Sie sind hier:

Reich durch Erdöl - Wie Norwegen seinen Staatsfonds ethischer macht

Datum:

Kann die globale Finanzindustrie ethisch und nachhaltig werden? Der weltweit größte Staatsfonds macht das vor. Offenbar merken Investoren nun, dass Nachhaltigkeit Rendite macht.

Die Finanzwelt steht an einem Scheideweg: kurzfristige Trader versus langfristige Investoren. Gier versus Verantwortung. Künstliche Intelligenz versus menschlicher Verstand. Seit Jahrzehnten wird die Finanzindustrie von den "Wölfen" der Wall Street dominiert, die kurzfristige Vorteile suchen. Aber es geht auch anders, und zwar nachhaltig und ethisch.

Prominentestes Beispiel: der Staatsfonds von Norwegen. Er speist sich aus den Gewinnen des staatlichen Erdölkonzerns. Während an den Börsen heute meist nur daran gedacht wird, was in den nächsten 30 Sekunden passiert, denkt man dort in anderen Kategorien.

Norwegens Staatsfonds wird vom Parlament gelenkt

Yngve Slyngstad, der Geschäftsführer, sagt worum es geht: "Der Fonds ist für zukünftige Generationen. Das bedeutet, dass wir einen sehr langfristigen Anlagehorizont haben."

Und so managt Norwegen seinen Staatsfonds, den größten seiner Art:

  • Beaufsichtigt wir der Fonds durch das norwegische Parlament. Hier werden die Grundsätze der Anlagepolitik festgelegt und auch die Höhe der jährlichen Auszahlungen.
  • Der Fonds hält Anteile an mehr als 9.000 Unternehmen.
  • Das macht 1,5 Prozent aller Aktien des globalen Finanzmarktes aus.
  • Sein Vermögen beläuft sich mittlerweile auf 1,1 Billionen Dollar.
  • Pro Kopf macht das für jeden Norweger gut 200.000 Dollar.

Die größten Positionen sind Apple, Amazon und Microsoft. Das verwundert nicht, handelt es sich schließlich auch um die größten Aktien-Unternehmen der Welt. Überhaupt hat der Fonds in den vergangenen Jahren seine Aktienquote ausgebaut. Denn eine Welt der niedrigen Zinsen macht auch vor Norwegens Staatsfonds nicht halt.

Immobilien und Staatsanleihen sind auch im Portfolio

Gleichwohl hat der Fonds auch viele Milliarden in US-amerikanische, japanische und deutsche Staatsanleihen investiert. Eine dritte Säule bilden Immobilien in erstklassigen Lagen: in der Regent Street in London, auf den Champs Elysées in Paris und am Times Square in New York.

New York ist auch der Arbeitsplatz von Vaishali Lara Kathuria. Sie arbeitet als Analystin für den Fonds und legt Wert darauf, die Interessen des gesamten norwegischen Volkes zu vertreten: "Wir wollen Reichtum auch für künftige Generationen sichern und dafür sorgen, dass er ihnen zugutekommt."

Der Klimawandel ist für den Fonds ein Dilemma

Eine Öhlbohrplattform im Lyngdalsfjord in Norwegen
Bringt Geld - aber auch Klimaprobleme: Ölbohrplattform im Lyngdalsfjord in Norwegen.
Quelle: imago images/Panthermedia

Ein grundsätzliches Dilemma kann der Fonds nicht auflösen: Ursprünglich stammt das Vermögen aus dem Ölreichtum des Landes. Der Finanzexperte und Aktivist Sony Kapoor sieht deshalb die Investitionen des Fonds äußerst kritisch: "Man kann nicht leugnen, dass der norwegische Wohlstand auch darauf beruht, dass fünf Millionen Norweger einen unverhältnismäßig großen Anteil zum Klimawandel beitragen." Aus moralischer wie auch wirtschaftlicher Sicht müsse die Abhängigkeit von Öl und Gas beendet werden, fordert er.

Genau das geschieht auch. Das Portfolio an Öl-, Gas- und Kohlebeteiligungen wird zurückgefahren und soll auslaufen. Gleichzeitig investiert man zunehmend in erneuerbare Energien. Aber der Fonds geht weiter: Nach längeren Debatten im Parlament wurde ein Ethikrat eingerichtet.

Dieser Rat hat den Ausschluss von Unternehmen empfohlen, die als korrupt gelten oder mit Tabak, Kinderarbeit, umweltschädlichem Verhalten und Atomwaffenproduktion zu tun haben. Die Bad Guys stehen auf dem Index.

Web-Crawler suchen nach ethischen Anlagen

"Menschen aus der ganzen Welt sammeln für uns Informationen", erzählt Johan Andresen,  Leiter des Ethikrates. "Wir haben Web-Crawler, die im Internet nach einer Kombination aus Firmennamen und Korruption oder Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschäden suchen. Damit können wir uns einzelne Unternehmen herausgreifen und sie genauer überprüfen."

Vor kurzem habe man sich beispielsweise Strände in Bangladesch oder Pakistan angeschaut, an denen Reedereien ihre Schiffe verschrotten lassen - unter schwierigsten Bedingungen für Mensch und Umwelt. Als großer Investor übt der norwegische Staatsfonds hier Druck aus. Vier der Unternehmen habe man aus dem Fonds geworfen, so Andresen.

Mit CO2-Neutralität will es Norwegen den "Wölfen" vormachen

Selbst die Cashcow der Norweger und Herzstück des Fonds, der halbstaatliche Öl- und Gaskonzern Equinor, versucht, klimafreundlich zu werden: Der erste freischwimmende Offshore-Windpark der Welt wird zwei Bohrplattformen 140 Kilometer vor der norwegischen Küste mit Energie versorgen. Ziel ist CO2-Neutralität.

Investoren beginnen zu begreifen, dass Nachhaltigkeit und attraktive Renditen sich nicht ausschließen. Norwegens Staatsfonds hat aufgrund seiner Größe eine Leuchtturmfunktion. Vielleicht verdrängen die "Wikinger" tatsächlich eines Tages die "Wölfe".

Carsten Meyer ist Redakteur beim 3sat-Wirtschaftsmagazin makro.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.