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Lage in der Ukraine : Kiews Erfolge und Moskaus Prioritäten

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In Charkiw und Cherson gewinnt die Ukraine die Oberhand, Russland setzt seine Donbass-Offensive fort - trotz zäher Mobilisierung. Und was hat es mit dem "Atomzug" auf sich?

Zerstörte russische Panzer am 02.10.2022 in Charkiw
Die Ukraine demonstriert in den Gebieten Cherson und Charkiw ihre militärische Leistungsfähigkeit.
Quelle: picture alliance / AA

Neben der laufenden Gegenoffensive in der Region Charkiw konnte die Ukraine auch ihren Vorstoß zur Befreiung der Region Cherson verstärken. Derzeit laufen die beiden Gegenoffensiven parallel, was die Fähigkeit der Ukraine verdeutlicht, zwei Operationen gleichzeitig zu planen und auszuführen.

Ukrainische Offensiven zeigen militärische Leistungsfähigkeit

Die Ukraine hat sowohl in der Region Cherson als auch in der Region Charkiw eindeutig die Initiative übernommen. In Cherson, wo die ukrainischen Streitkräfte entlang des Dnipro auf Beryslaw vorrücken und Dawidjew Bryd eingenommen haben, steht Russland kurz davor, den gesamten nordwestlichen Teil der Region zu verlieren. Selbst kremlnahe russische Militärblogger geben zu, dass die Frontlinie in Cherson zusammenbricht.

Kiew meldet russische Angriffe, zugleich aber neue Rückeroberungen in Regionen, die Moskau für annektiert erklärt.

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In der Region Charkiw gelang es den ukrainischen Streitkräften, Lyman, einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt, sowie Jampil einzunehmen. Zudem rücken ukrainische Truppen in Richtung Kreminna vor, sodass sie bald wichtige russische Verbindungswege durchtrennen könnten.

Weiter nördlich gelang es den ukrainischen Truppen, ihren Brückenkopf am Fluss Oskil bei Kupjansk zu erweitern und weiter nach Osten vorzurücken. Dieser Durchbruch macht es für Russland unmöglich, den Oskil-Fluss als Verteidigungslinie zu etablieren. Inzwischen ist fast die gesamte Region Charkiw von der russischen Besatzung befreit.

Russische Annexion wird de facto rückabgewickelt

Einige der befreiten Gebiete liegen in den Regionen Donezk und Luhansk. Die Tatsache, dass die Ukraine diese Gebiete zurückerobern konnte, schwächt die russischen Besitzansprüche auf diese Regionen.

Während die russische Duma in Moskau am 4. Oktober die Annexion der Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson ratifiziert hat, hat Russland vor Ort gerade bedeutende Teile von zwei der vier annektierten Regionen verloren.

Präsident Putin hat Ende September die Annexion von Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson verkündet.

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Ukraine findet und nutzt gezielt russische Schwächen

Einer der Gründe für den Erfolg der ukrainischen Gegenoffensiven ist, dass die ukrainischen Truppen viel schneller vorrücken, als die von Russland kürzlich angekündigte Teilmobilisierung eine nennenswerte Kampfkraft vor Ort erzeugen könnte. Mit anderen Worten: Die Ukraine nutzt aktiv die seit langem bestehenden Schwächen der dezimierten, erschöpften russischen Truppen aus, noch bevor frische Kräfte aus Russland eintreffen können.

Wie ist die Situation in Kiew und wie geht der Kreml mit den militärischen Niederlagen um? ZDF-Korrespondentinnen Katrin Eigendorf und Phoebe Gaa geben vor Ort eine Einschätzung.

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Gegenwärtig ist es unmöglich, aus offenen Quellen zu erfahren, wie viele Reserven Kiew noch hat und wie lange die Gegenoffensive fortgesetzt werden kann; aber die Fähigkeit, zwei Gegenoffensiven parallel durchzuführen, kann durchaus als Indikator für das Vorhandensein beträchtlicher Reserven, sowohl in Bezug auf Personal als auch auf Ausrüstung, gedeutet werden.

Russland gelingt es nicht, neue Verteidigungslinien zu errichten

Die russische Armee ist bisher offenbar nicht einmal in der Lage, ihre Frontlinien zu stabilisieren, geschweige denn eine neue Offensive zu starten. Daher ist es unwahrscheinlich, dass Russland kurzfristig, d.h. in den nächsten Wochen, die Initiative auf dem Schlachtfeld zurückgewinnen kann.

In den nächsten ein bis zwei Wochen werden sich die militärischen Anstrengungen Russlands wahrscheinlich darauf konzentrieren, die Gegenoffensive der Ukraine zu stoppen und eine stabile Frontlinie zu schaffen, die die russischen Truppen sowohl in der Region Cherson als auch in der Region Charkiw halten können.

Russland setzt Donbass-Offensive fort

Es ist etwas überraschend, dass die russische Armee trotz der schwächelnden Verteidigung in Cherson und Charkiw ihre Offensive im Donbass fortsetzt und versucht, die Stadt Bakhmut und eine Reihe anderer Siedlungen einzunehmen. In der letzten Woche konnten sie jedoch trotz der Anwesenheit der gut ausgebildeten Söldner der Wagner-Gruppe nur geringe Fortschritte erzielen.

Die Tatsache, dass Moskau diese Donbass-Offensive fortsetzt, anstatt seine Kräfte von hier aus an die verwundbareren anderen Frontlinien zu verlagern, zeigt, welch hohe Priorität der Kreml der Einnahme des Donbass einräumt.

Während Putin die offizielle Annexion der vier besetzten ukrainischen Gebiete wie einen Sieg feiert, meldet die Ukraine einen militärischen Vormarsch im Donbass.

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Nuklearer Geisterzug – eine Informationsoperation?

Unterdessen tauchte am 2. Oktober auf einem kremlfreundlichen Telegrammkanal (Rybar) ein Video auf, in dem es um einen Zug geht, der zu den strategischen Nuklearstreitkräften Russlands gehört. Dem Posting zufolge bewegte sich der Zug in Richtung Ukraine. Es überrascht nicht, dass die Information schnell in den Medien weltweit verbreitet wurde, da das Posting implizit andeutete, dass Russland einen Atomschlag gegen die Ukraine vorbereiten könnte.

Es ist jedoch anzumerken, dass ein einziger Beitrag auf einem kremlfreundlichen Medienkanal aus mehreren Gründen kein ausreichender Beweis für eine tatsächliche Vorbereitung eines Angriffs ist. Erstens ist es unwahrscheinlich, dass Russland, wenn es einen Atomschlag vorbereiten würde, solche Informationen durchsickern lassen würde.

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Zweitens sind bisher weder die Zugehörigkeit des Zuges noch seine angebliche Richtung bestätigt worden. Drittens deutet allein die Tatsache, dass der Zug tagsüber und auf einer überfüllten Strecke fuhr, darauf hin, dass Moskau wollte, dass der Westen ihn sieht. Insgesamt sieht dies eher nach einer Operation zur "informationellen Abschreckung" aus.

Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass Moskau in keinem Fall Atomwaffen einsetzen würde. Ein solches Szenario kann nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden. Der Vorfall um den "Atomzug" sollte jedoch nicht als Hinweis auf die tatsächliche Vorbereitung eines Nuklearschlags verstanden werden, sondern eher als Versuch einer Abschreckungskampagne.

Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

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