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Interview

Militärhistoriker Sönke Neitzel : "Müssen mit nuklearer Bedrohung leben lernen"

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Wie groß ist die Gefahr eines Atomkriegs? Zeitenwende heiße auch, "mit der nuklearen Bedrohung auch wieder leben zu lernen", sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel im ZDF.

Militärhistoriker Sönke Neitzel im ZDF heute journal - das ganze Interview.

Beitragslänge:
5 min
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Wie weit ist Wladimir Putin bereit zu gehen, um seine Ziele in der Ukraine zu erreichen? Der russische Präsident sei unberechenbar, sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel im ZDF heute journal. Das mache die Ukraine-Krise so gefährlich.

Sehen Sie oben das Interview mit Sönke Neitzel im Video und lesen Sie es hier in Auszügen:

ZDF: Wo stehen wir gerade im Ukraine-Krieg, verglichen mit dem Kalten Krieg etwa?

Sönke Neitzel: Ich glaube, dass die Krise, dieser Krieg jetzt, unberechenbarer ist im Vergleich zum Kalten Krieg. Da hatten wir zwar ein riesiges Waffenarsenal, viel mehr Atomsprengköpfe, aber - das zeigt die historische Forschung - eigentlich war die Welt vergleichsweise sicher. Denn Männer wie Chruschtschow oder Breschnew waren berechenbar, ähnlich wie Kennedy oder Reagan - so verrückt sie uns auch erscheinen mögen heute. Sie hatten selber den Zweiten Weltkrieg erlebt, und sie hatten kein Interesse daran, die Welt in einen Nuklearkrieg zu stürzen.

Diese Berechenbarkeit haben wir bei Putin heute nicht. Wir können seine Logik sehr schwer einschätzen. Es gibt die einen, die sagen, er sei rational, die anderen sagen, im Notfall würde er auch ABC-Waffen einsetzen. Deswegen ist es, glaube ich, heute im Vergleich zum Kalten Krieg gefährlicher.

Enttäuschte Erwartungen, geplatzte Träume, das Ende der Illusionen: Seit der Invasion der Ukraine hat sich das Bild von Präsident Putin und seiner Politik grundlegend verändert.

Beitragslänge:
44 min
Datum:

ZDF: Wenn Putin so viel unberechenbarer ist, welche Szenarien könnte er jetzt noch im Sinn haben, wenn er auch Atomwaffen nicht ausschließt?

Neitzel: Putin hat die Eskalationsdominanz. Und wenn er es nicht schafft, der Ukraine militärisch seinen Willen aufzudrücken - und danach sieht es zurzeit aus - dann müssen wir davon ausgehen, dass er bereit ist, einen Gang zuzulegen und auch Chemiewaffen einzusetzen, um zum Beispiel die Bevölkerung aus Mariupol zur Flucht zu treiben und um damit ein Exempel zu statuieren.

Und vielleicht ist er auch bereit, mit Atomschlägen zu drohen - zum Beispiel gegen Polen - um dem Westen zu zeigen: Wenn die Waffenlieferungen nicht eingestellt werden, wird er mit einem Nuklearschlag drohen.

Das liegt zur Zeit noch nicht auf dem Tisch, aber wir können es auf keinen Fall ausschließen.
Sönke Neitzel, Militärhistoriker

ZDF: Wie sollte man denn darauf am besten reagieren? Sind die Optionen vom sogenannten Tiger-Team von US-Präsident Biden fest vorgegeben, oder wird von Fall zu Fall entschieden?

Neitzel: Ich denke, das Tiger-Team bereitet Szenarien vor, worauf man sich vorbereiten und reagieren kann. Aber ich glaube, solche Entscheidungen werden letztlich vom amerikanischen Präsidenten getroffen. Wir wissen es natürlich nicht, den Fall hat es ja noch nie gegeben.

Vier Wochen schon dauert der Krieg in der Ukraine. Städte werden verwüstet, Zivilisten getötet, Millionen sind auf der Flucht. Wie konnte es zu diesem Krieg mitten in Europa kommen?

Beitragslänge:
29 min
Datum:

Die historische Forschung zeigt, dass es zwar auch Abstimmungen innerhalb der Nato gab, aber letztlich gehen wir Historiker davon aus, dass der amerikanische Präsident am Ende abwägt. Die große Frage ist: Was werden die Amerikaner tun? Wo ziehen sie intern ihr roten Linien? Sind sie bereit, bei einem Nuklearwaffen-Einsatz sofort zurückzuschlagen?

Da haben wir keinen Einblick, und da sind wir letztlich in den Händen des amerikanischen Präsidenten.
Sönke Neitzel

ZDF: Die Nato sieht aktuell keine Anzeichen für Vorbereitungen auf einen Atomwaffen-Einsatz. Heißt das, wir würden das auf jeden Fall mitbekommen?

Neitzel: Nach allen Erfahrungen, die wir haben aus dem Kalten Krieg, weiß die Nato sehr genau Bescheid, was im nuklearen Bereich in Russland passiert. Als Putin kurz nach Beginn des Angriffskrieges verkündet hat, er würde die Einsatzbereitschaft der Nuklearstreitkräfte erhöhen, hat die Nato nichts dergleichen festgestellt. Es war eine verbale, keine reale Bedrohung.

Was jetzt gefragt ist, ist, dass wir nicht in Panik verfallen, aber dass wir Putin auch nicht unterschätzen. Meine Empfehlung ist:

"Zeitenwende" heißt eben auch, mit der nuklearen Bedrohung auch wieder leben zu lernen. Wir haben das verlernt nach 1990.
Sönke Neitzel

Wir haben auch die nukleare Bedrohung aus dem Gebiet Kaliningrad nicht ernstgenommen.

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