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Das sagen Betroffene zur Widerspruchsregel

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Organspende - Das sagen Betroffene zur Widerspruchsregel

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Es bleibt dabei. Wer sich nicht dafür entscheidet, ist kein Organspender. Das hat der Bundestag heute beschlossen. Viele Betroffene hätten sich über die Widerspruchslösung gefreut.

Anatomisches Modell eines Menschen. Archivbild
Die Widerspruchsregel soll die Zahl der Organspenden erhöhen.
Quelle: Emily Wabitsch/dpa/Archivbild vom 05.09.2012
  • Rebecca Jung

    ... bekam wegen einer Stoffwechselkrankheit mit 13 Jahren eine Spenderleber.

"Als 15-Jährige hatte ich andere Pläne, als auf einer Liste für Organtransplantationen zu stehen. Ich wollte zur Schule gehen, Musik machen, mich mit Freundinnen treffen. Stattdessen lag ich zu Hause, hatte Schmerzen und konnte mich kaum bewegen. Alles was ich tun konnte, war hoffen. Hoffen, dass ich am nächsten Tag aufwache und hoffen, dass ein Anruf aus der Klinik kommt. Ein Jahr lang ging das so. Doch der Anruf kam nicht. 

Ich bin für die Widerspruchsregel. Nicht, weil sie perfekt ist, sondern weil sie eine schnelle Lösung für ein dringendes Problem bietet.
Rebecca Jung

Wenn mein Onkel sich nicht bereit erklärt hätte, mir einen Teil seiner Leber zu spenden, wäre ich wohl gestorben. Deshalb bin ich für die Widerspruchsregel. Nicht, weil sie perfekt ist, sondern weil sie eine schnelle Lösung für ein dringendes Problem bietet. Statistisch gesehen sterben drei Menschen pro Tag, weil es an Spenderorganen fehlt. Auch ich musste erleben, wie eine gute Freundin deswegen starb.  

Damit die Spendenbereitschaft steigt, sollte viel besser aufgeklärt werden. Im Schulunterricht kann man junge Menschen erreichen, die verständlicherweise noch keine Lust haben, sich mit dem Tod auseinander zu setzen. Ich merke aber an meinen Freunden: Kommt man erst mal mit Transplantierten in Kontakt, dann kommt die Entscheidung bezüglich einer Organspende von ganz allein. In meinem Freundeskreis haben mittlerweile alle einen Organspendeausweis. Ob sie sich darauf als Spender bereiterklären oder nicht, ist ihre ganz private Entscheidung." 

So reagierte Rebecca Jung auf die Entscheidung des Bundestags

"Ich habe diese Entscheidung irgendwie schon kommen sehen. Es ist schade für die vielen Menschen, die sich die Widerspruchslösung gewünscht haben. Ich denke, dass jetzt noch viel viel mehr Arbeit von Betroffenen stattfinden muss, damit das Thema, was gerade so im Gespräch ist, nicht wieder untergeht."

  • Sigrid Harner

    ... stand vor einer sehr schwierigen Entscheidung.

"Dass mein Sohn Samuel gerade stirbt, erfuhr ich quasi nebenbei. Er lag schwer verletzt mit einem Schädelhirntrauma auf der Intensivstation und hatte eine lange Operation hinter sich. Als zwei junge Ärzte ihre Visite machten, fragten sie mich, was mit Samuels Organen sei. Ich reagierte verdutzt: Was soll denn damit sein, mit denen ist doch alles in Ordnung? - "Ja eben" antwortete der Arzt. Erst da wurde mir klar, dass mein Sohn nicht mehr zu retten ist.

Samuel Harner (Sohn von Sigrig Harner)
Der Sohn von Sigrid Harner, Samuel, wurde Opfer eines Gewaltverbrechens.
Quelle: Privat

Ich wusste, dass Samuel seine Organe spenden möchte. Das hat mir in dieser traumatischen Situation geholfen. Doch es gibt genügend Angehörige, denen es anders geht. Deshalb befürworte ich die Widerspruchslösung. Sie verpflichtet einen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Denn bei der Organspende sollte jedem bewusst sein: Wer zu Lebzeiten keine Entscheidung trifft, schiebt sie seinen Angehörigen zu. Die leiden häufig ihr Leben lang unter der Entscheidung, die sie treffen mussten.

Mich hat die Organspende meines Sohnes getröstet. Er hat damit fünf Menschen ein längeres Leben ermöglicht. Darauf bin ich stolz. Auch auf das Ereignis mit den Ärzten folgten zum Glück viele positive Erfahrungen. Ich wurde umfassend beraten und konnte mich vor der Operation intensiv von ihm verabschieden."

So reagierte Sigrid Harner auf die Entscheidung des Bundestags

"Ich hatte das Ergebnis der Abstimmung so erwartet. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Ich hoffe, das durch die Aufmerksamkeit für das Thema sich in Zukunft mehr Menschen Gedanken darüber machen und eine Entscheidung für sich treffen. Jeder sollte sich bewusst sein, dass er selbst in die Lage kommen kann, dass nur das Geschenk der Organspende sein Leben retten kann."

  • Burkhard Tapp

    ... litt schon als Baby an einer chronischen Lungenerkrankung.

"Der Anruf kam um 1:45 Uhr in der Nacht. Ich war gerade in Berlin, weil ich am nächsten Tag einen Vortrag halten sollte. "Also, das passt mir jetzt gar nicht", war meine spontane Reaktion. Dabei wollte ich natürlich nichts dringender als eine neue Lunge. Zehn Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet.

Ich befürchte, dass die Spendenbereitschaft durch das neue Gesetz noch weiter sinken wird. (...) Menschen wollen die Hoheit über ihre Entscheidungen behalten.
Burkhard Tapp

Es gibt noch viel zu tun in der deutschen Organspende, aber ich glaube nicht, dass die Widerspruchsregel an den langen Wartezeiten etwas ändern kann. Ich befürchte viel mehr, dass die Spendenbereitschaft durch das neue Gesetz noch weiter sinken wird. Denn in den fast drei Jahrzehnten, in denen ich nun über die Organspende aufkläre, habe ich eins gelernt: Menschen wollen die Hoheit über ihre Entscheidungen behalten. Genau, wie es hierzulande jedem überlassen ist, ein Testament oder eine Patientenverfügung anzufertigen, sollte auch die Entscheidung für oder gegen eine Organspende ohne Verpflichtung getroffen werden. Ein zentrales Organspende-Register kann also nur funktionieren, wenn ich jeder Zeit in der Lage bin, die Entscheidung offen zu lassen und meinen Eintrag zu ändern.

Die Schlüsselrolle sehe ich bei den Krankenhäusern, dort braucht es eine strukturelle Veränderung. Das im April in Kraft getretene Gesetz, das Krankenhäusern mehr Zeit und Geld für die Organtransplantation gibt, muss zügig umgesetzt werden. Denn wenn Intensivstationen geschlossen werden, weil Pflege- und Fachkräfte

  • Heiko Burrack

    ...verbrachte große Teile seines Studiums an der Dialyse.

"Meine Nierentransplantation ist nun schon fast 26 Jahre her. Und dennoch gibt es eigentlich keinen Tag, an dem ich nicht mit großer Dankbarkeit an meinen Spender bzw. seine Angehörigen denke. Denn nur weil ich damals dringend eine Niere brauchte, konnte ich nicht erwarten, dass ich auch eine bekomme. Ich hätte auch sterben können. Ohne eine Spende würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr leben.

Niemand setzt sich gerne mit dem Tod auseinander. Doch allein, weil wir alle auf eine Organspende angewiesen sein könnten, sollten wir uns damit beschäftigen und dann eine Entscheidung treffen.
Heiko Burrack

Erwarten konnte ich allerdings, dass ich zumindest auf eine entsprechende Warteliste komme. Dieses Recht hat jeder Betroffene, wenn keine Kriterien vorliegen, die gegen eine Transplantation sprechen. Wenn jeder aber eine solche "Listung" erwarten kann, dann sollte dies auch für die Auseinandersetzung mit der eigenen Spendenbereitschaft gelten.

Niemand setzt sich gerne mit dem Tod auseinander. Doch allein, weil wir alle auf eine Organspende angewiesen sein könnten, sollten wir uns damit beschäftigen und dann eine Entscheidung treffen; wie immer auch hier das Ergebnis ist."

So reagierte Heiko Burrack auf die Entscheidung des Bundestags

"Für mich als Betroffenen ist die Lösung eine vertane Chance. Wir sind Schlusslicht in Europa, was die Organspenden angeht, und es werden es ohne die Widerspruchslösung bleiben. Menschen werden sterben, die leben könnten. Keine Variante der Zustimmungslösung wird zu mehr Organspenden führen. In einigen Jahren werden wir wieder die gleiche Diskussion führe, dann hoffentlich mit einem besseren Ergebnis."

Die Gespräche mit den vier Betroffenen wurden im Vorfeld der Entscheidung geführt. Die Reaktionen auf die Absage an die Widerspruchslösung wurden nachträglich eingefügt.

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