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Interview

Eskalation in Myanmar - "Wahrscheinlich war China sehr überrascht"

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Das Militär in Myanmar schießt auf Protestierende. Die Asean-Länder wollen im Konflikt vermitteln. Das wird den Menschen im Land nicht helfen, sagt Myanmar-Kenner Frederic Spohr.

Menschen protestieren in Yangon (Myanmar), aufgenommen am 02.03.2021
In Myanmar steigt die Zahl der Toten bei den Protesten gegen den Militärputsch.
Quelle: epa

ZDFheute: Der Widerstand scheint ungebrochen – doch auch die Polizei reagiert mit mehr Gewalt, die Todeszahlen steigen. Herr Spohr, was hören Sie aus dem Land?

Frederic Spohr: Es herrscht überall die Sorge, dass die Gewalt weiter eskaliert. Und schon jetzt haben viele Leute Angst, verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. Also, diejenigen, die nicht demonstrieren.

In Myanmar kämpfen immer mehr Menschen immer verzweifelter gegen den Putsch des Militärs und für die Demokratie - unter Lebensgefahr.

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Man hört Schüsse, es wird viel Tränengas eingesetzt. Und die Leute sind auch wie gebannt vor den sozialen Netzwerken - sofern sie trotz der Internetsperren noch Zugang dazu haben - und verfolgen natürlich die Nachrichten. Das öffentliche Leben ist weitgehend zum Erliegen gekommen.

Gerade kam die Meldung, dass alle großen Kaufhäuser in Yangon geschlossen sind, das Bankensystem ist fast komplett zum Erliegen gebracht. Das heißt, das Land ist eigentlich im Ausnahmezustand.

ZDFheute: Wie gehen die Menschen vor Ort mit der zunehmenden Polizeigewalt um? Wer ist davon am meisten betroffen? 

Spohr: Die Demonstrationen konzentrieren sich schon hauptsächlich auf zentrale Plätze. Man sieht aber auch, dass fast jagdartige Szenen in Nebenstraßen und so weiter stattfinden. Und wer in Yangon ist, der bekommt mit, dass viel Unruhe herrscht. Dass Schüsse fallen, dass überall Einsätze sind. Und ich denke - das bekomme ich von den Leuten mit, mit denen ich in Kontakt bin - alle haben Angst und fühlen sich sehr verunsichert.

ZDFheute: Aus welchen Gruppen setzen sich die Protestierenden zusammen?

Spohr: Es ist eigentlich ein Querschnitt durch die ganze Gesellschaft. Dieser Bewegung des zivilen Ungehorsams haben sich Lehrer und Ärzte angeschlossen, es sind viele Studenten dabei. Es gibt aber auch viele Bankangestellte, die sich angeschlossen haben, Verwaltungsbeamte. Es gibt ältere Leute unter ihnen, aber seitdem die Gewalt eskaliert, sind es vorwiegend junge Menschen.

Seit Wochen gehen die Menschen in Myanmar auf die Straße, demonstrieren gegen die Militärdiktatur. Was bedeutet das für die Menschen im Land? Welche Chance haben sie?

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Es sind auch sehr viele unterschiedliche Ethnien dabei. Also, nicht nur die burmesische Mehrheit, sondern eben auch andere Ethnien wie Shan, Mon und so weiter.

ZDFheute: Mit welchen Mitteln protestieren die Menschen dort?

Spohr: Es war in den vergangenen Tagen ein friedlicher Protest - sehr kreativer Protest. Man hat wunderschöne Bilder gesehen von schönen Schriftzügen, die auf die Straße gemalt worden sind. Und die dann aus der Luft betrachtet zu lesen waren wie: "We want democracy". Auch im Internet ist der Protest sehr kreativ.

In den vergangenen Tagen hat eine gewisse Wagenburg-Mentalität eingesetzt: Die Protestierenden bauen Barrikaden in den Straßen auf, um sich zu schützen. Und gehen auch schon mit selbstgemachter Schutzausrüstung auf die Straße, um zu demonstrieren. Weil sie Angst haben vor der Gewalt.

UN-Generalsekretär Guterres hat das gewaltsame Vorgehen von Polizei und Militär in Myanmar scharf verurteilt.

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ZDFheute: Bei der Asean (südostasiatische Staatengemeinschaft) wird es ein Sondertreffen aufgrund der zunehmenden Gewalt gegen Demonstranten geben. Wie reagiert die Regierung in Myanmar auf den Druck der internationalen Gemeinschaft?

Spohr: Ich glaube nicht, dass die südostasiatische Staatengemeinschaft Sanktionen verhängen wird. Oder Myanmar jetzt isolieren wird. Das wäre nicht in der Tradition dieser Staatengemeinschaft. Man hat sich immer aus den inneren Angelegenheiten der Mitgliedstaaten herausgehalten und gesagt, das müsst ihr selbst klären.

Es herrscht auch ein Einstimmigkeitsprinzip im Asean-Staatenbund: Wenn ein Staat nicht mitmacht, kann man sowieso nichts machen. In diesem Fall wäre das Myanmar. Von daher glaube ich nicht, dass Myanmar von Seiten der Südostasiaten viel Druck erhalten wird. Wenn dann wäre es etwas neues, eine neue Entwicklung in der Geschichte dieses Staatenbundes.

Auch wenn es oft vermutet wurde, ich glaube nicht, dass China eingebunden war in die Putschpläne des Militärs. Wahrscheinlich war China auch sehr überrascht und auch nicht sehr glücklich darüber, denn mit der zivilen Regierung hatte China ganz gute Kontakte und einen engen Wirtschaftsaustausch.

Die Menschen in der burmesischen Wirtschaftsmetropole Yangon lehnen sich gegen die Militärjunta auf. Wie konnte es dazu kommen?

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China ist eigentlich immer darauf bedacht, dass in seiner engeren Umgebung Stabilität herrscht. Ich glaube, dass China versuchen wird, sich erstmal mit dieser Militärregierung zu arrangieren. Wenn es aber sieht, dass der Staat zerfällt und dass weiter Unruhe herrscht, und China dort nicht in Ruhe seinen Geschäften nachgehen kann und auch der Zugang zum indischen Ozean blockiert ist, dann wird China auch den Druck auf das Militär erhöhen.

ZDFheute: Kann man denn mit einem fairen Verfahren für Aung San Suu Kyi rechnen? Wo befindet sie sich mittlerweile?

Spohr: Es wird vermutet, dass sie sich weiter in Naypyidaw aufhält. Aber das Verfahren, in dem sie sich befindet und die Anhörung haben alle über Videokonferenzen stattgefunden. Wir hören darüber nur über ihre Anwälte, die sie offenbar immer noch nicht sprechen konnte.

Von daher wirkt das nicht wie ein sehr faires Verfahren und auch die Anklagen - illegaler Import von Walkie-Talkies, also Telekommunikationsverfahren, der Verstoß gegen Covid-Richtlinien - das wirkt natürlich alles an den Haaren herbeigezogen.

Das Interview führte Huyen Trang Dang Vu, Redaktion ZDFheute.

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