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Interview

Protestierende in Belarus - "Wir sind Kanonenfutter"

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Trotz Repressionen und Verhaftungen will die Opposition in Belarus weiter demonstrieren. Ein Gespräch mit dem Jazzmusiker Pavel Arakeljan über Protest und Hoffnung in Belarus.

Jazz-Musiker aus Minsk
Der Jazzmusiker Pavel Arakeljan aus Minsk war selbst Gefangener - und erzählt über die Lage in Belarus.
Quelle: ZDF

ZDFheute: Stimmen die Berichte über Folter in den Haftanstalten?

Pavel Arakeljan: Alles, was Ihr über Folter in belarussischen Gefängnissen hört, ist die Wahrheit. Die Bedingungen waren dort schon immer sehr schlecht, für politische Gefangene sind sie allerdings noch miserabler. Ich war selbst Gefangener und wurde mit 15 weiteren Insassen in eine Zelle gesteckt, die für acht ausgelegt war.

In Zeiten von Corona stecken sie absichtlich jemanden mit Symptomen mit in die Zelle und am Ende hat jeder, der rauskommt, das Virus. Es gab weder Klopapier noch Duschmöglichkeiten. Zudem wird einem viel zu wenig Verpflegung bereitgestellt und Lieferungen von außen wurden nicht übergeben. Manchmal gab es auch noch Prügel.

Wir alle wissen, dass die Menschen, die länger dort sind, höchstwahrscheinlich nicht lebend wieder herauskommen.

ZDFheute: Haben Sie Angst, erneut festgenommen zu werden?

Arakeljan: Ich habe nicht mehr Angst als vorher. Viel größere Angst habe ich vor dem, was jetzt passiert. Das ist keine Einschüchterung mehr, sondern Genozid. Die Menschen werden verkrüppelt und getötet, damit sie willenlos werden - das ist die Zerstörung eines ganzen Volkes.

ZDFheute: Ist diese Angst auch der Grund dafür, dass die Proteste in Belarus nachgelassen haben?

Arakeljan: Ja, natürlich. Außerdem mussten Zehntausende das Land verlassen. Weitere Tausende sitzen hinter Gittern. Ich habe jedoch das Gefühl, dass immer mehr Menschen anfangen, oppositionell zu denken. Sie wissen nur nicht, was sie tun können.

Trotz Einschüchterungen, Verhaftungen und Gewalt wollen Lukaschenkos Gegner weiter ihren Protest zeigen.

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2 min
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ZDFheute: Von was handelt Ihr Lied "Morgen"?

Arakeljan: Das Lied spiegelt mein Verständnis der jetzigen Situation wider. Menschen, die auf der Straße niedergeknüppelt und ermordet werden - das gab es alles schon und es wird wieder passieren. Ich will ihnen klar machen, was für ein Risiko sie eingehen.

Wir sind einfach Kanonenfutter.

Und wie viele von uns am Ende sterben werden, hängt von den Menschen im Ausland ab. Die Figuren im Videoclip stellen den Kampf zwischen Gut und Böse dar.

Das Gute ist der kollektive Belarusse - das sind alle, die das Verlangen verspüren, ein menschliches Leben zu führen. Das Böse sind die okkupierenden Mächte, die uns unterdrücken. Für sie stehen die Wölfe und der Rabe, die an uns zerren.

Das ist nicht nur Lukaschenko, denn alleine kann er ja nichts ausrichten. Das sind all die Menschen, die das Regime am Laufen halten. Dumme Menschen ohne moralischen Kompass, die bereit sind, andere für einen kleinen eigenen Vorteil zu unterdrücken.

Präsident Lukaschenko will am "Tag des Willens" in Belarus auch nur geringste Anzeichen von Protesten unterdrücken.

Beitragslänge:
2 min
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ZDFheute: Und wofür stehen der Vogel und die roten Linien?

Arakeljan: Das ist ein Phönix und die roten Linien stehen für uns Menschen, für unser Blut. Keiner weiß, wie viel Blut noch vergossen werden muss, damit der Phönix aufersteht oder ob er überhaupt je auferstehen wird. Im Lied sage ich, dass es vielleicht übermorgen geschieht. Das "Morgen" hat in Belarus aber schon begonnen.

Die Menschen wollen Menschen sein. Sie haben das nicht nur der ganzen Welt gezeigt, sondern vor allem einander.

Das ist schon morgen. Und übermorgen ist es, wenn wir frei atmen können und unsere Existenz nicht mehr ständig bedroht ist.

ZDFheute: Wie sieht die Zukunft von Belarus Ihrer Meinung nach aus?

Arakeljan: Ich weiß, dass diese neue Zukunft früher oder später eintreffen wird. Zum heutigen Zeitpunkt sehe ich jedoch zwei mögliche Verläufe. Der erste ist, dass alles einfach so weitergeht und das gegenwärtige Besatzungsregime das Volk zerstört.

Der zweite ist, dass wir vom russischen Imperium mit dem verrückten Putin an der Spitze besetzt werden. Das ein oder andere wird eintreten. Und wenn es mit unserem heutigen Regime zu Ende ist, werden die Mächtigen noch Zehntausende oder gar Hunderttausende Leben mit in die Tiefe reißen.

Das Interview führte das ZDF-Studio Moskau.

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