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Erster Golfkrieg und Naher Osten - "Die Jungen wollen neues Kapitel aufschlagen"

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Vor 40 Jahren begann der erste Golfkrieg. Im ZDFheute-Interview spricht Orient-Experte Adnan Tabatabai über Rivalität im Nahen Osten - und Schritte in eine friedlichere Zukunft.

Skyline von Bagdad.
Seine zentrale geopolitische Lage könnte den Irak in eine Vermittlerrolle bringen.
Quelle: Zhang Miao/XinHua/dpa/Symbolbild/Archiv

ZDFheute: Europäer assoziieren mit dem Nahen Osten heute vor allem eines: langjährige, blutige Konflikte. Einer der verheerendsten Kriege in der Region, der Erste Golfkrieg, begann vor 40 Jahren. Wie wird in den kriegsbeteiligten Ländern Irak und Iran heute daran erinnert?

Adnan Tabatabai: Der Krieg begann damals mit der Invasion irakischer Truppen wenige Monate nach Gründung der Islamischen Republik Iran. Heute erinnern sich die Iraner an den "aufgezwungenen Krieg", sprechen von der "heiligen Verteidigung" ihres Landes und glorifizieren den Kampf und die erbrachten Opfer. Das Land sieht sich also ganz klar als Opfer des damaligen Aggressors Irak.

ZDFheute: Wie erinnert sich der Irak?

Tabatabai: Dort hat es einen deutlichen Wandel gegeben: Über den Krieg wird zwar noch immer gesprochen, aber er wird als Teil der Geschichte des damaligen Herrschers und Aggressors Saddam Hussein abgehandelt.

Irak: Der zerrissene Staat Seit über 15 Jahren ist das Land an Euphrat und Tigris instabil und zerrissen. Nach jahrelangen Aufständen, Terror und konfessionellem Streit droht nun die Eskalation des Konflikts um die regionale Vormachtstellung.

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ZDFheute: Seit 40 Jahren werden die Länder des Nahen Ostens immer wieder von Kriegen verwüstet. Reden wir heute über eine verlorene, hoffnungslose Region?

Tabatabai: Das würde ich so niemals sagen. Es gibt in jedem Land dieser Region eine Vielzahl von Menschen, die sich nichts mehr wünschen als ein Leben in Würde und Frieden. Und es gibt genug Hoffnung, dass sich die Region befrieden lässt. Es ist aber auch eine Region, in der Konflikte zum Teil weit zurückreichen bis in die Zeit der Kolonialisierung.

Es ist eine Region, deren politische Landschaft geprägt ist von autokratischen Eliten, die an ihrer Macht festhalten. Doch sie stehen unter Druck, neue Kräfte zuzulassen.

ZDFheute: Nicht zuletzt wegen des inzwischen neunjährigen Kriegs in Syrien gilt die Region als riesiges "Pulverfass". Welche Kräfte sind nötig, um für friedlichere Perspektiven zu sorgen?

Tabatabai: Zuallererst muss die Initiative von Kräften aus der Region kommen. Aber auch Großmächte wie die USA, Russland und China müssen mehr dazu beitragen, dass die Region befriedet wird und die eigenen Mittel der Geopolitik überdenken.

ZDFheute: Eines der Projekte am CARPO-Institut folgt der Vision, "den Irak als Ausgangsort regionalen Dialogs und regionaler Kooperation statt als Schauplatz von Stellvertreterkriegen und Konflikten zu betrachten". Ist da der Wunsch Vater des Gedankens oder welche konkreten Initiativen sehen Sie in der Region, Konflikte beizulegen?

Tabatabai: Ein Stück weit war dieser Wunsch Antrieb für das Projekt. Das Ganze hat aber eine realistische Grundlage.

Im Zentrum steht die Frage, wie man aus irakischer Sicht außenpolitisch mehr Kooperation statt Konfrontation fördern und fordern kann.

Mit Blick auf Grenzsicherheit, Migration, Handels und kulturellen Austausch mit den Nachbarländern.

ZDFheute: Weshalb ist der Irak aus Ihrer Sicht das Schlüsselland für mehr Stabilität im Nahen Osten?

Tabatabai: Das hängt einerseits mit seiner zentralen geographischen Lage zusammen und andererseits mit seinem Potenzial als politischer Akteur. Die irakische Regierung pflegt sowohl mit Saudi-Arabien Kontakte als auch mit Iran und den USA und kann zwischen den unterschiedlichen Positionen und Interessen vermitteln. Wir hoffen, dass unsere Gesprächsrunden mit aktuellen und ehemaligen Diplomaten aus der Region einen Beitrag dazu leisten.

Mit Hilfe der Revolutionsgarden und verbündeten Milizen ist es der islamischen Republik in den letzten Jahren gelungen, ihren Einfluss in der Region auszubauen. Der getötete General Soleimani war an der strategischen Ausrichtung der Allianzen beteiligt.

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ZDFheute: Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht jüngere Generationen in der regionalen Politik?

Tabatabai: Die Bevölkerungsmehrheit in der Region ist unter 30 Jahre.

Diese jüngeren Menschen wollen ein neues Kapitel in der Politik aufschlagen, sie wünschen sich mehr politische Teilhabe.

Daraus ergibt sich auch ein Generationenkonflikt: Denn noch halten mehrheitlich die Alten die Fäden der Macht in den Händen. Man darf aber auch nicht naiv der Formel "Tauscht Jung gegen Alt und alles wird wunderbar" folgen. Eine solche Annahme wird ja gerade eindrücklich in Saudi-Arabien unter Kronprinz Muhammad bin Salman widerlegt.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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