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Interview

Erfolge der "Neuen Rechten" - Was eine Studie zu Deutschlands Mitte verrät

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Rückläufige rechtsextreme Einstellungen, aber weniger klare Ablehnung von Antisemitismus. Die "Mitte-Studie" macht Mut und Sorge. Mitautorin Beate Küpper im ZDFheute-Interview.

Teilnehmer einer Demonstration in Merseburg protestieren mit einem Banner mit der Aufschrift "Hirn statt Hetze - Nazis, Nein Danke!".
Gute Nachrichten: Fremdenfeindliche Einstellungen finden laut der Studie immer weniger Platz in der Gesellschaft. (Symbolbild)
Quelle: dpa

ZDFheute: Die aktuelle "Mitte-Studie" trägt den Titel "Die geforderte Mitte". Welchen Herausforderungen muss sich die Gesellschaft derzeit stellen?

Beate Küpper:

Wir erleben einen gestiegenen Anspruch an Diversität und Gleichwertigkeit.
Beate Küpper

Das schließt an die Debatte um Identitätspolitik und Partizipation an, die im Moment im Fokus ist. Damit verbunden ist eine neue Konfliktlinie in der Gesellschaft. Es gibt diejenigen, die weiter auf diesem Weg voranschreiten wollen und diejenigen, die beharren wollen, weil sie ihre Selbstverständlichkeiten schwinden sehen. Die Antwort: Aggressiver Populismus und schwelende Ressentiments im Alltag, aber auch offener Hass.

ZDFheute: Welcher Befund hat Sie im Vergleich zur vorangegangenen Studie 2019 ("Die verlorene Mitte") am meisten überrascht?

Küpper: Positiv überrascht hat mich, dass neben den offen artikulierten harten rechtsextremistischen Einstellungen auch verschwörungsmythische Einstellungen - wie der Klimawandel sei nicht menschengemacht - deutlich zurückgegangen sind. Das gilt ganz besonders auch für die Fremdenfeindlichkeit.

Der Rassismus ist ebenfalls rückläufig.
Beate Küpper

Erschreckend ist dagegen, dass zugleich der Sozialdarwinismus mit Aussagen wie "Es gibt wertvolles und unwertes Leben" weiterhin kontinuierlich zunimmt. Leider auch der Antisemitismus: Hier weicht die klare Ablehnung deutlich auf.

ZDFheute: Rechtsextreme und rechtspopulistische Einstellungen sind rückläufig. Wie passt das mit dem Anstieg von rechtsextremen Gewalttaten zusammen, wie jüngst im Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz festgestellt?

Küpper: Tatsächlich sehen 70 Prozent der Befragten den Rechtsextremismus als größte Bedrohung an. Das steht aber nur scheinbar in krassem Widerspruch zum Anstieg von offenen und gewalttätigen rechtsextremen Ausbrüchen. Denn es zeigen sich zunehmend "Schlierspuren" demokratiegefährdender Einstellungen bis weit in die Mitte hinein.

Wir beobachten eine erneut zunehmende Zahl von Befragten, die selbst bei hart formulierten rechtsextremen Aussagen mit "teils/teils" antworten.

Dieser Graubereich zwischen klarer Zustimmung und klarer Ablehnung zeigt die Erfolge der Neuen Rechten in den vergangenen Jahren.
Beate Küpper

ZDFheute: Nur 45 Prozent der Befragten sehen in ihrem eigenen Umfeld die Möglichkeit, sich politisch zu beteiligen, so das Studienergebnis. Was sagt das über das Vertrauen in unsere Demokratie aus?

Küpper: Das Positive vorweg: Das Vertrauen in demokratische Institutionen ist hoch und in den letzten zwei Jahren sogar etwas gestiegen. 86 Prozent der Befragten vertrauen auch auf die korrekte Durchführung der Wahlen. Die eigenen Beteiligungs- und Einflussmöglichkeiten werden aber eben leider nicht so positiv bewertet.

Das Problem ist: Wer sich politisch machtlos fühlt, neigt eher zu demokratiegefährden Einstellungen. Das schon angesprochene Aufweichen einer eindeutig demokratischen Grundhaltung bei einem nicht ganz kleinen Teil der Bevölkerung geht Hand in Hand mit einer Grundoffenheit für Populismus und sogar Rechtsextremismus bis hin zur Billigung von Gewalt im politischen Raum.

AfD-Parteichef Jörg Meuthen distanziert sich vom rechtsextremen Flügel. Er gebe nicht das bürgerliche Feigenblatt für Positionen, die er ablehne.

Beitragslänge:
4 min
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ZDFheute: Zusammenfassend: Macht die Studie Mut oder gibt sie Anlass zur Sorge, was die gesellschaftliche Entwicklung hierzulande betrifft?

Küpper: Sie macht Mut, weil die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen ermüdet sind von der Dauerbefeuerung durch Populismus und Verschwörungserzählungen mit immer neuen Empörungswellen.

Anlass zur Sorge gibt dagegen das Aufweichen klarer Ablehnungen von harten rechtsextremen, antisemitischen und rassistischen Einstellungen.
Beate Küpper

Das Interview führte Michael Kniess.

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