiß ich auch nicht. Die großen Illoyalitäten hat man nicht gesehen, es sind eher die kleinen Spitzen, und es ist eher ihr Zurückziehen auf die Kanzlerschaft und nicht gemeinsam die Partei zu führen. Und das war sicherlich etwas weniger loyal der neuen Parteivorsitzenden gegenüber.

heute.de: Hat Merkel nicht verkraftet, dass sie den Parteivorsitz abgeben musste?

Merkel: Das geht mir zu sehr in die individuelle Psychologie. Ich will kein Psychogramm von der Kanzlerin schreiben. Aber sie hat einfach ein Problem damit, Macht abzugeben und jene Konkurrenten, die in der Lage waren, ihr die Macht etwa abzunehmen, die hat sie relativ kalt, durchaus mit machiavellistischer Führungskraft ausgeschaltet. Das ging jetzt nicht bei Kramp-Karrenbauer, wollte sie wohl auch nicht, aber sie war nicht loyal genug hinter ihr oder neben ihr gestanden. Das hat dann letztendlich auch zum Rücktritt von AKK geführt.

heute.de: Könnte Merkel durch einen sofortigen Rücktritt, unabhängig von der beginnenden EU-Ratspräsidentschaft, noch ihr Gesamtansehen retten?

Merkel: Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Es wäre eine Möglichkeit, wenn sie gleichsam auf dem Parteitag sagt, der oder die neue Vorsitzende wird in Kürze auch die neue Bundeskanzlerin oder der neue Bundeskanzler sein. Dann zeigt sie Loyalität zum neuen Vorsitzenden. Dann könnte sie zeigen, ich bin doch loyal gegenüber der Partei, ich kann loyal sein gegenüber neuen Führungsfiguren, und ich kann Macht abgeben. Damit würde sie tatsächlich so etwas wie eine persönliche, politische Souveränität ausstrahlen. Das würde ihr positiv zugerechnet werden. Bei allem, was wir über sie wissen, dürfen wir das nicht sofort erwarten.

Das Interview führte Patricia Wiedemeyer.

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