Sie sind hier:
Interview

Nahost-Experte Gerlach - "Neues Ausmaß der militärischen Eskalation"

Datum:

Nahost-Experte Gerlach sieht eine Verschiebung der Taktik: Israel versuche, die Hamas politisch zur Aufgabe zu zwingen. Warum das eine Illusion ist, erklärt er im Interview.

Der Nahost-Experte Daniel Gerlach im ZDF-Interview

Beitragslänge:
4 min
Datum:

ZDF: Es gibt viele Gründe dafür, dass dieser uralte Konflikt jetzt so heftig wieder losbricht - welcher ist für Sie der wichtigste?

Daniel Gerlach: Ich denke tatsächlich, dass die Konflikte alle zusammenkommen und dass die Überlagerung dieser verschiedenen Faktoren der ausschlaggebende Punkt sind. Denn wir kennen das. Wir haben das in den letzten Jahren, Jahrzehnten des Öfteren gesehen, wie sich so etwas hochschaukelt. Und was für mich neu ist, ist das Ausmaß der militärischen Eskalation, insbesondere das Arsenal, was die Hamas hier ins Feld führt und andere mit ihr verbündete Gruppen. Und die Art und Weise, wie Israel darauf reagiert, ist grundsätzlich nicht neu.

Aber man sieht trotzdem eine Verschiebung in der Taktik derzeit. Weg von einem militärischen Ansatz, dass man einfach versucht, die Abschussrampen der Hamas und ihrer Verbündeten Gruppen zu treffen und zu neutralisieren. Hin zu einer Taktik, dass man wirklich versucht, den Gegner jetzt in die Aufgabe zu zwingen, also quasi politisch Krieg führt und zeigen möchte: Das wird euch so viele Opfer kosten, dass sie das nicht vergessen werden. Ich denke, das ist eine Illusion.

Ich denke, wir werden, wenn sich die politische Situation nicht verändert, in einigen Jahren wieder eine solche Situation erleben. Aber das ist eben derzeit die Politik der beiden Seiten.

Dass sich der aktuelle Konflikt so hochschaukelt, hat viele Ursachen: die israelische Siedlungspolitik, Feiertage auf beiden Seiten, politisches Vakuum - und eine Nahost-Politik der USA, die kaum stattfindet.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDF: Auf israelischer Seite gibt es ja gerade ein Machtvakuum. Premier Netanjahu ist nur noch übergangsweise im Amt. Was bedeutet der Konflikt jetzt für seine Position?

Gerlach: Herrn Netanjahu wird ja jetzt oft vorgeworfen, dass er eine solche Situation zur Eskalation weiterbringen würde, um davon zu profitieren. Ich denke nicht, denn er und die israelische Regierung haben auch in Situationen auf diese Art und Weise reagiert, als sie eine stabile Regierung hatten. Dennoch denke ich, es wird Folgen haben für die politische Situation.

Herr Netanjahu hat gewaltige Anstrengungen unternommen, und auch einige Volten hingelegt, um um jeden Preis an der Macht zu bleiben. Schon vor einem Jahr sah es so aus, als würde ihm das nicht gelingen. Und er hat sich Zeit erkauft. Und er kann natürlich aufgrund der Radikalisierung jetzt die Reihen schließen. Das wird insbesondere dem rechten Lager in Israel Auftrieb geben, was zwar zersplittert ist, aber trotzdem auf die ein oder andere Art und Weise doch die Möglichkeit hat, eine Koalition hinter ihm zu bilden. Auf der anderen Seite ist einer seiner Gegner eigentlich vom Präsidenten jetzt beauftragt worden, eine Koalition aufzubauen.

Präsident Rivlin hat Oppositionsführer Lapid mit der Regierungsbildung beauftragt.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Und dann kommen die arabischen Parteien ins Spiel. Wir haben jetzt zwei arabische Parteien, die das Zünglein an der Waage sein könnten. Und die Situation führt jetzt dazu, dass im Grunde beide arabischen Parteien aus jeglichen Koalitionsvereinbarungen oder -möglichkeiten herausgeschoben werden, weil sie sich in dieser Situation gar nicht anders verhalten können als eine Koalition, eine Regierungsbeteiligung abzulehnen.

ZDF:  Und auf Seiten der Palästinenser nutzt die islamistische Hamas ja ihrerseits das politische Machtvakuum…

Gerlach:  Ja, selbstverständlich. Und die Hamas wusste auch ganz genau, was passiert.

Und ich finde, es ist auch wichtig zu betonen, dass die Hamas hier nicht die palästinensischen Interessen oder die Interessen der Palästinenser vertritt.

Was die Hamas hier veranstaltet hat, kalkulierend, dass das so weitergehen und so ausgehen würde, das ist sicher nicht im Interesse der Menschen, die in Ost-Jerusalem für ihre Rechte kämpfen, die dort enteignet und de facto vertrieben werden.

Und auch dazu, denke ich, muss sich die internationale Politik verhalten. Solidaritätsbekundungen mit Israel allein genügen in dieser Situation nicht. Das entbindet auch die internationale Gemeinschaft nicht von ihrer Aufgabe, sich hierzu zu verhalten. Auch wenn die Europäer vielleicht wenig Einfluss haben und es bisher nicht die Priorität der amerikanischen Außenpolitik gewesen ist.

ZDF: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist der Konflikt nicht neu - doch diesmal scheint die Gewalt ein neues Ausmaß angenommen zu haben?

Gerlach: Ich denke schon. Es ist nicht grundsätzlich neu, aber wir sehen schon, wie die wirklich bemerkenswerte israelische Militärtechnologie, insbesondere dieses Abwehrsystem "Iron Dome", hier an seine Grenzen gerät. Das ist ein sehr gutes System, sehr effizientes System, was auch immer wieder fortentwickelt wird. Aber es ist trotzdem mit relativ einfachen Waffen, wenn man sie in großer Zahl in Stellung bringt, eben möglich, dieses System an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu bringen.

Es hat auch, glaube ich, immer wieder deutlich gemacht, dass man - was lange eine Illusion der israelischen Gaza-Doktrin war - dass man Gaza nicht einfach aus der Luft kontrollieren kann. Es genügt eben nicht, einfach nur aus der Luft mit der Luftwaffe zu operieren und zu hoffen, dass man damit irgendwie sich Zeit erkaufen kann oder dass man den nächsten Konflikt verhindern kann.

FAQ

Das Arsenal von Hamas und Co. - Diese Raketen sind auf Israel gerichtet 

Seit Dienstag gilt in Israel fast durchgehend Luftalarm. Mindestens 13.000 Raketen sollen militante Gruppen in Gaza haben. Woher kommen die Raketen und wie verteidigt sich Israel?

von Nils Metzger

Diese Konflikte sind vorprogrammiert, und sie werden so lange weitergehen, bis es entweder eine politische Lösung gibt für die Situation oder bis Israel eben den Gazastreifen wieder militärisch besetzt. Das möchten die Israelis natürlich nicht, denn sie wissen, dass das sie selbst auch viele Opfer kosten wird und ihnen eine neue Verantwortung aufbürdet, die sie derzeit nicht bereit sind zu tragen.

Das Interview führte Antje Pieper im ZDF spezial "Eskalation der Gewalt - Dutzende Tote in Nahost".

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.