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Gas-Drohungen aus Russland : Wer steckt hinter angeblichem Gazprom-Video?

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In einem tausendfach geteilten Propaganda-Video wird Europa der Gashahn abgedreht - angeblich stammt es von Gazprom. Doch das stimmt offenbar nicht. ZDFheute mit einer Spurensuche.

Screenshot: Gazprom-Video
Screenshot aus dem Propaganda-Video, das vermutlich nicht von Gazprom stammt.
Quelle: Telegram

Ein Mitarbeiter von Gazprom geht zu einem Schaltkasten, dreht einen der Knöpfe auf Null. Eine Turbine geht aus, die Druckanzeige fällt ab. Eine weiße Eiswolke fliegt ins Bild - Europa ist plötzlich weiß verschneit. "Und der Winter ist lang", singt eine Frauenstimme zu einer melancholischen Melodie. 

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Das Video wurde tausendfach geteilt, bei Twitter und Telegram, selbst von etablierten großen Medien mit Millionen Followern, von RTL in Frankreich, der "DailyMail" in Großbritannien, über Spanien und Österreich bis hin zu SkyNews in Australien.

Auch etablierte Russland-Experten verbreiteten das Video über ihre Social-Media-Kanäle, stets unter Verweis auf Gazprom als Quelle. Doch ZDF-Recherchen zeigen: Das Video stammt offenbar gar nicht von Gazprom. Dafür gibt es mehrere Hinweise:

1. Das verwendete Material

Beim Videomaterial scheinen sich die Macher an verschiedenen Stellen bedient zu haben. Etwa beim Youtube-Kanal "The B1M" - teils ist dessen Logo oben links im Bild zu sehen. Anders als das Gazprom-Logo, denn das wird, bis auf das Emblem auf der Mitarbeiter-Jacke, zu keinem Zeitpunkt eingeblendet - ungewöhnlich, soll es doch ein offizielles Video der Firma sein.

Ein Hinweis ist auch die Musik im Video: Im Hintergrund läuft das Lied "Winter" der Sängerin Varvara Vizbor, basierend auf einem bekannten russischen Gedicht, das die Härte dieser Jahreszeit schildert. Die Macher des Propaganda-Videos haben sich dafür vermutlich bei einem Live-Auftritt der Sängerin aus dem Jahr 2016 bedient. 

Hätte sich Gazprom nicht zumindest für eine offizielle Studio-Version entschieden? All das lässt nicht den Eindruck einer professionellen Produktion eines Milliardenkonzerns entstehen.

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2. Wer verbreitet das Video?

Auf den offiziellen Kanälen von Gazprom wurde das Video nicht verbreitet. Es sind vor allem private Nutzer aus Russland, die das Video seit 48 Stunden auf den diversen Plattformen unter verschiedenen Bezeichnungen hochladen. Eine offizielle Quellenangabe fehlt meist, teils wird aber auch dort Gazprom als Urheber genannt.

3. Fehler im Video

In dem Kurzfilm werden nicht nur europäische Städte wie Berlin oder Paris gezeigt, die in der Kälte versinken - auch eine große Brücke über einen Fluss ist zu sehen. Die befindet sich aber tatsächlich in Russland, in der Stadt Krasnojarsk in Sibirien. Vergleichsbilder zeigen: Es handelt sich um die Vinogradovsky-Fußgängerbrücke über den Fluss Jenissei. Über diesen Fehler im Video hatte t-online zuerst berichtet.

4. Der Urheber gibt sich zu erkennen

Tatsächlich gibt es klare Hinweise darauf, wer hinter dem Video stecken soll - und die deuten nicht auf Gazprom hin, sondern auf einen russischen Journalisten aus Sankt Petersburg.

Erstmals veröffentlicht wurde es vermutlich am 5. September auf einem russischen Telegram-Kanal, der sich "Rücksichtsloser PR-Mann" nennt. Er hat mehr als 140.000 Abonnenten und verbreitete dort das Video. Dieser erste Post nennt den Journalisten Arthur Khodyrev als Autoren des Videos und verlinkt auf dessen Telegram-Kanal "Bratskiyvopros". Er soll das Video erstellt haben.

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Am 6. September veröffentlicht der Kanal von "Rücksichtsloser PR-Mann" dann eine lange Nachricht, worin auf die Entstehung und Kontroversen rund um das Video eingegangen wird. Auch in Russland werde viel darüber diskutiert, selbst bekannte Politiker teilten es.

Der Clip sei von Khodyrev in weniger als drei Stunden erstellt worden, schreibt der Kanal weiter. Ein Mitarbeiter habe passendes Videomaterial herausgesucht und sich dabei vor allem bei Youtube bedient. Khodyrev habe sich schließlich an ihren Kanal gewandt, mit der Bitte um Verbreitung.

Khodyrev scheint sich über den Wirbel zu freuen, den seine Arbeit ausgelöst hat. Er teilt etwa einen Artikel aus der britischen "Daily Mail", worin Gazprom selbst für das Video verantwortlich gemacht wird.

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Verbindungen zu Gazprom hat Khodyrev zumindest indirekt. Als Journalist für den russischen Sender Russia24 habe er bereits Material bei Gazprom gedreht. Solche Videos Khodyrevs aus den vergangenen Jahren lassen sich im Netz finden. 

Auch die russische Nachrichtenseite "Fontanka.ru" hat dem Video hinterherrecherchiert und kommt zum gleichen Ergebnis. Khodyrev teilte "Fotanka.ru" zudem mit, dass ihm angeblich kein Geld für das Video gezahlt wurde. Er habe damit zeigen wollen, was in Folge des "europäischen Gasselbstmords" passieren werde.

Die Psychologin Pia Lamberty vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) weist gegenüber ZDFheute darauf hin, dass sich das Video an mehrere Zielgruppen richtet: "Propaganda soll immer das Innere stärken und das Äußere destabilisieren."

Dieses Video wirkt also einerseits nach Russland hinein, wo eine große Macht von Gazprom und Russland inszeniert werden soll. Nach dem Motto: Wenn Gazprom wegbricht, bricht Europa zusammen. Andererseits wirkt es nach außen, in die EU hinein.
Pia Lamberty, CeMAS

Fazit:

Das Video hat in Russland wie in Europa inmitten der Energiekrise einen Nerv getroffen. Als Propaganda funktioniert es gut, löst teils heftige Emotionen aus. Von Gazprom selbst hingegen stammt es vermutlich nicht. Der Konzern ließ eine Anfrage von ZDFheute unbeantwortet.

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