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Mobilisierung für Ukraine-Krieg : Kolonialmacht Moskau schröpft ihre Provinzen

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Russlands Militär rekrutiert massiv ethnische Minderheiten in entlegenen Provinzen. Die Folgen: Noch mehr Armut und Benachteiligung. Könnten Regionen gegen Moskau rebellieren?

Eine Gruppe von russischen Reservisten steht bei ihrer Einberufung vor einem Mann in Uniform.
Russland braucht dringend neue Soldaten: Einberufene Reservisten in der Stadt Wolschski im südrussischen Oblast Wolgograd.
Quelle: Reuters

Die Kriegslast des Überfalls auf die Ukraine ist in Russland ungleich verteilt. Es sind abgelegene, wirtschaftlich und politisch benachteiligten Regionen und ethnische Minderheiten, die einen überproportionalen Teil der Soldaten stellen. Die anlaufende Teilmobilisierung verstärkt diesen Effekt. Experten sehen darin eine lange Tradition von Kolonisierung des russischen Hinterlands durch Moskau.

Wie viele Menschen sind von der Mobilisierung betroffen?

Diese grundlegende Frage kann bislang nicht klar beantwortet werden. Das offizielle, von Präsident Wladimir Putin unterzeichnete Dekret enthält keine konkrete Zahl; Teile des Dekrets sind unter Verschluss. So kursieren aktuell Größen zwischen 300.000 und einer Million zusätzlich zu mobilisierende Reservisten und Vertragssoldaten.

Immer mehr wehrpflichtige Russen fliehen nach der angekündigten Teilmobilisierung in die Nachbarländer. Kasachstan meldet rund 98 000 Einreisen aus Russland.

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Der Charakter der Mobilisierung unterscheidet sich je nach Region. Die armen und abgelegenen Teilrepubliken sind am härtesten betroffen, etwa Burjatien an der Grenze zur Mongolei. Der "Guardian" berichtete von einer Dorfvorsteherin, die mehr als 20 Einberufungen unter 450 Einwohnern zu verteilen hatte. In der Hauptstadt Ulan-Ude sollen Studierende direkt aus dem Hörsaal der Universität abgeführt worden sein. Das genaue Ausmaß lässt sich aber nur schätzen.

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Der vor der Mobilisierung nach Usbekistan geflohene Lokalpolitiker Andrej Moisejkin sagte dem ZDF:

Die Burjaten werden in der breiten Masse der russischen Bevölkerung als Einwohner von Zentralasien wahrgenommen. Man vermietet ihnen auch zum Beispiel keine Wohnungen in Moskau, deswegen ist die Reaktion der russischen Gesellschaft darauf, dass von dort so viele eingezogen werden, auch nicht so negativ.
Andrej Moisejkin, russischer Lokalpolitiker

Wie weit eskaliert der Krieg?

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Warum sind ethnische Minderheiten besonders betroffen?

Die Russische Föderation ist in verschiedene Verwaltungstypen gegliedert - mit unterschiedlichen Graden an Autonomie von Moskau. Rund 20 Prozent der Bevölkerung Russlands gehören offiziell einer der mehr als 190 im Zensus erfassten ethnischen Minderheiten an.

Die 21 Republiken mit hohem Anteil an Minderheiten genießen offiziell die größte Unabhängigkeit. Doch deren lokale Machthaber wie Ramsan Kadyrow in Tschetschenien, Sergej Melikow in Dagestan oder Alexei Zydenow in Burjatien wurden sorgfältig ausgewählt und stehen in diesem Krieg bislang eng an der Seite des Kremls.

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"Russland ist seit dem Jahr 2000 in einem immer stärkeren Maße zu einem Zentralstaat geworden, der politisch und ökonomisch auf die Metropole Moskau ausgerichtet ist", erklärt Jan Kusber, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Mainz. Die "Oligarchisierung" der russischen Volkswirtschaft sei ganz auf Putin ausgerichtet. Das habe dazu geführt, "dass sich die autonomen Regionen und Oblasti im politischen Würgegriff Moskaus befinden", so Kusber.

Faktisch ist das postsowjetische Russland noch immer eine imperiale Formation. Die Tradition des russisch dominierten Staates, nicht russische Menschen und Territorien mit kolonialen Strategien zu dominieren, hat eine Kontinuität, die vom Zarenreich über die UdSSR bis in die Gegenwart reicht. Es handelt sich um einen fortgesetzten Kolonialismus.
Professor Jan Kusber, Universität Mainz

Entgegen allen Bekenntnissen seien die Indigenen in diesen Gebieten marginalisiert. "Dieses Abgehängt- und Abhängig-sein erklärt, warum in den ersten Kriegsmonaten vor allem aus diesen Regionen Truppen in den Krieg gegen die Ukraine geschickt wurden", sagt Kusber. Das sei schon sowjetische Politik während des Afghanistan-Kriegs 1979 und 1989 gewesen.

Russlands Reservisten seien schlecht ausgebildet, hätten aber Einfluss, meint Sicherheitsexpertin Franke. Die Ukraine müsse sich jetzt in eine gute Position für den Winter bringen.

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Krieg verschärft demografische Probleme

Der russisch-amerikanische Ökonom Oleg Itskhoki von der Universität von Kalifornien verweist gegenüber ZDFheute auf die demografischen Folgen des Kriegs. Russland verfüge nur über 7,3 Millionen Männer in der kritischen Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren.

Durch diese Einberufungen könnte Russland mehr als 10 Prozent seiner Männer in der Altersgruppe 20 bis 29 verlieren. Es droht eine demografische Katastrophe.
Oleg Itskhoki, Universität von Kalifornien

Über 250.000 Männer aus dieser Altersgruppe hätten das Land bereits verlassen, nahezu 100.000 seien mobilisiert. Itskhoki rechnet in besonders betroffenen Regionen auch mit einer Zunahme von psychischen Erkrankungen und Kriminalität. "Der Verlust der wirtschaftlich produktivsten Kohorte und die Rückkehr traumatisierter Soldaten ohne psychologische Hilfe wird soziales und wirtschaftliches Chaos auf Jahre hinaus bedeuten", betont Itskhoki.

Schon während der vergangenen Kriegsmonate habe es eine intensive Rekrutierung unter ethnischen Minderheiten gegeben - teils illegal und mit Vertragsunterzeichnungen unter Druck. "Jetzt wurde dieses Vorgehen institutionalisiert und wir sehen, dass Moskau, Sankt Petersburg und andere Städte ein niedrigeres Aufkommen haben als ländliche Regionen und insbesondere als die Regionen der Minderheiten", sagt Itskhoki.

Das ist natürlich eine bewusste Entscheidung, um die Mobilisierung weg von den Bevölkerungszentren zu lenken, wo man Proteste schwerer unterdrücken kann.
Oleg Itskhoki, Universität von Kalifornien

Nach der Teilmobilmachung in Russland diskutieren Politiker in Deutschland über die Aufnahme von Kriegsdienstverweigerern, Deserteuren und Dissidenten.

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Kann daraus politischer Widerstand entstehen?

Bislang konnte Moskau separatistischer Bewegungen politisch oder militärisch unterbinden - etwa durch zwei blutige Tschetschenienkriege in den 1990er und 2000er Jahren. Kusber hält es dennoch für möglich, dass die Loyalität der Republiken über der aktuellen Mobilisierung brechen könnte - aus individueller Betroffenheit, nicht weil man generell gegen den Krieg sei, so der Historiker Kusber. "Allerdings verfügt das Regime um die Machtmittel, um Widerstand zu zerschlagen."

Es fehlt dieser Opposition an übergreifenden Organisationsstrukturen. Organisationen wie die Soldatenmütter, die nach Afghanistan und den Tschetschenienkriegen von Einfluss waren, sind heute als 'terroristische Organisationen und ausländische Agenten' gebrandmarkt.
Professor Jan Kusber, Universität Mainz

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Insbesondere in Dagestan kommen Proteste gegen die Mobilmachung seit Tagen nicht zur Ruhe - vor allem von Frauen. Auch aus anderen Regionen kursieren Videos von Demonstrationen und Festnahmen. "Meine - leider schwache - Hoffnung wäre, dass sich der Widerstand an Rekrutierungspunkten zum Flächenbrand auswächst und sich darüber neue Organisationsstrukturen der Opposition ergeben", so Kusber.

Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

Der ukrainische Präsident Selenskyj hofft auf EU-Hilfe bei der Wiederherstellung des Energienetzes.
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In Cherson un der Umgebung lebten die Menschen acht Monate unter russischer Besatzung. Zurückgeblieben sind kaputte Dörfer und traumatisierte Menschen.

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