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Interview

Quent über Jena nach dem NSU - "Rechtsextremismus kommt bürgerlicher daher"

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Vor zehn Jahren wurde der NSU in Jena enttarnt. Matthias Quent im Interview über die Veränderung der rechtsradikalen Szene in der Stadt - und was gegen Rechtsextremismus hilft.

Thüringen, Jena: Auf einem Plakat wird zu einer Gedenkkundgebung am zukünftigen "Enver-Simsek-Platz" in Jena-Winzerla aufgerufen.
In Jena rufen Menschen zu einer Gedenkkundgebung am "Enver-Simsek-Platz" auf.
Quelle: dpa

ZDFheute: Vor zehn Jahren hat sich der NSU selbst enttarnt. Die drei Täter hatten sich in Jena radikalisiert. Welche Faktoren spielten dabei eine Rolle?

Matthias Quent: Es sind verschiedene Faktoren. Einerseits die soziale Umwelt, der Umbruch nach dem Mauerfall und die rassistische Gewaltwelle in den 1990er-Jahren und das im Alltag oft ungestörte Agieren des neonazistischen Rechtsextremismus - insbesondere der rechten Skinheads in Ostdeutschland.

Hinzu kommen spezifische Gruppenprozesse innerhalb dieses Milieus. Die Radikalisierung unter dem V-Mann Führer Timo Brandt beispielsweise. Und die Abgrenzung eines Teils der Bewegung, die härtere Bandagen fordern. Bis hin zu persönlichen Prägungen, negativen Einflüssen in den Familiengeschichten. Radikalisierung ist ein Prozess, bei dem Verschiedenes zusammenkommt.

ZDFheute: Was ist heute anders in Jena?

Quent: Jena hat sich seit den 1990er-Jahren erheblich verändert. Es ist eine junge Studentenstadt, die sich wirtschaftlich hervorragend entwickelt. Aber es gibt heute noch Rassismus und Rechtsextremismus. Es gibt nicht mehr so offen sichtbar die Angstzonen, die von Skinheads geprägten rechtsextremen Szenen, keine eigenständigen rechtsextremen Szeneimmobilien oder öffentliche Treffpunkte, die von Neonazis dominiert werden.

Das hat sich in den privaten und in den ländlichen Raum hineinverlagert.

Der Rechtsextremismus ist heute generell anders aufgestellt. Er kommt bürgerlicher daher.
Matthias Quent, Rechtsextremismus-Experte

ZDFheute: Wie hat sich konkret die rechtsradikale Szene in Jena verändert?

Quent: Das Milieu der extremen Rechten hat sich ausdifferenziert. Es sind andere Milieus dazugekommen, die heute sichtbarer werden, wie Strömungen der sogenannten Neuen Rechten. Also vor allem intellektuell, modern und pseudokonservativ auftretender Rechtsextremismus, den man teilweise auch in studentischen Kreisen und in den Parlamenten finden kann.

Der Rechtsextremismus ist nicht mehr so identifizierbar mit Springerstiefeln und Bomberjacke.

Das macht ihn vielleicht noch gefährlicher, weil das Eindringen in die Mitte darüber viel stärker erfolgreich sein kann.

Die Pandemie hat den Extremismus verstärkt - doch auch danach werde die Problematik bestehen bleiben, sagt Forscher Quent:

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ZDFheute: Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Radikalisierung?

Quent: Radikalisierung funktioniert nur im Zusammenwirken mit anderen Personen, mit anderen Einflüssen. Das waren in den 90er-Jahren Cliquen, die sich vor allem in Jugendzentren getroffen und radikalisiert haben. In den vergangenen Jahren haben soziale Medien an Bedeutung gewonnen.

Hier werden politische und soziale Identitäten ausgebildet. Hier konfiguriert sich auch der Rechtsextremismus neu, indem er verschiedene Elemente, teilweise aus anderen Ländern, aufnimmt, adaptiert, neu zusammensetzt. Diese beschleunigten und globalisierten Radikalisierungsdynamiken machen die Gemengelage komplizierter.

ZDFheute: Was müsste getan werden, um Radikalisierung in Netz und Gesellschaft zu verringern?

Quent: Wir brauchen auf der gesellschaftlichen Ebene eine Solidarität, eine Unterstützung derjenigen, die von Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und anderen Ungleichheitsideologien betroffen sind, um der Polarisierung zu begegnen.

Zudem gibt es viele Projekte für die Prävention, die politische Bildung. Sie setzen vor allem in der Lebenswelt von Menschen an, wo sie noch erreichbar sind, online wie offline. Diese Projekte müssen langfristig gefördert werden.

Schwere Ausschreitungen rechtsradikaler Jugendlicher gab es vom 22. bis 27.08.1992 vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock.

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ZDFheute: Wird Ihrer Meinung nach zu wenig getan?

Quent: Es wird in vielen Bundesländern und auch im Bund mehr als vor zehn Jahren getan, aber auf einem sehr prekären Level. Die Problembearbeitung wurde aus staatlichen Strukturen auf die Zivilgesellschaft ausgelagert. Projektförderungen etwa sind aber häufig auf ein Jahr befristet, sodass Expertise, die wichtige Beziehungsarbeit - gerade mit Menschen, die von Radikalisierung betroffen sind - häufig abreißt.

Es braucht eine gesetzliche Grundlage, um Projekte dauerhaft zu fördern und um Radikalisierungstendenzen in der Gesellschaft frühzeitig erkennen und stoppen zu können.
Matthias Quent, Rechtsextremismus-Experte

ZDFheute: Welchen Einfluss hatte die Enttarnung des NSU auf das gesellschaftliche Klima in Jena in den vergangenen zehn Jahren?

Quent: Nach dem öffentlichen Bekanntwerden des NSU-Terrors, der in Jena entstanden ist, gab es verschiedene Reaktionen in der Stadtgesellschaft. Nur in einem kleinen Teil gab es eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, überwiegend wurde sich in eine Art Selbstentlastung und in Imagekorrektur geübt.

Man hat gesagt, das ist nicht die Jenaer, sondern die Zwickauer Terrorzelle. Man wollte damit nicht in Verbindung gebracht werden. Das hat sich in diesem Jahr geändert. Es gibt ein sehr breites, kulturelles und wissenschaftliches Programm zur Auseinandersetzung mit der Verantwortung und der Verdrängung von Rassismus und Rechtsextremismus.

Das Interview führte Beate Tyron, ZDF-Reporterin im Landesstudio Thüringen.

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