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Nach dem Brand auf Lesbos - "Zum ersten Mal keine Sorgen um die Kinder"

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Heute ist der letzte Flieger mit Geflüchteten, die die Bundesregierung nach dem Brand in Moria ausfliegen wollte, gelandet. Wir haben eine Familie begleitet, die es geschafft hat.

Nach dem Brand in Moria hat Deutschland versprochen, 1.553 Geflüchtete aufzunehmen. Darunter Familie Jafari aus Afghanistan.

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Es ist eine kurze WhatsApp-Nachricht, die mich Ende Februar beim Frühstück überrascht. Sechs Worte nur, aber ich weiß, wie viel sie für Gholam Jafari und seine Familie bedeuten. "Frau Julia, wir sind in Deutschland", schreibt der 40-jährige Familienvater.

Ich muss die Nachricht mehrfach lesen, um sie glauben zu können. Zu deutlich habe ich sein verzweifeltes Gesicht noch vor Augen, als wir uns kurz nach dem Brand auf Lesbos kennengelernt haben. Die vielen hoffnungslosen Nachrichten, die er mir seither geschickt hat. Und die immer gleiche Frage darin: Wie kommen wir auf die deutsche Liste?

Julia Theres Held reist nach Moria – und verbringt 36 Stunden mit zwei Familien im Lager: Die eine Familie muss bleiben – die andere darf gehen. Hoffnung und Verzweiflung zugleich.

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Bundesregierung wollte 400 Familien helfen

Ich habe die afghanische Familie vor sieben Monaten bei einem Dreh für das Auslandsjournal getroffen. Das deutsche Versprechen, 1.553 Geflüchtete von den griechischen Inseln aufzunehmen, ist da gerade ein paar Tage alt.

Man wolle auf die unmittelbare Not reagieren, erklärt die Bundesregierung damals ihren Alleingang. Rund 400 Familien sollten es sein - besonders Schutzbedürftige, die in Griechenland bereits ein Asylverfahren durchlaufen hätten. Die Kritik von allen Seiten ist trotzdem groß.

Heftige Debatte nach der Entscheidung

Beschämend niedrig sei die Zahl, heißt es von Grünen und der Linkspartei. Aus der FDP dagegen kommt die Forderung nach einem gemeinsamen europäischen Vorgehen. Und die AfD mutmaßt, das deutsche Hilfsversprechen würde zu Nachfolgetaten animieren.

Besonders laut ist die Kritik aus Griechenland selbst. "Diese Aktion führt zu Hoffnungen, die wir nicht erfüllen können und zu neuen Fluchtwellen", erklärt mir Spiros Hagabimana vom griechischen Ministerium für Migration und Asyl.

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist in der Nacht in Flammen aufgegangen. Mehr als 12.000 Asylsuchende sind auf der Flucht, in Moria war vor kurzem Corona ausgebrochen.

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Attest: Entzündungen wegen Leben im Camp

Was er meint, wird mir bei unseren Dreharbeiten klar. Als sich rumspricht, dass wir aus Deutschland kommen, werden wir umringt von jungen Männern, die uns ihre Papiere entgegenstrecken. Von verzweifelten Müttern und Vätern, die wissen wollen, wie sie ihre Familien so schnell wie möglich von hier weg bringen können.

Auch Gholam und Fatemah Jafari kommen dazu. Zeigen uns Ausweise, Briefe, medizinische Befunde. Und ein Attest ihres zwölfjährigen Sohnes Mohamed, das bestätigt, dass die Entzündungen an seinen Beinen von den mangelhaften hygienischen Zuständen hier im Camp kommen.

Monatelanges Hoffen

Die Familie nimmt uns mit in ihr Zelt. Ein paar Quadratmeter für vier Personen. Kein Strom, kein fließend Wasser, keine Privatsphäre. Nur ein paar Plastiktüten mit Medikamenten und den Kleiderspenden, die sie nach dem Brand bekommen haben.

Über ein halbes Jahr noch werden sie ausharren müssen. Den Regen ertragen, der ihr Zelt immer wieder überflutet. Die Spannungen im Camp, die Gewalt. Die Kinder, erzählen sie mir, hätten sich nicht einmal alleine auf die Toilette getraut.

Katastrophale Lage in Kara Tepe - Kinder auf Lesbos verlieren ihre Hoffnung 

Wenn Kinder aufhören zu spielen, haben sie aufgegeben, berichtet die Kinderpsychologin Glatz-Brubakk auf Lesbos. Sie schlagen, sie beißen und manche versuchen, sich umzubringen.

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von Jenifer Girke

Familie in Hamburg im Container-Camp angekommen

Das Ausfliegen der Familien dauere deutlich länger als geplant, muss auch das Bundesinnenministerium zugeben. Gerade mal 291 Menschen sind bis Januar in Deutschland angekommen. Die Corona-Krise und Abstimmungsschwierigkeiten mit den griechischen Behörden werden als Gründe genannt.

Als ich die Familie vor zwei Wochen endlich in ihrer neuen Unterkunft in Hamburg besuchen kann, ist das Strahlen auf ihren Gesichtern trotz Masken nicht zu übersehen.

Wie hingewürfelt ins Nirgendwo wirkt das Container-Camp. Eine Apfel-Plantage zur einen Seite, Industriekräne und Hafen zur anderen. Corona-Regeln hängen auf Türkisch, Arabisch und Russisch an den Alu-Wänden. "Wir sind seit Jahren auf der Flucht", erzählt mir Fatemah Jafari, während sie uns Tee einschenkt.

Jetzt muss ich mir zum ersten Mal, seit die Kinder auf der Welt sind, keine Sorgen mehr um sie machen.
Fatemah Jafari, Geflüchtete

Die letzten Monate auf Lesbos seien ein Albtraum gewesen. Das Lager hätten sie nur für kurze Zeit und mit Genehmigung verlassen dürfen.

139 Migranten aus Flüchtlingslagern in Moria sind in Hannover gelandet. Unter ihnen sind auch Minderjährige ohne Begleitung. Die Migranten werden ein Asylverfahren durchlaufen.

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Pro Asyl: Es braucht dringend Nachfolgeprogramme

Immer wieder hätten sie mitbekommen, dass Familien ausreisen durften. "Wir haben uns mit jedem gefreut, der gehen durfte", sagt Gholam Jafari. "Aber es war nicht immer einfach."

Auch Günther Burkhart weiß, die deutsche Aktion hat auf den Inseln für zusätzliche Verunsicherung gesorgt. Für viel Hoffnung und große Enttäuschungen. Trotzdem sei es eine gute Initiative gewesen, so der Vorsitzende von Pro Asyl, für die es jetzt dringend Nachfolgeprogramme brauche.

Die Jafaris wissen nicht, warum sie es am Ende doch noch auf die deutsche Liste geschafft haben. Sie wissen nur, sie haben Glück gehabt. Und dass es dauern wird, bis sie wirklich hier angekommen sind.   

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