Ukraine-Krieg: IRC-Chef Miliband sieht "Welt in Aufruhr"

    Interview

    IRC-Präsident zum Ukraine-Krieg:Miliband: "Eine Welt in Aufruhr"

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    David Miliband ist Präsident des International Rescue Committee, das Millionen Menschen in Not hilft. Im ZDF-Interview warnt er vor den weltweiten Folgen des Ukraine-Kriegs.

    Ein Einwohner der Ukraine fährt Fahrrad vor einem zerstörten Gebäude in Charkiw
    Zerstörung im ukrainischen Charkiw
    Quelle: epa

    David Miliband war von 2007 bis 2010 britischer Außenminister und ist heute Präsident des International Rescue Committee (IRC). Die Organisation, einst gegründet von Albert Einstein, hilft weltweit über 30 Millionen Menschen in Not.
    Im ZDF-Interview warnt Miliband vor den weltweit katastrophalen Folgen des Ukraine-Kriegs.
    ZDFheute: Seit fast sechs Monaten herrscht Krieg in der Ukraine. Ihre Organisation hilft den Menschen vor Ort aber auch in vielen anderen Ländern, die unter den Folgen des Kriegs leiden. Welche globalen Auswirkungen hat dieser Krieg?
    David Miliband: Der Krieg ist offensichtlich ein Beispiel für eine Welt in Aufruhr. Er hat eine Krise der Ernährungssicherheit beschleunigt. Vor drei Jahren standen 135 Millionen Menschen am Rande einer Hungersnot. Heute sind es 350 Millionen. Für die Menschen, die in fragilen Staaten auf der ganzen Welt am Abgrund stehen, ist dies also eine tödliche Bedrohung.
    Außerdem wurde die Welt durch die Ukraine-Krise weiter geopolitisch gespalten. 60 Länder haben sich geweigert, die Resolution der Vereinten Nationen zu unterstützen, in der die Invasion der Ukraine verurteilt wird. Das ist ein Hinweis auf die reale Angst dieser Länder, dass sie es sich nicht leisten können, Partei zu ergreifen.

    David Miliband
    Quelle: ZDF

    ... ist Präsident und CEO des International Rescue Committees. Er verantwortet die humanitären Hilfsmaßnahmen der Organisation in mehr als 40 vom Krieg betroffenen Ländern und die globale Arbeit im Bereich Resettlement, Asyl und Integration. Von 2007 bis 2010 war er britischer Außenminister für die Labour Party.

    Milibands Eltern flohen während des Zweiten Weltkriegs von Kontinentaleuropa nach Großbritannien. Als Sohn von Geflüchteten bringt David Miliband sein persönliches Engagement in die Arbeit von IRC ein. Der 57-Jährige lebt mit seiner Frau, der Geigerin Louise Shackelton, und den beiden Söhnen in New York City.

    ZDFheute: Sie sprechen von einer Welt in Aufruhr. Muss sich Europa somit auch auf neue, starke Fluchtbewegungen vorbereiten?
    Miliband: Europa weiß, dass es einen großen Drang von Menschen in verzweifelter Not gibt. Einen Drang, nicht nur um ihr Leben zu fliehen, sondern auch der Drang, ein besseres Leben zu finden. Seit 2015 ist die Gesamtzahl der Menschen, die aufgrund von Konflikten auf der Flucht sind, auf 100 Millionen gestiegen. Menschen zu helfen, die sich in Lebensgefahr befinden, ist eine moralische Verpflichtung. Und Europa muss bewusst sein, dass aus politischer Instabilität und einer Welt in Aufruhr starke Fluchtbewegungen resultieren.
    Klimawandel, Krieg in der Ukraine: Weltweit drohen schlimme Hungersnöte und neue Flüchtlingsströme. Das World Food Programm der Vereinten Nationen stößt an seine Grenzen.27.06.2022 | 1:53 min
    ZDFheute: Ihre Organisation hilft auch den Menschen in der Ukraine. Die Regierung dort hat früh die Befürchtung geäußert, dass der Krieg bei vielen Partnern aus dem Fokus geraten wird, wenn zu Hause steigende Preise, Energieknappheit und die Angst vor einem harten Winter einsetzen. Hat sie Recht mit dieser Furcht?
    Miliband: Es wird für viele ein sehr harter Winter – in Energiefragen aber auch mit Blick auf die Inflation und die Gefahr einer Rezession. Aber die Invasion in der Ukraine ist etwas, dass die Seele Europas in einer sehr ernsten Weise berührt.
    Wir sollten zuversichtlich sein, dass die Europäer diesen Winter gut überstehen werden. Aber wir sollten uns auch darüber im Klaren sein, dass dieser Winter nicht das Ende des Problems sein wird. Wir müssen nicht über mehrere Monate, sondern über mehrere Jahre hinweg denken.
    Wie wappnet sich Europa? Wie findet es ein neues Gleichgewicht in der Sicherheitspolitik und auch in der Wirtschafts- und Energiepolitik?
    Mario Draghi (l), Ministerpräsident von Italien, und Emmanuel Macron (3.v.l), Präsident von Frankreich, begutachten die Trümmer während ihres Besuchs in Irpin im Großraum Kiew.
    Staatschefs in der Ukraine: Der Krieg hat Folgen für Europa und die ganze Welt.
    Quelle: dpa

    ZDFheute: Bundeskanzler Scholz hat in seiner Zeitenwende-Rede versprochen, dass Deutschland in außen- und sicherheitspolitischen Fragen engagierter auftreten wird. Der SPD-Parteivorsitzende Lars Klingbeil sagt, Deutschland müsse eine "Führungsmacht" werden. Wurden diese Versprechen eingelöst?
    Miliband: Soweit ich weiß, hat Bundeskanzler Scholz selbst gesagt, dass Deutschland noch einen weiten Weg vor sich hat, um den Anforderungen der Moderne umfassend gerecht zu werden. Aber Deutschland zeigt Entschlossenheit. In der westlichen Welt begrüßen das viele. Nicht nur weil sie denken, Deutschland sei reich und sollte mehr tun.
    Dieses Bekenntnis Deutschlands zu einer multilateralen Welt, in der man mit Partnern gleichberechtigt handelt und auf andere Interessen Rücksicht nimmt, zeichnet Deutschland aus und ist auch ein wichtiges Signal für den Rest der Welt.
    ZDFheute: Trotzdem wird Deutschland international oft Zögerlichkeit bis hin zur Verzagtheit vorgeworfen, gerade wenn es um Sicherheitspolitik und militärisches Engagement geht. Muss Deutschland da mehr tun?
    Miliband: Der ehemalige polnische Außen- und Verteidigungsminister Radosław Sikorski hielt vor fünf oder sechs Jahren eine provokante Rede, in der er sagte, früher habe man ein überstarkes Deutschland gefürchtet, jetzt fürchte man ein zögerliches Deutschland. Ich denke, dass jeder versteht, dass die widersprüchliche Haltung Deutschlands eine Folge der eigenen Geschichte ist.



    Gleichwohl hat Deutschland die Möglichkeit, ein verantwortlicher und wichtiger Akteur im internationalen System zu sein, der Stärke zeigen kann, weil er auch Demut und die Bereitschaft zum Lernen gezeigt hat. Meine Organisation, das International Rescue Committee, wurde auf Initiative von Albert Einstein gegründet, der Deutschland wegen des Aufstiegs der Nazis und seiner Angst vor dem, was damit verbunden war, verlassen hat. Heute kann Deutschland die Werte verteidigen, die sich Albert Einstein für sein Geburtsland gewünscht hätte.
    Das Interview führten Rebecca Bück und Bernd Benthin. 
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    Ukrainische Soldaten üben an einem Panzer während einer militärischen Ausbildung, aufgenommen am 06.12.2023
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