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Proteste bei jedem Einzelnen "unter Lebensgefahr"

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Orientalist Kermani - Proteste bei jedem Einzelnen "unter Lebensgefahr"

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Als Auslöser für die Proteste im Iran sieht der Orientalist Kermani ein Lügengeflecht, das den ganzen Staat durchzieht. Dieser werde sich mit allen Mitteln verteidigen.

Lügen seien Iraner gewohnt. Die Proteste gebe es, weil der Staat nun "auf frischer Tat ertappt" wurde, so der deutsch-iranische Autor Navid Kermani. Iran leugnete erst, gestand dann aber ein, dass sein Militär eine Passagiermaschine abgeschossen hatte.

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ZDF: Wie haben Sie das in diesen Tagen beobachtet? Vor allem dieses Kommunikations-Desaster der Regierung: Erst leugnen und dann plötzlich alles zugeben. Das wirkt ja fast chaotisch.

Navid Kermani: Das war der Versuch, zu lügen. Der General gestern hat ja auch selbst gesagt, dass man das schon seit Mittwoch wusste und dass dann auch die zuständigen Generäle und Militärs unter Quarantäne gestellt worden sind, damit sie selbst nicht darüber sprechen. Dann hat man irgendwann eingesehen, dass das einfach nicht zu verbergen ist, dass sobald der unabhängige Experte diese Trümmerteile sieht, er das unterscheiden kann und sofort sieht, dass das abgeschossen worden ist. Wenn das ein iranisches Flugzeug gewesen wäre, dann würde Iran jetzt weiter lügen und wir würden niemals die Wahrheit erfahren.

ZDF: Nun äußern sich auch iranische Zeitungen im Iran selbst äußerst kritisch. Es werden sogar Rücktritte von Regierungsmitgliedern verlangt. Ist das ungewöhnlich oder im Bereich des noch normalen an Pressefreiheit?

Es ist eigentlich undenkbar, dass die allerhöchste Stelle im Land nicht wusste, was da passiert ist und drei Tage ahnungslos war.

Kermani: Dass überhaupt Generäle, unantastbare Revolutionswächter, vor die Presse treten und zugeben, dass sie einen Fehler begangen haben, ist schon einmal höchst ungewöhnlich. Die Frage ist, wer ist eigentlich gemeint mit dem Rücktritt? Auf den Straßen war ja schon zu hören, dass die oberste Macht des Staates gemeint ist. Es ist eigentlich undenkbar, dass die allerhöchste Stelle im Land nicht wusste, was da passiert ist und drei Tage ahnungslos war. Es ist ja nicht nur diese Lüge. Die ganzen Lügen der letzten Tage von den angeblich 80 oder sogar mehr getöteten amerikanischen Soldaten und der Heldenmusik im iranischen Fernsehen: "Wir haben den Amerikanern in die Fresse geschlagen."

Das war noch gestern die angebliche Wahrheit. Heute stellt sich der oberste Militär des Landes ins Parlament und sagt: "Wir haben absichtlich daneben getroffen, wir wollten gar keine Amerikaner treffen." Die Iraner sind sehr, sehr viele Lügen gewöhnt. Jeder, der im Iran lebt, der zur Schule geht oder zur Universität, lebt Tag ein, Tag aus mit den Lügen dieses Staates. Und jetzt ist dieser Staat auf frischer Tat ertappt worden.

ZDF: Wir haben im Beitrag jetzt vor allem Menschen aus Teheran gesehen, also eine urbane Umgebung, auch Menschen die sich äußern wollen, die zu höher gebildeten Schichten gehören.  Wie schätzen Sie das Stimmungsbild insgesamt in der iranischen Bevölkerung ein?

Kermani: Sehr differenziert. Natürlich haben wir vor einigen Tagen diese Großdemonstration und Trauerkundgebung [für den getöteten General Soleimani, Anm. d. Red.) gesehen. Aber auch die muss man einordnen.  Es gibt sicherlich einen Teil der Bevölkerung - um bis zu 25 Prozent vielleicht - die loyal zum System stehen, die zu den Wahlen gehen, die zum Freitagsgebet gehen, die bei den Behörden arbeiten, bei den sehr, sehr mächtigen Revolutionswächtern, die ein ganzes Großimperium an Wirtschaft haben. Bei 80 Millionen Iranern sind das ja auch nicht so wenige. 

Diese Menschen gibt es, aber auch diese Menschen sehen jetzt die Lügen, auch diese Menschen fühlen sich verraten. Die Unruhen vor einigen Monaten, das war eben nicht die urbane Schicht, nicht die Studenten, das waren die armen Leute, die angeblich loyal zum System stehen und auf die sich das System stützt. Die Lage im Iran ist so desaströs in jeder Hinsicht, es geht ja nicht nur um Unfreiheit. Dieses Land funktioniert nicht, der Staat funktioniert nicht. In jedem Amt gibt es Korruption. Es gibt kein Wasser, keine saubere Luft, es gibt nichts mehr zu essen, nichts mehr zu trinken, die Leute haben kein Geld, haben kein Öl. Das bringt die Menschen um und wenn sie dann noch so angelogen werden, so offen ins Gesicht von den obersten Behörden, dann sind sie natürlich perplex zunächst einmal.

ZDF: Nun haben Sie ja selbst 2009 hautnah als Reporter im Iran erlebt, dass Revolutionsversuche massiv zurückgeschlagen werden. Auch jetzt gehen Sicherheitskräfte massiv gegen diese sehr, sehr mutigen Leute vor, die sich auf die Straße wagen. Wie schätzen Sie das ein, kann dieses Regime überhaupt gestürzt werden?

Kermani: Das Regime weiß, dass es sich mit allen Möglichkeiten verteidigen muss, weil sonst sind die dran. Denen geht es dann wirklich an den Kragen. Jeder einzelne Mensch, den wir auf diesen Videos [von den Protesten, Anm. d. Red.] sehen, riskiert sein Leben. Das muss uns klar sein. Und das sind schon einige Tausend, die sich trotz Lebensgefahr auf die Straßen begeben, die ihre soziale Existenz gefährden, die als Studenten ihr Studium gefährden, ihre berufliche Zukunft. Jeder einzelne tut das unter Lebensgefahr. Jeder einzelne von ihnen ist ein Held, aber hinter diesen Helden, die sich trauen, sind Millionen andere Menschen, die das gleiche denken und die sich noch nicht trauen, weil sie einfach Angst haben, dass sie niedergeknüppelt werden.

ZDF: Wie auch in den letzten Monaten schon, als es ja auch Hunderte Tote gegeben hat?

Dieses Regime hat überhaupt gar keine andere Wahl mehr [...], als sich mit Waffengewalt gegen die eigene Bevölkerung zu verteidigen.

Kermani: Hunderte Tote, vielleicht sogar mehr als tausend Tote. Dieses Regime hat überhaupt gar keine andere Wahl mehr in gewisser Weise, als sich mit Waffengewalt gegen die eigene Bevölkerung zu verteidigen. Sie haben so viele Untaten, so viele Verbrechen begangen. Ich glaube nicht, dass sie begnadigt werden. Und der Gott, auf den sie sich berufen, der wird ihnen vermutlich auch nicht sehr gnädig gestimmt sein.  

Das Interview führte ZDF-Moderatorin Marietta Slomka.

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