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Interview

Öl-Embargo gegen Russland : "Wir sehen hier wirklich eine Zeitenwende"

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Das Öl-Embargo gegen Russland kommt, wenn auch mit Einschränkungen. Energie-Experte und Politologe Andreas Goldthau erklärt, warum das für ihn ein "bedeutender Schritt" ist.

Ein Arbeiter prüft das Ventil einer Ölleitung auf dem Imilorskoje-Ölfeld außerhalb der westsibirischen Stadt Kogalym (Russland), aufgenommen am 25.01.2016
Die EU hat sich beim Öl-Embargo gegen Russland auf einen Kompromiss verständigt.
Quelle: Reuters

Das Öl-Embargo gegen Russland kommt - allerdings mit Einschränkungen. Für Energieexperte Prof. Andreas Goldthau ist der Kompromiss trotzdem ein Meilenstein. [Worauf sich die EU geeinigt hat - der Kompromiss.]

ZDFheute: Die EU hat gestern ein Teil-Öl-Embargo gegen Russland entschieden. Kritiker bezeichnen es auch als "Light"-Version. Was sagen Sie zu dem Kompromiss?

Andreas Goldthau: Das ist ein bedeutender Schritt und ich würde es nicht als "Light"-Version bezeichnen. Was wir sehen, ist ein Embargo der EU, das einstimmig getroffen wurde und einen Großteil der russischen Exporte betrifft. Zum einen die Tanker- und See-basierten Öl-Lieferungen, die mit zwei Drittel die Mehrheit ausmachen, und zum anderen die Pipeline-basierten Öllieferungen.

Deutschland und Polen haben es sich zum Ziel gemacht, bis Ende des Jahres kein russisches Öl mehr über die Druschba-Pipeline abzunehmen. Die einzigen, die über diese Pipeline noch russisches Öl abnehmen werden sind Ungarn, Tschechien und die Slowakei. Die sind aber keine großen Konsumenten, das sind insgesamt vielleicht zehn Prozent dessen, was Russland nach Europa exportiert.

Insofern würde ich sagen, das ist ein Embargo, das relativ umfassend ist und die Folgen wird Russland definitiv spüren.
Prof. Andreas Goldthau, Energieexperte

ZDFheute: Wie hart wird dieses Öl-Embargo Russland treffen?

Goldthau: Die Russen exportieren ungefähr 4,7 Millionen barrell Öl am Tag, 2,4 Millionen davon nach Europa. Das heißt, ein guter Teil dessen, den die Russen exportieren, wird von Sanktionen betroffen sein. Pro barrell erhält Russland über 100 bis 120 Euro. Das ist eine signifikante Summe, die dem russischen Staat fehlen wird.

Diese Summe wird aber nicht sofort fehlen, da das Embargo nicht sofort greift. Das gibt Russland Zeit, neue Abnehmer zu finden. Aber auf der anderen Seite hat aber auch der Ölmarkt Zeit, sich auf das Embargo einzustellen. Ein sehr kurzfristiges Embargo würde einen signifikanten Einfluss auf den Ölpreis haben. Der Preis würde deutlich steigen und das könnte Probleme geben. Zum Beispiel, weil Konsumenten in Europa nicht bereit sind, diese Preissteigerung zu tragen oder weil es Länder im globalen Süden treffen würde, die eine deutlich geringere Kaufkraft haben, aber den gleichen Preis für das Öl zahlen müssten.

Das graduelle Embargo ist ein zweischneidiges Schwert: Zum einen hat Russland Zeit, sich anzupassen, zum anderen vermeidet man damit Preisspitzen, die nicht nur Schaden anrichten könnten in Ländern des globalen Südens, sondern auch Russland in die Lage versetzen würden, mit weniger exportiertem Öl einfach mehr Geld zu verdienen.
Prof. Andreas Goldthau, Politologe

Der Beschluss: Vorerst werden russische Öl-Lieferungen über den Seeweg unterbunden, nicht aber Transporte per Pipeline.

Beitragslänge:
4 min
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ZDFheute: Gäbe es für das russische Öl alternative Abnehmer?

Goldthau: Der größte Einzelabnehmer für russisches Öl ist China. Das sind 1,6 Millionen barrell am Tag. Die würden sich über das ein oder andere barrell zu einem relativ niedrigen Preis sicherlich freuen. Das tun sie aber nicht, um Russland in irgendeiner Art und Weise einen Gefallen zu tun. Sondern sie werden versuchen, ihren eigenen Vorteil daraus zu ziehen.

Abschluss des EU-Sondergipfels der Staats- und Regierungschefs, auf dem u.a. eine Einigung für ein teilweises Öl-Embargo gegen Russland erzielt wurde.

Datum:

Ein weiterer Abnehmer ist Indien, der am schnellsten wachsende Kunde von russischem Öl. Die Inder haben in den ersten zweieinhalb Monaten des Krieges mehr Öl aus Russland abgenommen als im ganzen letzten Jahr. Indien macht das auch deshalb, weil die Russen einen Abschlag auf ihr Öl gewähren, von etwa 20 bis 30 Prozent. Am Ende bekommt Russland immer noch 90 bis 100 Dollar für das barrell und macht immer noch Gewinn.

Das ist genau das Problem am globalen Ölmarkt. Denn Öl ist leicht über See, Pipelines oder die Bahn zu transportieren, auch ins Ausland.

Die EU muss da nochmal kreativ werden, wenn sie wirklich ihr Öl-Embargo durchsetzen will. Sonst kauft einfach jemand anderes das russische Öl.
Prof. Andreas Goldthau, Politologe

ZDFheute: Wie lagert man Rohöl eigentlich und kann Russland das?

Goldthau: Das Öl-Embargo kommt nicht sofort. Die Russen haben Zeit darüber nachzudenken, was mit der Öl-Produktion passiert. Entweder sie finden andere Abnehmer oder sie müssen ihre Produktion runterfahren. Das heißt, sie müssen das Öl gar nicht einlagern. Aber sie könnten das zum Teil. Der Iran beispielsweise hatte während seines Embargos Öl in Tankern gelagert und auf See geschickt.

ZDFheute: Welche Folgen hat das Embargo für die EU und für Deutschland?

Goldthau: Der europäische Verbraucher ist besser in der Lage, höhere Preise abzufedern als der Verbraucher im globalen Süden. Aber man wird es auch in der EU spüren. Wir gehen schon jetzt in Richtung stagnierendem Wachstum, in manchen Regionen der Erde in eine Rezession. Und das liegt daran, dass Rohstoffe insbesondere auch Öl deutlich teurer geworden sind.

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Zudem hängt es sehr vom Industriesektor ab. Sofern beispielsweise der Petrochemie das russische Öl wegfällt, kann es schwer werden, diese Industriebereiche ohne Abschlag am Laufen zu halten. Es sei denn, sie schaffen es, das russische Öl zu ersetzen. Und das ist mitunter nicht ganz einfach.

Ein Beispiel: Die Raffinerie Schwedt, die an der Druschba-Pipeline hängt. Man kann versuchen, über kleinere Pipelines und über die Häfen in Danzig oder Rostock Öl zu beziehen. Aber das dauert seine Zeit. Und es kann sein, dass es nicht zu ähnlichen Preisen zur Verfügung steht oder in dem Volumen, das benötigt wird. Und dann werden Anlagen wie die in Schwedt ihre Produktion runterfahren müssen.

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ZDFheute: Ein Gas-Embargo wurde bei dem Gipfel gestern erst gar nicht besprochen. Wäre das nicht effektiver als ein Öl-Embargo?

Goldthau: Nach dem Beschluss gestern kann es sein, dass Russland mit Gegenmaßnahmen reagiert. Das könnte zum Beispiel ein Gas-Embargo sein. Dann stellt sich die Frage für uns gar nicht. Wir müssen jederzeit damit rechnen, dass Russland auf seiner Seite Vergeltungsmaßnahmen implementiert. Und die könnten sich auf den Gas-Sektor beziehen.

Da Öl dem russischen Staat aber mehr bringt als Gas, weil die Einnahmen höher sind, macht es durchaus Sinn, dass die EU auf Öl geht und da zunächst den Geldfluss reduzieren will. Zum anderen gibt es zwar einen Markt für Flüssiggas, aber der ist bei Weitem nicht so global wie der Ölmarkt. Heißt: Es gibt schlicht wenig Alternativen zu Russland.

Man muss sich fragen: Schadet man sich am Ende mehr, als man dem Gegner schadet? Überall dort, wo Prozesswärme gebraucht wird (Autoindustrie, Stahlindustrie, Glasindustrie) braucht es Erdgas. Das kann man oft nicht mit Strom ersetzen.

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ZDFheute: Was bedeutet das Embargo für die Zukunft?

Goldthau: Das Öl-Embargo ist das Ende der Energiebeziehung zwischen Russland und Europa, so wie wir sie kennen. Was immer jetzt passiert, es wird nicht dahin zurückgehen, wo wir herkamen. Und auch, wenn ein russisches Erdgas-Embargo nicht sofort kommt, Europa wird alles tun, um dieses Erdgas aus Russland loszuwerden. Russland wird sich wirtschaftlich von Europa abkoppeln.

Nicht nur in den anderen Sektoren, die von den Sanktionen betroffen sind, sondern auch im Energiesektor. Und der Energiesektor war der, der Russland noch relativ stark mit Resteuropa verbunden hat. Wir sehen hier wirklich eine Zeitenwende. Das sechste Sanktions-Paket geht an den Kern der Energiebeziehung zwischen Europa und Russland. Und damit haben die Europäer eine klare Entscheidung getroffen, die richtige Entscheidung.

Das Interview führte Katharina Schuster, Reporterin in der ZDFheute-Redaktion.

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