Sie sind hier:

Illegal hergestellte Munition - Wie Aktivisten deutsches Waffenrecht umgehen

Datum:

Waffenfans verbreiten online Anleitungen, wie man ohne staatliche Kontrolle Munition für Schusswaffen daheim herstellen kann. Was sie ausnutzen: Bauteile sind frei erhältlich.

Auszüge aus einer Anleitung zur Herstellung scharfer Munition
Ein Foto aus dem Internetforum: So stellen Aktivisten in Deutschland unerlaubt Munition her.
Quelle: Forum Deterrence Dispensed

Schusswaffen und Munition von Personen fern zu halten, die damit Unheil anrichten könnten, ist ein Ziel des deutschen Waffenrechts. Das wird jedoch untergraben von Gesetzeslücken und Waffenaktivisten, die sie gezielt ausnutzen. Eine ZDFheute-Recherche zeigt, wie leicht selbst Jugendliche oder verurteilte Extremisten - vorbei an staatlicher Kontrolle - unbegrenzt scharfe Munition anhäufen könnten.

Testkäufe ohne Probleme oder Kontrollen

Alle benötigten Bauteile für die Herstellung von Munition können im Internet bestellt werden. Nicht im Darknet, sondern bei ganz normalen deutschen und europäischen Versandhändlern. ZDFheute hat Testkäufe getätigt: In keinem Fall wurde ein Altersnachweis oder eine Besitzerlaubnis für Munition verlangt. Zusammengesetzt haben wir die Einzelteile nicht, das wäre illegal. Mit den bestellten Materialien könnten wir rund 75 Schuss 9-Millimeter-Munition herstellen. Kostenpunkt: 78 Euro.

Auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden sind wir in einem Internetforum von Waffenaktivisten. Auf "Deterrence Dispensed" haben es sich die mehr als 26.000 Mitglieder aus verschiedenen Ländern zum Ziel gemacht, Waffen und Munition für jeden auch ohne technische Vorkenntnisse zugänglich zu machen. Sie sehen darin ein Menschenrecht.

Anleitungen im Internet

Die Rechtslage in Deutschland: Hier darf sie nur kaufen, wer über eine Erlaubnis in Form eines Munitionserwerbsscheins verfügt. Ein Administrator von "Deterrence Dispensed" hat darum detaillierte Anleitungen verfasst, wie man diese Beschränkung "in stark regulierten Gebieten" umgehen kann.

Im Andenken an jene, die entwaffnet und hoffnungslos gestorben sind.
Aus der Widmung der Bauanleitung

Die Anleitungen erklären, wo und wie man alle Einzelteile für den Bau von Munition legal bestellen kann. In verschiedenen Sprachen, darunter Deutsch, steht dort, unter welchen Suchbegriffen man Hülsen, Geschosskugeln, Zündhütchen und Treibladungen bekommt.

Auszüge aus einer Anleitung zur Herstellung scharfer Munition
Auszüge aus einer Anleitung zur Herstellung scharfer Munition (Unkenntlichmachung ZDFheute)
Quelle: Forum Deterrence Dispensed

Schritt für Schritt mit Fotos und Videos erklärt der Autor, wie man daraus einsatzbereite Munition produziert. Dieser letzte Schritt ist ohne staatliche Genehmigung illegal, kann von Behörden aber kaum überwacht werden.

Die mächtige Waffenlobby-Organisation NRA. Archivbild

Nach Klage in New York - US-Waffenlobby NRA meldet Insolvenz an 

Sie gilt als eine der treusten Trump-Unterstützerin: Die mächtige NRA. Jetzt hat die US-Waffenlobby-Organisation Insolvenz angemeldet und verlegt ihren Sitz nach Texas.

Kartuschen für Bolzenschießgeräte als Gesetzeslücke

Der Kauf von Treibladungen ist durch das Sprengstoffgesetz reguliert und nur geschultem Personal gestattet. Der Umweg aus dem Forum: Kartuschen für Bolzenschussgeräte. Darin ist Schießpulver enthalten, das lediglich in die Munition für Schusswaffen umgefüllt werden müsse.

Beliebt sind die Kartuschen des Werkzeugherstellers Hilti. "Hiltis werden seit Jahren genutzt, um Munition herzustellen", sagt die Anleitung. Die Kartuschen kann man in Deutschland ohne Kontrollen in vielen Onlineshops bestellen. Ein Hilti-Sprecher bezeichnete das gegenüber ZDFheute als "Missbrauch unserer Produkte" und "uns bisher verborgene kriminelle Aktivitäten". Es sei Aufgabe der Behörden, dagegen vorzugehen.

Innenministerium sieht keinen Grund zum Handeln

Das Bundesinnenministerium (BMI) sieht keinen Grund, aktiv zu werden: "Für Geschosse und Hülsen ohne Treibladung bestehen grundsätzlich keine besonderen Erwerbs- und Besitzbeschränkungen, da es sich hierbei um für sich genommen ungefährliche Metallteile handelt."

Der BMI-Sprecher gegenüber ZDFheute weiter: "Die entsprechende kriminelle Energie vorausgesetzt, ist es grundsätzlich möglich, aus frei verkäuflichen pyrotechnischen Gegenständen explosionsgefährliche Stoffe (…) für selbstlaborierte Munition zu verwenden." Diese Gewinnung von Treibladungspulver sei jedoch aufwändig und mit Eigengefährdung verbunden.

Seitens des BMI wird derzeit kein Bedarf für Verschärfungen der Rechtslage im Hinblick auf derartige Kartuschen gesehen.
Bundesministerium des Innern

Ob "Deterrence Dispensed" und ihre Anleitungen bereits im Fokus deutscher Behörden sind, wollte das BMI nicht beantworten.

Seit dem Amoklauf an einer Schule in Parkland, Florida, mit 17 Toten wehrt sich eine junge Protestbewegung gegen den grassierenden Waffenwahn in den USA. Ihr Gegner: die Waffenlobby.

Beitragslänge:
44 min
Datum:

"Bundesregierung unterschätzt Erfindungsreichtum"

Irene Mihalic, innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, überzeugt das nicht. "Dass zwar scharfe Munition, nicht aber einzelne Munitionsbestandteile waffenrechtlich geregelt sind, das macht mir in der Tat große Sorgen", sagt sie ZDFheute.

Die Frage des Zugangs zu Munition gehört viel stärker in den Fokus des Staates.
Grünen-Innenpolitikerin Irene Mihalic

"Die Bundesregierung ist ja der Ansicht, dass es völlig ausreicht, wenn einzelne Ausgangsstoffe gesetzlich reglementiert sind." Damit unterschätze sie den Erfindungsreichtum mancher Menschen massiv, so die Bundestagsabgeordnete.

Foren-Posts belegen, dass die Munition funktioniert

Von den BMI-Vorbehalten unbeeindruckt sind auch die Mitglieder von "Deterrence Dispensed". Online helfen und beraten sie sich. Ein Nutzer postet einen Link zu einem Zündhütchen-Angebot bei einem deutschen Shop. "Die habe ich für meine Luty genutzt, jetzt gerade baue ich mir eine semi-automatische Pistole." Eine Waffe vom Typ Luty hatte der Attentäter von Halle. Auch seine Munition war selbst hergestellt.

Und immer wieder werden im Forum Videos und Fotos von selbst hergestellter Munition gepostet, die Nutzer stolz verballern. "Kauft ihr Hilti-Kartuschen und Hülsen unter eurem echten Namen?", fragt ein Nutzer. "Hiltis werden nicht reguliert. Das ist genau der Grund, warum wir sie nehmen", lautet die klare Antwort.

Hinweis, 24.01.2021: Überschrift und Vorspann wurden nach Erscheinen angepasst, weil dadurch ein nicht beabsichtigter Eindruck vermittelt wurde.

Dem Autoren auf Twitter folgen: @NilsMetzger

Lesen Sie hier weitere Informationen über das "Deterrence Dispensed"-Forum und seine Pläne für eine Bewaffnung der Gesellschaft:

Archiv: Ein Mann hält eine 3D-gedruckte Waffe namens Liberator in seinem Geschäft in Austin, Texas, USA

Online-Forum für Waffen-Fans - Netzwerk verbreitet Waffen-Pläne für 3D-Druck 

Weil Europa Schusswaffen-Zugang streng reguliert, entwickeln Aktivisten im Netz Pläne, um Waffen mit 3D-Druckern zu bauen. ZDFheute hat Verbindungen nach Deutschland gefunden.

von Julia Klaus
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.