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Prozess zu 24-Stunden-Pflege - Ausbeutung rund um die Uhr?

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Täglich 24 Stunden mussten sie arbeiten, ohne freie Tage oder das Haus für längere Zeit verlassen zu können. Zwei Pflegerinnen aus Osteuropa klagen auf Überstunden-Nachzahlung.

Pflegerin kümmert sich um alte Frau
Pflegerinnen aus Osteuropa stehen oft 24 Stunden auf Abruf.
Quelle: ap

Daniela Pancu aus Rumänien hat Elke aus Bayern gepflegt. Bis zum Tod wich sie der Patientin nicht von der Seite. Rund um die Uhr war sie für sie da - auch nachts. "Jetzt weiß ich", sagt die 45-Jährige, "es müssten zwei oder drei Mitarbeiter sein, aber ich war nur allein und nur für sechs Stunden pro Tag bezahlt."

1.800 Euro brutto pro Monat

Ebenhausen in Bayern. Ihr Bruder hatte der schwerkranken Elke versprochen, dass sie zuhause sterben dürfe. Er selbst aber konnte sie nicht pflegen. Nach einem Autounfall brauchte er Hilfe. "Daniela sei wie ein Engel gewesen", schwärmt der Bruder, "mit so viel Hingabe, besser könne man einen Menschen nicht pflegen."

Doch wurde die Rumänin für alle die Arbeitsstunden auch entlohnt? Ihr Arbeitgeber, ein Pflegedienst aus Bayern, zahlte Daniela Pancu 1.800 Euro brutto im Monat - für sechs Arbeitsstunden pro Tag.

Experte: Bereitschaftszeit ist Arbeitszeit

Doch Patientin Elke litt gleich unter mehreren Krankheiten: multiple Sklerose, Brustkrebs im Endstadium und epileptischen Anfällen - Pflegegrad 5. Die Rumänin wohnte im Zimmer neben ihrer Patientin. Per Notfallknopf konnte die ihre Pflegekraft jederzeit zu sich rufen - auch in der Nacht. 

Wie sollte da nach sechs Stunden Feierabend sein? Für den Arbeitsrechtsexperten Peter Schüren ist das ein klarer Fall von Bereitschaftszeit. Und Bereitschaft müsse bezahlt werden. Doch der Arbeitgeber, der Pflegedienst aus Bayern, bestreitet die Überstunden. Also klagt Daniela Pancu jetzt vor dem Arbeitsgericht in München.

Geschätzt 700.000 Osteuropäerinnen

Pflegeexperten schätzen, dass bis zu 700.000 Osteuropäerinnen in der 24-Stunden-Pflege arbeiten. Ohne Frauen wie Daniela Pancu würde die häusliche Pflege zusammenbrechen, schlussfolgert Agnieska Misiuk vom Projekt "Faire Mobilität" und bringt es auf den Punkt:

Die Betreuungskräfte aus Osteuropa bilden defacto die dritte Säule unseres Pflegesystems. Aber sie werden ausgebeutet.
Agnieska Misiuk, Projekt "Faire Mobilität"

Denn die Bundesregierung habe bislang versäumt, den Arbeitsalltag der 24 Stunden-Kräfte rechtssicher und bezahlbar zu regeln. "Wir sind auch Menschen", sagt Daniela Pancu, "wir kommen nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Aber wollen dafür auch ordentlich bezahlt werden."

In Deutschland fehlt es an medizinischem Personal. Die Corona-Krise zeigt, dass eines der teuersten Gesundheitssysteme lange nicht das beste ist. Womöglich droht jetzt sogar der Kollaps.

Beitragslänge:
28 min
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Das System verändern

"Frauen aus Osteuropa bekommen weniger Geld, sie bezahlen uns einfach weniger", erzählt auch Dobrina Alekseva aus Bulgarien. Auch sie musste in Deutschland deutlich länger arbeiten, als in ihrem Vertrag stand. 2015 und 2016 hatte die Bulgarin in Berlin eine 96-Jährige versorgt. Für knapp 1.000 Euro im Monat.

Nachts musste sie die Zimmertür offenlassen, damit sie jederzeit das Rufen der alten Dame hören konnte. "Die Familie hat von mir erwartet, dass ich für sie koche, einkaufe, putze, wasche, bügele, sie überallhin begleite."

Ich war immer auf Abruf, immer in der Wohnung oder bei der Patientin - ich hatte nicht mal Zeit, um bis zum Alexanderplatz zu fahren, um dort einen Kaffee zu trinken.
Dobrina Alekseva, Pflegerin

Auch Dobrina Alekseva hat ihren Arbeitgeber verklagt. Sie will das System verändern, damit in Deutschland deutsche Angestellte und Osteuropäerinnen gleichberechtigt sind und sie die gleichen Gehälter bekommen. "Schließlich", sagt Dobrina Alekseva, "kümmern wir uns um ihre Eltern und arbeiten dabei viel länger als die Deutschen in einer Arbeitsschicht."

Ein deutsches Gericht urteilte: Die Bulgarin hat 21 Stunden pro Tag gearbeitet. Ihr Arbeitgeber muss ihr die Überstunden nachzahlen. Im Juni wird das Bundesarbeitsgericht über den Fall entscheiden. Hat das Urteil Bestand und werden die Richter auch im Fall von Daniela Pancu die Überstunden anerkennen, könnte das die 24-Stunden-Pflege in Deutschland erheblich ins Wanken bringen.

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