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Urteilsverkündung im Stutthof-Prozess

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SS-Wachmann vor Gericht - Urteilsverkündung im Stutthof-Prozess

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Das Landgericht Hamburg will heute das Urteil gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof verkünden. Die Staatsanwaltschaft hat eine Jugendstrafe von drei Jahren Haft gefordert.

In einem der mutmaßlich letzten Prozesse wegen der Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazizeit wird morgen das Urteil erwartet. Dem ehemaligen SS-Wachmann Bruno D. wird Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vorgeworfen.

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Die Straftaten, die Bruno D. laut Anklage begangen haben soll, liegen mittlerweile 75 Jahre zurück. Er war 17 Jahre alt, als er am 9. August 1944 begann, im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig als Wachmann zu arbeiten. Laut Anklage stand er auf den Wachtürmen des Lagers und war Mitglied der SS-Wachmannschaft.

Viele Fragen, die das Gericht bewerten muss

Welche Tätigkeiten in einem Konzentrationslager reichen aus, um sich der Beihilfe am Massenmord schuldig zu machen? Inwieweit wusste der Angeklagte, was damals im Lager passierte? Hätte sich der Angeklagte aus dem KZ versetzen lassen können, zum Beispiel an die Front?

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Antworten auf diese und andere Fragen muss das Landgericht Hamburg finden. An diesem Donnerstag soll nach 44 Verhandlungstagen das Urteil fallen.

"Rädchen der Mordmaschinerie"

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 93-jährigen Bruno D. die 5.230-fache Beihilfe zum Mord vor. Er sei zwar nicht direkt an den Tötungen beteiligt gewesen, habe aber durch seinen Wachdienst den Massenmord im Lager unterstützt. Er habe als "Rädchen der Mordmaschinerie" fungiert.

Bruno D. hatte im Prozess eingeräumt, 1944 und 1945 für rund acht Monate Wachmann gewesen zu sein. "Ich habe keine Schuld, was damals passiert ist", hatte er im Prozess gesagt.

Ich habe dazu nichts beigetragen, außer dass ich Wache gestanden habe. Aber dazu wurde ich gezwungen, das war Befehl.
Bruno D., Angeklagter

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass D. das Ausmaß der Verbrechen bewusst gewesen sei. Das bestreitet die Verteidigung: D. habe während seines Diensts den inneren Lagerbereich gar nicht betreten dürfen.

Als Jugendlicher in der Wachmannschaft

Die Staatsanwaltschaft hält dem Angeklagten außerdem vor, dass er die Chance gehabt hätte, sich dem Dienst zu entziehen, sich zum Beispiel an die Front versetzen zu lassen. Der Verteidiger von D. sagte dagegen, mit Blick auf die damalige "Befehlshörigkeit" habe schlicht nicht erwartet werde können, dass ausgerechnet ein in seinem Wesen ungefestigter Jugendlicher "aus der Reihe tanzt".

Im Konzentrationslager Stutthof hielt die SS mehr als hunderttausend Gefangene - viele davon Jüdinnen und Juden - unter katastrophalen Bedingungen fest, um sie durch Krankheiten, Hunger und Sklavenarbeit langsam zu ermorden. Das Lager diente auch als Vernichtungslager.

Es wird nach Jugendstrafrecht geurteilt

Zu seiner Zeit als SS-Wachmann war Bruno D. anfangs 17 Jahre alt und damit minderjährig. Deshalb gilt im Prozess das Jugendstrafrecht, auch wenn der Angeklagte mittlerweile 93 Jahre alt ist.

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Die Staatsanwaltschaft hat für ihn eine Jugendstrafe von drei Jahren Haft gefordert. Er habe sich der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht, weil er gewusst habe, was in der Gaskammer des Lagers passierte und dass Menschen in einem Nebenraum des Krematoriums erschossen wurden.

Der Verteidiger von D. hat dagegen Freispruch beantragt. Die alleinige Mitgliedschaft in der SS-Wachmannschaft sei in der deutschen Rechtsprechung bislang nicht als Beihilfe zum Mord gewertet worden.

Worte der Reue

In seinem letzten Wort hatte der 93-jährige Angeklagte Anfang der Woche gesagt:

Heute möchte ich mich bei allen Menschen, die durch diese Hölle des Wahnsinns gegangen sind, und bei ihren Angehörigen und Hinterbliebenen entschuldigen.

Das dürfe sich niemals wiederholen.

Wohl einer der letzten Prozesse dieser Art

Der Prozess ist nur möglich, da sich die Rechtsprechung in den vergangenen zehn Jahren geändert hat: Seit 2011 wurden Wachleute und anderes KZ-Personal in verschiedenen Gerichtsverfahren wegen der Beihilfe zum Mord verurteilt, obwohl ihnen keine eigenen Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2016 eines dieser Urteile.

Das Hamburger Urteil wird vermutlich eines der letzten wegen der Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazizeit sein, denn viele der mutmaßlichen Täter leben inzwischen nicht mehr. Zurzeit laufen in Deutschland noch 14 Ermittlungsverfahren gegen ehemalige KZ-Wachleute. Wie viele davon sich noch vor einem Gericht verantworten müssen, ist offen.

Dem Autor auf Twitter folgen: @christiandeker

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